Im Alter noch reiten lernen – muss das?

Es gibt Orte, die sind besonders und man merkt es gleich. Wir durften ja nun schon einiges sehen und erleben. Und es waren viele Orte dabei, die uns gut gefallen haben. Aber fragte man mich – und wahrscheinlich auch die anderen – nach unserem Lieblingsort hier in Brasilien, die Antwort wäre wahrscheinlich eindeutig: Die Reitschule Desempenho. Dabei hatte ich mit Reiten nie was am Hut.

Beim ersten Besuch hatten wir uns auch gleich verfahren. Genauer: Bei meinem ersten Besuch. Zu allererst waren Wiebke und die Kinder da, während ich in Brasilia war. Beim zweiten Mal war nun auch ich dabei. Mauro, unser Leib- und Magentaxler, hatte sich angeboten, uns nach Cachoeirasde Macacu zu bringen. Das ist ein kleiner Ort im Bundesstaat Rio, irgendwo auf der Strecke zwischen Rio, dem Badeort Cabo Frio und Novo Friburgo in den Bergen.

Ein Navi ist ja gut und schön, aber ohne Netzverbindung nutzlos. Zumal die Reitschule natürlich nicht mitten im Ort liegt, sondern außerhalb. Ziemlich außerhalb sogar. Die letzten 6 Kilometer geht es über Schotterpiste. Gleich hinter einem altersschwachen Betonbrücklein (hoffentlich hält das Teil noch eine Weile, ich halte immer die Luft an, weil ein Auto so gerade drüberpasst) beginnt das Gelände.

Ella hatte uns schon lange mit ihrem Reitwunsch bearbeitet. Seit sie vier war, glaube ich. Mit dem Satz „du bist noch zu klein, wenn du acht bist darfst du reiten“, hatte uns die Realität im September 2017 eingeholt. Natürlich hatte Ella das nicht vergessen. Und das Reiten hatte sie auch noch nicht abgehakt. Nun musste also Reitunterricht her. Aber finde mal in einer sechseinhalb Millionen Stadt eine Reitschule.

Es gibt da die Hípica an der Lagoa. Chic und exquisit und entsprechend teuer. Zudem: Reiten im Schichtbetrieb. Die armen Viecher. Aber Hauptsache, alle Kinder tragen das selbe Outfit. Immer schon im Kreis, nein, danke. Wenn schon reiten, dann muss das auch für die Tiere halbwegs okay geregelt sein. Da schweift der Blick dann schnell ins Umland.

Ohne Internet hätte Wiebke Desempenho nie gefunden. Wie auch? Über die Geschichte weiß ich nicht viel. Nur, dass der Gründer Bjarke war. Ein Pferdenarr aus Dänemark, der sich irgendwann nach Brasilien verirrt hatte. In Ungarn war er das erste Mal mit dem berittenen Bogenschießen in Kontakt bekommen. Diesen Pferdesport importierte er nach Brasilien. Gemeinsam mit Mara,seiner deutschen Frau, deren Vorfahren aus dem Baltikum stammten, baute er sich über die Jahrzehnte diese Reitschule auf.

Ganz schön hoch!

Sein Ansatz muss für brasilianische Verhältnisse geradezu revolutionär gewesen sein. Zumindest lautete sein Credo stets: Das Gleichgewicht zwischen Pferd und Mensch. Ich kenne mich zu wenig aus, als dass ich das beurteilen könnte. Aber als ich das erste Mal auf einem Pferd – es hieß Reno – saß, ordentlich Schiss hatte (das ist sauhoch! Und es bewegt sich) und mir mein Reitlehrer Junior erkärte, wie ich entspannt atmen solle, damit ich ohne Steigbügel und freihändig nicht völlig verkrampfte, gelang es mir eher schlecht als recht, das Gesagte umzusetzen. Aber irgendwie leuchtete mir das Ganze ein. Reno reagierte sehr genau auf meine ungenauen Kommandos, die ganz ohne wildes Gehampel geschahen.

Mein Kontakt zum Reiten erstreckte sich bis dahin weitgehend auf das Schauen von Wild-West-Filmen, in denen ja in der Regel wild galoppiert wird. Der Cowboy schlägt mit den Zügeln, oder haut dem Pferd die Sporen in die Seiten. Grundsätzlich merkte ich, wie mich diese passive Reiterfahrung zunächst eher hemmte. Es gibt Pferde, die muss man ordentlich mit den Hacken in den Bauch stupsen, damit sie aus dem Schritt in den Trott übergehen. Brandon ist so ein Fall. „Pernas, pernas! Beine, Beine!“ruft dann Junior oder Kendall, der andere Reitlehrer. Erst als sie mir versicherten, dass diese dem Pferd keine Schmerzen bereitet, sondern eher ein Knuff ist, ein Anstupser und Aufmerksam-Macher, tat ich, wie mir gesagt wurde. Aber bis heute noch immer eher widerwillig. Den Einsatz der Gerte, ebenfalls nur ein Antippen eigentlich, ist mir gänzlich zuwider.

Pferde sind wie Menschen – jedes ist anders

Aber manchmal muss es sein. Jedes Pferd ist anders. Manche sind eher lahmarschig wie eben Brandon, bei dem auch noch ein ziemlich ausgeprägter Eigensinn hinzukommt. Andere sind ängstlich bis nervös, lassen sich schnell aus der Ruhe bringen, etwa wenn jemand anderes zu laut spricht. Wieder andere haben ein dermaßenes Temperament, dass man sie nur anzutippen braucht und sie gleich in den Trab oder Galopp gehen. Man kann das mit Autos vergleichen. Einen alten Käfer muss man ordentlich treten, damit er vom Fleck kommt. Mit wenig Fußspitzengefühl setzt man einen Porsche garantiert schnell an den nächsten Baum. Es wird niemanden wundern, dass ich im Zweifelsfall zum Käfer neigen würde, so auch bei den Pferden. Es ist wirklich kaum zu begreifen, wie unterschiedlich diese Tiere vom Gemüt sein können, wenn man nicht versucht hat, sich darauf fortzubewegen.

Ich gebe auch gerne zu: Vor jeder Reitstunde habe ich einen gehörigen Respekt. Es sind eben doch Tiere und nur bedingt berechenbar, auch wenn sie auf Desempenho mit viel Leidenschaft und Akribie trainiert werden. Vielleicht ist es der schiere Perspektivenwechsel – immerhin befindet man sich auf annähernd 3 Metern Höhe, wenn man auf einem ausgewachsenen Pferd sitzt. Ganz sicher ist es aber der späte Zeitpunkt des Beginns, der einen verkrampfen lässt. Kinder sind da, wie in vielen Dingen klar im Vorteil, weil sie viel natürlicher und unbedarfter an die Sache rangehen. Als Erwachsener malt man sich vor allem die Risikos aus, die während der Reitstunde lauern könnten. Sind ja auch einige.

Aber ich wollte ja über den Hof erzählen

Mache ich auch gleich. Aber das eine muss ich doch noch sagen. Es ist schon ein unglaublich cooles Gefühl, wenn man sich dann doch überwindet, dem bereits im Trab recht zügig sich fortbewegenden Pferd nochmals einen Stupser in die Seite zu geben. Ganz hochschalten, bedeutet das dann, sprich: Ab in den Galopp. Das stakkatoartige Gerumpel des Trabs geht dann mit einem Mal in eine sehr viel geschmeidigere, wellenartige Bewegung über. Statt wie ein Sack Nüsse, wenn man nicht aufpasst oder aus dem Rhythmus ist, auf den Pferderücken zu klatschen und zu titschen wie ein schlecht angebundener Sack, wirkt der Galopp wesentlich ruhiger und runter – aus dem Gehoppel wird eine gleitende, fließende Bewegung. Den ersten Übergang werde ich wohl nie mehr vergessen.

Was soll eigentlich der Quatsch, mit fast Mitte 40 mit dem Reiten anfangen. Tja, eigentlich nur wegen Ella. Was soll man sonst so ein Wochenende lang auf dem Bauernhof machen, wo es nur an genau einer Stelle halbwegs Wifi gibt und das Freizeitangebot sich ansonsten nur auf Wandern und Spaziergänge beschränkt? Beim ersten Mal war es für mich noch so. Morgens, kurz vor der Abreise, hatte ich mit im Bad einen Hexenschuss zugezogen. Da ging nichts mehr. Die bereits gebuchten Reitstunden mussten ausfallen. Erst beim zweiten Mal durfte ich selbst ran.

Das eigentlich schöne daran ist, sich eine oder anderthalt Stunden einmal komplett auf etwas anderes, neues zu konzentrieren. Keine eingeschliffenen Muster abrufen, ganz von vorne beginnen. Kommandos in Bewegungsabläufe übersetzen und sich diese einprägen, wenn sie zum gewünschten Ergebnis führten. Und mit jedem Mal kommen kleine neue Dinge hinzu. Manchmal merkt man es ger nicht direkt. Da wird zunächst wiederholt, Handlungen abgerufen, um sie am Ende doch noch etwas zu verfeinern und auszubauen und mit anderen zu erweitern. Hat was von Fahrstunde. Und nebenbei nach was mit Tieren zu machen, etwas drüber zu lernen und an der frischen Luft zu sein, hat ja auch was. Ich will ja keine Turniere reiten. Nein, einfach Sicherheit im Sattel gewinnen, eine gute Zeit haben und etwas auch gemeinsam mit allen Familienmitgliedern zu tun – darauf kommt es mir an.

Nur, dass der Fahrlehrer nicht neben einem sitzt und im Bedarfsfall auf die Bremse treten kann, wenn es brenzlig wird. Voriges Wochenende war es tatsächlich so weit. Mit Anibal hatte ich einen eingangs erwähnten Porsche erwischt. Das erste gemeinsame Reiten ist meist etwas holprig, man muss sich halt erst aneinander gewöhnen. Genauer: Der Pferde müssen sich an mich gewöhnen. Und: Nicht jedes Pferd verzeiht jeden Fehler.

Bei Anbal ist es so, dass ein leichter Tick mit der Ferse genügt und er schießt ist. Also wörtlich. Plötzlich machte er einen Satz und jagte durch das Dressurviereck. Ich versuchte ihn mit den Zügeln zu Bremsen,machte jedoch einen Fehler: Um den Halt nicht zu verlieren, legte ich instinktartig meine Beine enger an den Körper Anibals, versuchte mich quasi festzuklammern, um im Sattel zu bleiben. Blöd nur: Für Anibal bedeutet genau diese Bewegung, das Legen der Beine um den Bauch, das Gegenteil, also Vollgas. Erst mit viel Mühe gelang es mir, Anibal zu beruhigen. Ein Fahrlehrer mit Bremspedal wäre in diesem Fall echt was gewesen.

Danach schlotterten mir die Knie. Mit ruhig und langsam Atmen war da zunächst einmal nicht mehr viel .Anibal hatte das erste Machtspielchen eindeutig für sich entschieden. Aber man muss auch gönnen können. Ich war dagegen froh im Sattel geblieben zu sein. Darauf gewettet hätte ich zwischenzeitlich freilich nicht mehr.

So, und über das, was Desempenho so ausmacht, erzähle ich einfach beim nächsten Mal. Könnt ja schon mal selbst reinschauen: https://www.desempenho.esp.br/index.php/pt/