Und plötzlich haste Scheiße am Schuh

Kein geringerer als Weltmeister Andi Brehme lieferte uns das Motto für unserem Muttertags-Spaziergang: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß, sagte er einst. Und wisst ihr was? Er hat recht. Dass sich ausgerechnet Trickbetrüger diese Binse zu eigen machen, war mir indes neu.

Es war alles wunderbar: Wie spazierten auf der Avenida Atlantica in Copacabana in der langsam einsetzenden Dämmerung. Es war Muttertag, der gesperrte Teil der Avenida erfreulich leer, so dass die Kinder sich prima mit Ellas Wakeboard austoben konnten. „Wir schauen kurz drüben auf dem Markt“, riefen wir ihnen zu und wechselten die Straßenseite. Fünf Minuten später waren wir wieder da und beobachteten entspannt das Treiben der beiden. Ein herrlicher Sonntagnachmittag. Doch plötzlich wurde es hektisch.

Zehn Meter von uns entfernt bemerkte ich einen wild gestikulierenden Mann, der aufgeregt auf mich zustürmt. „Senhor! Sujo, sujo“, rief er. Sujo heißt schmutzig. Dabei zeigt er auf meine Füße. Ich verstand nicht was er wollte, bis ich hinunterschaute. Auf meinem rechten Schuh befand sich eine braune dünnschissartige Substanz. Mittendrauf gespratzt. Wer macht sowas?

Doch ehe ich mir die Frage beantworten konnte, kniete sich der Mann vor mich auf den Boden. Das, was er in seiner rechten Hand trug, stellte sich als Fußschemel heraus, auf den er eilig meinen Fuß zog und gleich zu wischen begann.

Er wischte den ersten Schwung Dünnpfiff ab und führte ihn zur Nase. „Oh, no good, no good“, sprach er nun plötzlich auf Englisch, schüttelte den Kopf und bürstete noch einen Gang schneller. „É coco?“ fragte ich. „Ist es Scheiße?“ Er nickte heftig, während er ordentlich Reinigungsmittel über den Schuh goss. Der Fleck verschwand langsam.

Ich kramte schon einmal in der Hosentasche nach Geld. Was gibt man ihn nun? 10, 15 Reais? Oder doch lieber 20? Wiebke zuckte mit den Achseln. Immerhin war ich ja schon recht erleichtert – wie hätte ich sonst mitten auf der Straße den Schuh wieder sauber bekommen sollen, um Himmels Willen? Ach komm, 25. Ich hielt sie dem Mann hin.

Doch anstelle eines Danks, immerhin bot ich ihm für die fünfminütige Arbeit fast 6 Euro an. Doch stattdessen ging nun das Gezeter los. Er zeigt auf sein Fußbänkchen. Dort stand mit Filstift krakelig eine 50 geschrieben. „50 Reais? Nicht im ernst.“ Ich hielt ihm 25 hin. „Das ist genug“,sagte ich. „Ich zahle Steuern“, rief er nun schon lauter, „50 Reais.“

„Kollege, dafür kann ich mir ja gleich ein paar neue Schuhe kaufen.“

Ich legte noch 5 drauf, wir waren nun schon bei 30. Ein obszön hoher Preis für einen unerwünschten Schuhputz. Nun kam die Tränendrüse. „Ich habe acht Kinder.“ Nun platzte mir die Hutschnur. „Entweder du nimmst das jetzt, oder ich bin weg und es gibt gar nichts!“

Die Kinder wurden langsam nervös. „Komm Papi, gib ihm die 50“, sagte Edgar. Der Mann zeigte auf die andere Seite der Fußbank, auf der 100 stand. „Das ist für Stiefel.“ Irgendwo hatte ich auch 20 stehen sehen. „Da steht auch 20 drauf“, erwiderte ich. „Das ist für Sandalen.“

Nun dämmerte es mir langsam. „Ok, wollen wir doch mal sehen, was die Polizisten da hinten dazu sagen“, sagte ich und hob den Arm, um die Sheriffs herbeizuwinken. Klar, das ist hoch gepokert. Im schlimmsten Falle passiert folgendes. Ich werde aufgefordert, den Preis zu zahlen, zudem wird eine Bearbeitungsgebühr fällig. Drum tat ich das auch nur halbherzig. Vielmehr sagte ich nochmals: „Nimm das, mehr gibt es nicht“, und ging.

Mit ein paar Minuten Abstand dämmerte es mir, dass es sich offensichtlich um eine Betrugsmasche für Touristen gehandelt haben muss. Wo, bitteschön, soll die Kacke auch hergekommen sein? Dort auf dem Markt waren keine Hunde, später auch nicht. Und hat schon mal jemand einen Hund mit Flitzkacke einem Menschen auf den Schuh scheißen sehen? Vögel scheiden eh aus. Vielmehr erinnerte mich die Konsistenz und Farbe an dunklen Senf. Den hätte man mir durchaus von irgendwo unbemerkt auf den Schuh spritzen können. Es muss also irgendwo einen Komplizen gegeben haben.

Und wie konnte er das aus mehr als zehn Metern Entfernung erkennen? Klar, Schuhputzer haben sicher einen geschulteren Blick für schmutzige Schuhe als ich jetzt. Aber ohne von irgendwoher ein Zeichen bekommen zu haben, scheint mir das doch ziemlich unwahrscheinlich.

In Deutschland warnt die Polizei vor Weihnachtsmärkten vor Trickbetrüger, die einen mit etwas besudeln und anschließend ist die Tasche leer und der Geldbeutel weg. So etwas Ähnlichem sind wir nun wohl auch aufgesessen. Ärgerlich.

Andererseits hatten wir bisher auch viel viel Glück. Nie hatten wir Probleme, keine Überfälle kein nichts. Vor daher hoffe ich, dass wenigstens die Geschichte von den acht Kindern stimmte. Man kann es den Leuten ja auch nicht verübeln, wenn sie irgendwie versuchen, am leben zu bleiben. Es gibt ja keine Hilfe vom Staat. Wer auf der Straße landet, ist auf die Solidarität der Mitmenschen angewiesen. Da gibt es kein Hartz IV, keine Sozialhilfe, kein gar nichts.