Lasst uns Greta helfen! #FridaysForFuture

Ich gebe es zu. Auch ich bin #Greta. Seit Wochen verfolge ich die beeindruckende Entwicklung vom „Schulstreik für Klimaschutz“ eines einzelnen Mädchens, der jungen Schwedin Greta Thunberg (hier ein Porträt aus dem Guardian), hin zur globalen Massenbewegung „#FridaysForFuture.

Geradezu erbärmlich sind die Versuche, diese zu diskretitieren. Besonders armselige und dumme Gestalten versuchen dies, indem sie sich über das Aussehen Thunbergs lustig machen oder über deren Autismus. Andere, darunter auch konservative Medien wie die Welt, scheuen nicht vor Lügen zurück, indem sie Aussagen umdeuten die plakativ behaupten, die Klimakämpferin aus Schweden befürworte die Atomkraft.

Konservative Politiker tun dies, in dem sie einen Nebenkriegsschauplatz aufmachen. „Es gibt eine Schulpflicht“ hallte es da von Linder über Amthor bis AKK. Die Schüler, so der Tenor, sollen doch gefälligst freitags das Protestieren sein lassen und dies in der unterrichtsfreien Zeit tun. Mann könnte es ja auch andersherum rechnen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW fallen im Schnitt 5 % aller Unterrichtsstunden aus. Macht es doch so: Legt die Ausfälle auf Freitag, lasst die Schüler protestieren und alles ist gut. Klar, war das jetzt polemisch. Mindestens so polemisch und heuchlerisch wie die Fehlstundendebatte auch.

Zudem ist die Reaktion zutiefst entlarvend: Argumentativ gibt es rein gar nichts entgegenzusetzen. Dann halt an Formalien rummäkeln. Konsequent wäre es zudem, bei künftigen Streiks von GDL, Verdi oder Cockpit und wie sie alle heißen, darauf hinzuweisen, dies bitte in der Freizeit zu tun. Klingt irgendwie komisch? Eben!

Die Erkenntnisse zum Klimawandel sind über 20 Jahre alt

Wer soll sich denn bitteschön um die Zukunft sorgen, wenn nicht die Kinder und Jugendlichen und wenn es die Politik nicht tut? Seit Anfang der 90er-Jahre, eigentlich sogar schon länger, weiß man um die Folge der Erhöhung von CO2-Emissionen, Temperaturerhöhung und deren Folgen. Alles bekannt, lange und breit diskutiert, tolle Absichtserklärungen formuliert. Aber passiert ist nichts. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist seither vergangen. In Deutschland sehen die Bemühungen aktuell so aus: Die selbstauferlegten Klimaziele werden verfehlt, es drohen milliardenschwere Strafzahlungen (natürlich der Steuerzahler) und der Kohleausstieg soll dann irgendwann 2038 so halbwegs stattgefunden haben.

Dass das zu spät ist und den Kindern zu lange dauert, dürfte auch einem Peter Altmeier oder einer Frau Kramp-Karrenbauer einleuchten.


Tut es aber scheinbar noch nicht.

Nun gut. Diskutiert man über den Klimawandel, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem es heißt: Na gut und schön, aber als Einzelner kann man da eh nichts machen. Alles klar, dann lassen wir es halt gleich sein, oder?

Der Einzelne ist hilflos. Wirklich?

Oder man macht sich Gedanken, was man im Kleinen bewirken kann. Hier in Brasilien ist das Thema Umweltschutz noch ganz in den Anfängen. Das Umweltschutzministerium dient nicht dazu, zu überlegen wie man den Regenwald im Amazonas schützen kann. Es dient vielmehr dazu zu scheun, wie Umweltstandards gesent, verhindert oder aufgehoben werden können, um die Amazonasregion als Wirtschaftsraum zu öffnen. Konkret bedeutet das: Schutzgebiete auflösen, bei Abholzungen und Farmern mehr als ein Auge zudrücken und die Bodenschätze in großem Stil zu heben. Was dabei herauskommen kann, hat man im Januar in Brumadinho gesehen (super Multimediareportage der NYTIMES. Auch wenn das keine Regenwaldregion ist.

Es herrscht eine ausgesprochene Wegwerfmentalität. Getränke gibt es entweder in Dosen (selbst Säfte) oder Plastikflaschen. Selbst Restaurants, die einen großen Durchsatz an Getränken haben, verkaufen Dosen, anstatt Getränke offen zu servieren. Was aber auch am Hygienefimmel der Brasilianer liegt. Natürlich gibt es zu jedem Softdrink einen Strohhalm (obwohl seit einigen Monaten zumindest in Rio offiziell verboten). Aber dieser hat in Plastik oder zumindest in Papier verpackt zu sein. Plastikbesteck und Geschirr gehören zu jeder Party.

Im Supermarkt geht er Plastikexzess weiter. Wer unvorbereitet zum Einkauf geht, kommt mit kiloweise Extraplastik zurück. Obst und Gemüse an den Theken werden in dünne Tüten verpackt, die zudem schnell reißen – also besser gleich zwei nehmen. An der Kasse geht ebenfalls alles in Plastiktüten. Sogar Milchtüten werden nochmals zum Transport in Plastiktüten verpackt. Und damit es hält in zwei –während einem die auf 17 Grad Celsius heruntergekühlte Klimaanlage einen steifen Nacken bläst; natürlich gleich neben der geöffneten Ladentür. Außentemperatur 40 Grad.

Es ist echt pervers. Anfangs erstickten wir im Müll, wussten nicht wohin damit. Inzwischen wehren wir uns: Zum Einkaufen benutzen wir den guten alten Hackenporsche. Ein Auto haben wir nicht. Hatten wir hier auch nie. Und werden wir auch nach unserer Rückkehr in Deutschland nicht mehr haben.

Kleine Dinge, große Wirkung

Statt der Plastiktüten haben wir uns wiederverwertbare Einkaufsnetze besorgt. Das sorgt an der Kasse regelmäßig für Belustigung: „Hey, schaut mal, wieder so ein Gringo mit diesen komischen Netzen!“ Gelächter der Kassierer und Umstehenden. „Ja, weniger Plastikmüll und sauberere Meere, weißt du“, entgegne ich dann und ernte einen beschämten Blick.Denn gerade Plastiktüten, Flaschen, Strohhalme und auch Zigarettenstumpen sind es, die den Meeren extrem zusetzen.

Wasser trinken wir nicht mehr aus PET-Flaschen. Wir lassen uns nun die großen 20-Liter-Bomben liefern. Dafür haben wir eine mechanische Zapfvorrichtung. Die Lieferung erfolgt übrigens, wie bei den meisten Läden, mit dem Fahrrad. In dieser Hinsicht ist man hier schon recht fortschrittlich. Wobei das eher daran liegt, dass die Arbeitskräfte billiger sind als die Anschaffung eines motorisierten Untersatzes. Aber egal.

Gedanken machen

 

 

Wir machen uns unsere Gedanken, wie wir Müll und Energie sparen können. Klimaanlage? Wir sind wahrscheinlich die einzige Familie in ganz Rio, die auch im Hochsommer ohne Klimaanlage auszukommen versucht. An der Stelle, an der die Aparillos baubedingt in unserem Appartment vorgesehen sind, haben wir Fliegengitter eingesetzt – zur natürlichen Ventilation. Geht auch. Um uns in derStadt zu bewegen, nutzen wir öffentliche Verkehrsmittel.

Beim Spülen spülen wir nicht das Geschirr unter dem laufenden Wasserstrahl ab. Wir füllen eine Schüssel. Beim Duschen achten wir auf kurze Aufenthaltszeiten. Wir benutzen neuerdings die Treppe statt dem Aufzug (Ausnahme mit dem Hackenposche) – für den Weg in den 8. Stock. Wenn wir spazieren gehen, haben wir immer einen Beutel dabei, um Müll einzusammeln. Seither macht das den Kindern auch viel mehr Spaß.

Klar, es sind nur Winzigkeiten und viele mögen uns nun auch als „Ökofundamentalisten“ belächeln. Nein, wir sind nicht heilig und wollen auch nicht hier kundtun, wie toll wir sind. Und ja: Wir haben auch unseren dunklen Punkt: In die meisten Urlaube geht es mit dem Flugzeug. Aber dennoch versuchen wir, unseren Beitrag zu leisten. Aber können wir unseren Kindern wirklich unter die Augen treten, wenn wir nicht zumindest versuchen, etwas zu ändern? Wir sind, wenn man so will, auch “besorgte Bürger” – aber im positiven Sinn.

Ella hat inzwischen in ihrer Klasse eine Müllsammelprojekt angeregt. Mal schauen, wie weit das gedeiht. Die Lehrerin kündigte schon an, sie würde mitlaufen, aber die Organisation nicht übernehmen.

Pläne für nach der Rückkehr

Für unsere Rückkehr nach Deutschland haben wir uns auch schon einige Veränderungen vorgenommen. Vielleicht stehen die Chance besser, wenn man quasi wirklich neu anfängt. Alte Verhaltensmuster sind dann velleicht ausgeschliffen. Einkaufen mit dem Auto wird es dann nicht mehr geben, das steht fest. Und bei den Produkten stehen dann auch andere Parameter im Vordergrund (Tierhaltung, Regionalität, Verpackungsart…). Außerdem wollen wir nach Möglichkeiten suchen uns aktiv in die Prozesse einzuschalten, uns engagieren, einmischen, mitreden – das Feld nicht den Populisten überlassen.

Klar, es ist nicht leicht und angesichts des überwältigend riesigen Problems, was da auf uns zurollt und dessen Ausmaß wir bislang nur erahnen können, erscheinen diese Dinge popelig und lächerlich winzig. Aber was ist unsere Alternative?

Das mögen sich sicher auch die denken, die seit ein paar Wochen zur #FridaysForFuture Demostration in Rio auflaufen. Keine Massen, keine Abertausende wie in Toronto oder Berlin. Beim ersten Treffen waren es Paarundzwanzig. Warum so wenige?

Nun, wie oben schon erwähnt ist der gesellschaftliche Stellenwert des Umweltschutzes in Brasilien noch sehr gering. Mehr als die Hälfte der Haushalte hat keinen Kanalanschluss, Müllsammlung ist uneffektiv und die Entsorgung unprofessionell. In vielen Orten und Vierteln kommt gar keine Müllabfuhr. Der Großteil der Bevölkerung ist nach wie vor recht arm, hat andere Sorgen – zu überleben. Der Bildungsstand ist niedrig. Fast die Hälfte der Brasilianer hat keinen formalen Bildungsabschluss.

Aber es hat auch ganz praktische Gründe. Schüler von Privatschulen haben überhaupt keine Möglichkeit, das Schulgelände zu verlassen. Die Eltern müssen dann eine schriftliche Genehmigung erteilen. Und wären sie dann erst einmal draußen, wüßten sie womöglich nicht, wie sie in die Innenstadt kommen sollen – ohne von Mama oder einem Motorista gebracht zu werden. Außerdem bekommen Kinder schon von klein auf aungebläut, dass es unglaublich gefährlich ist, sich alleine im öffentlichen Raum zu bewegen. Paranoia ist da teilweise gar kein Ausdruck für. Also bleiben viele aus Angst und Gehorsam lieber in der Schule.

Was also tun? Geht es über die Freiwilligkeit? Ich fürchte nicht. Der Mensch ist ein Herdentier. Verbote erleichtern der Herde die Orientierung. Mir schallern die Diskussionen noch in den Ohren, wenn vermeintliche Autofahrer über Tempolimits oder Fahrverbote wettern.

Fakt ist: Das Auto ist sicher nicht an allem schuld. Aber Fakt ist auch: Die Autoindustrie und der Autonutzer könnten durch konsequentes Handeln- und am einfachsten sind da Tempolimits – einiges beitragen. Der Einzelne sicher auch, klar. Aber die großen Impulse müssen einfach von der Politik und den Industrien kommen. Und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Verbote sind da nur eine Maßnahme.Strengere Auflagen und Vermeidung, vielleicht sogar alternative Lösungen der andere Weg. Und natürlich Bildung.

Hat die Politik alle Hausaufgaben gemacht?

Und da sollte man in der Politik, ehe man auf Schulschwänzer schimpft selbst scheuen, ob man seine Hausaufgaben bereits alle gemacht hat. So lange müssen wir Greta Thunberg dankbar sein, dass sie die Lethargie aus uns herausschüttelt und wir endlich den Arsch hochkriegen, das Problem anzugehen. Das Problem heißt nicht Greta oder Schulschwänzen. Das Problem heißt Politikversagen und mangelnder Wille.

Darum sollten wir der Initiatorin dankbar sein. Nicht, indem wir sie mir Preisen (Nobelpreis, Goldene Kamera) überhäufen. Den Nobelpreis hat Obama auch bekommen und nicht viel geändert. Aber indem wir die Sorgen der jungen Generation ernst nehmen und sie unterstützen, die Ziele zu erreicht. Denn letztlich nützt es uns allen. Und das sage ich nicht nur als Mittvierziger, der die ersten Auswirkungen sicher noch am eigenen Leibe zu spüren bekommen wird, sondern zunächst als Vater von zwei Kindern, die ihr Leben noch vor sich haben und dieses auch leben wollen.

Wer nun Lust hat, zum Thema zu diskutieren: Gerne! Die Kommentarfunktion hier ist ausgeschaltet, wegen der Rechtsunsicherheit bei der Datenschutzverordnung. Aber wer eine Mail schickt an

a.noethen@gmx.de

und darin ernsthafte Dialogabsichten hegt, wird hier gerne veröffentlicht. Wer nur pöbelt und hetzt nicht. Vorschläge, was man als Einzelner tun kann, sind sehr willkommen!

 

Fakten zum Klimawandel:

https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2018-11/klimagipfel-in-katowice-klimawandel-fakten-mythen-globale-erwaermung-wissenschaft

https://www.klimafakten.de/meldung/kurven-karten-zahlen-zum-klimawandel

https://utopia.de/ratgeber/klimawandel-fakten-so-ueberzeugst-du-die-leugner-des-klimawandels/

Dritter Bericht des Weltklimarats:

https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/klimaschutz/7.pdf