Nationalmuseum brennt ab – Wie ein Land sein Gedächtnis verlor

200 Jahre hatte es Bestand, 20 Millionen Exponate, die zum Teil mehrere Tausend Jahre alt waren und innerhalb nicht einmal acht Stunden war die Geschichte Brasiliens Geschichte. Das Nationalmuseum in Rio, genauer im Stadtteil Quinta da Boa Vista ist in der Nacht zum Montag komplett ausgebrannt. Es stehen nur noch die Mauern und Fachleute werden prüfen müssen, ob die zumindest stehen bleiben dürfen. Jeder Versuch, diesen Verlust in Worte zu fassen scheitert kläglich. Er ist einfach nicht zu ermessen.

Nicht alleine materiell. Wer will ein Dinosaurierskelett ersetzen? Wer eine 13.000 Jahre alte Mumie? Wer Tonbandaufnahmen längst ausgestorbener Indigenenvölker? Klar, eine Versicherung setzt einen finanziellen Gegenwert fest. Doch wiederbringen tut das keines der Stücke.

Screenshot: Globonews, 2. Sep. 2018. 21.13 Uhr.

Das Museums verwaltete die größte naturkundliche Sammlung Brasiliens, eine der größten in Südamerika. Alleine 5 Millionen Insekten zählten dazu. Außerdem die größte Meteoritensammlung in Brasilien, eine Ägyptenausstellung, zu der seinerzeit beide Kaiser, Dom Pedro I. und  Dom Pedro II. zahlreiche Exponate hinzuführt und die Mineraliensammlung von Abraham Gottlob Werner, auf die auch Napoleon Bonaparte scharf war. Erst kürzlich waren im Fundus handschriftliche Briefe der Kaiserin Leopoldine aufgetaucht – bislang gänzlich unerforscht.

Rund 80 Feuerwehrleute mit 21 Fahrzeugen im Einsatz, um die Flammen zu löschen. Die Ursache des Brandes stand bis einschließlich heute, 4. September, nicht fest. Das Gebäude wird noch von der Bundespolizei untersucht. Was wird es bringen? Klar, man wird vermutlich eine Ursache finden und möglicherweise – also eher ziemlich sicher nicht – einen Schuldigen. Am Ende ist alles Futsch und der Verlust eine Mischung aus strukturellem Desinteresse, Unvermögen und Pech.

Doch das ist ja nicht alles. Das Gebäude war auch historisch. Es handelte sich um den alten Kaiserpalast. „Wir wissen noch nicht, wie viel Material zerstört worden ist“, sagt Direktor Professor Alexander Kellner in einer ersten Stellungnahme. „Brasilien trauert. Das Feuer betrifft jeden, nicht nur die Institution.“ Es ist in etwa so, als wären in London das British Museum und der Buckingham Palace zugleich ausgebrannt, zog der Guardian-Kollege Jonathan Watts einen recht passenden Vergleich. Erinnern wir ins noch an den Einsturz des Kölner Stadtarchivs? Damals ging nur ein Teil des Archivs einer Stadt verloren. Hier hat eine ganze Nation Teile ihres nationalen Gedächtnisses verloren.

Der Palast, unter Verwaltung der Bundesuniversität Rio de Janeiro galt seit Längerem als sanierungsbedürftig. Im Februar hatte der Paläontologe Alexander Keller die Leitung der Forschungseinrichtung übernommen, und hatte einen großen Sanierungsstau festgestellt. Seither war er dabei, ein umfassendes Sanierungskonzept auf die Beine zu stellen. Erst Anfang Juni war es gelungen, eine Finanzspritze der brasilianianischen Entwicklungsbank BNDES über 21,7 Millionen Real festzumachen (umgerechnet gut 4 Millionen Euro). Bitter dabei: Das Geld sollte in die Verbesserung des Brandschutzes gesteckt werden.

Vielleicht hätte einiges verhindert werden können, hätte die Bundesregierung 2014 einen beantragten zuschuss von 24 Mio. Reais nicht abgelehnt. Das hätte auch nur für das Allernötigste gereicht. Direktor Alexander Kellner war kurz nach Beginn seiner Amtszeit von einem Bedarf von mindestens 65 Millionen ausgegangen. Und selbst das dürfte sparsam kalkuliert gewesen sein. Überigens war zu jener Zeit Michel Temer noch nicht Präsident. Der Großmeister im zusammenstreichen von Sozial-, Gesundheits- und Bildungsprojekten war damals lediglich Vize-Präsident unter Dilma Rousseff. Auch wenn fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl nun natürlich versucht wird, die Tragödie und das Versagen linken oder rechten Regierungen in die Schuhe zu schieben. Ehrlicherweise muss man festhalten, dass sich Regierungen beider Lager herzlich wenig für Kultur interessierten.

Stattdessen sanierte man das keine 10 Minuten entfernt liegende Maracana-Stadion von Grund auf und 2016 steckte man wieder hunderte Millionen hinein. Für 2 Mrd. Euro wurden alleine 12 Stadien für die WM gebaut. Einige – etwa in Manaus und Brasilia – sahen danach kaum noch Veranstaltungen.

Als es aber nun brannte, drängten sich die Politiker wieder in der ersten Reihe. Michel Temer sprach kurz drauf von einem „unschätzbaren Verlust“. Rios sehr öffentlichkeitsscheuer Bürgermeister Marcelo Crivella beschwor eine nationale Kraftanstrengung, um das Museum irgendwie wieder auferstehen zu lossen.

Kulturminister Sérgio Sá Leitao erhebt den Vorwurf an die Universitätsverwaltung. Das Brandschutzproblem sei lange bekannt gewesen. Probleme bei der Bekämpfung der Flammen soll es auch dadurch gegeben haben, dass zu wenig Löschwasser vorhanden war. Laut Einsatzleiter Roberto Robardey sollen zu wenig Druck auf den beiden Hydranten in der Nähe des Museums gewesen sein. So hätte man wertvolle Zeit verloren, sagte er der Zeitung O Globo, und musste Wasser mit Tanks erst an die Feuerstelle herankarren.

Zu verdanken hatten die Brasilianer das Museum Leopoldine von Habsburg. Sie hatte als Kaiserin von Brasilien enormen Einfluss auf das Schicksal des südamerikanischen Landes und die Entstehung des Museums. In Abwesenheit ihres Gatten unterschrieb sie, ebenfalls im nun abgebrannten Gebäude, 1823 die Unabhängigkeitserklärung und löste damit die Kolonie von der portugiesischen Krone. Tragischerweise auch am 2. September, dem Tag des Brandes. Ein paar Jahre zuvor hatte die die leidenschaftliche Naturkundlerin ihren Schwiegerpapa Joao IV davon überzeugt, ein naturkundliches Museum zu gründen. Dieses heißt nun Museu Nacional, ist im ehemaligen Palast der Kaiserin, im Park Quinta da Boa Vista in Rio de Janeiro beheimatet und feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen.

200.000 Besucher verzeichnete es pro Jahr. Alexander Kellner hatte vor, die Besuchszahlen in den kommenden Jahren bis auf 1 Millionen auszubauen. „Ich möchte, dass die Brasilianer nicht nach London, New York oder Wien fliegen müssen, um eine bedeutende naturkundliche Ausstellung zu sehen, wenn wir doch eigentlich alles hier haben“, hatte er bei einem Gespräch kurz vor der 200-Jahr-Feier gesagt.

200.000 Besucher? Für ein Museum dieses wissenschaftlichen Ranges war das so gut wie nichts. In einer Stadt mit 6,5 Millionen Einwohnern und jährlich 3 Millionen Besuchern – den Cariocas war das Nationalmuseum relativ schnurz. Oder sie kannten es nicht. Beides eigentlich ein Frevel.

Etwa die doppelte Anzahl Brasilianer schleicht jährlich alleine durch das Louvre in Paris. Brasilianer haben nicht viel übrig für Museen. Ich unterestelle, die meisten betreten das Louvre nur für ein Selfie mit der Giaconda, vulgo Mona Lisa. Überhaupt gibt es in Brasilien so gut wie kein Museum von bedeutendem Internationalen Rang. Natürlich: Brasilien ist eine Kulturnation. Man denke an die Moderne Architektur, allen voran Oscar Niemeyer oder den Gartenarchitekten Burle Marx. Und natürlich die Musik mit ihrer beeindruckenden Breite und Tiefe an Qualität. Es ist praktisch unmöglich, in einem Musikgeschäft Schrott zu kaufen.

Dieser Meteorit blieb heil. Immerhin.

Das Nationalmuseum hätte dazu alle Voraussetzungen gehabt, eine große Ausnahmeerscheinung zu werden. Die Pläne waren groß „Ich will es aber nicht reparieren, ich will es restaurieren“, sagt Kellner. Restaurieren, das bedeute für ihn, das Museum, den früheren kaiserlichen Wohnsitz in einer angemessenen Art und Weise zu präsentieren und zu erhalten. „Hier wurde Brasilien geboren, hier fand die erste republikanische Versammlung statt“, sagte er. Der Palast ist so etwas wie die Keimzelle des modernen Brasiliens. „Dieses zu verlieren wäre ein Verbrechen“, sagte Kellner. Immer wieder wurde in der Vergangenheit an dem Gebäude herumgewerkelt und geflickschustert, gerade so viel wie eben nötig – und Geld da war.

Das Museum ist Teil der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ), finanziell vom Universitätsbetrieb abhängig. Wie hoch Einnahmen, Ausgaben oder Eintrittszahlen sind, wurde bislang nicht erhoben. Geld floß stets in den großen Topf und sei anschließend mit der Gießkanne verteilt worden. „Es gibt ein Budget. Aber ich habe die Zahlen nie zu Gesicht bekommen.“, zuckt Kellner mit den Schultern. Nun machten Zahlen die Runde: Rund 500.000 Reais, gerade einmal gut 100.000 Euro wären nötig gewesen, den Betrieb zu finanzieren. Doch selbst das Geld soll in den letzten Jahren selten in Gänze angekommen sein. In den sozialen Netzwerken rechnete jemand vor, dass dies weniger als das Jahresgehalt eines brasilianischen Bundesrichters sei.

Und da sind wir bei einem wichtigen Punkt. Versickert die Kohle nicht gleich wieder, geht sie für einen aufgeblähten und überteuerten Staatsapparat drauf. Militär, Justiz, öffentliche Verwaltungen (Bundesebene) verschlingen rund 70% des Staatsetats. In einem Land mit 200 Millionen Menschen, in dem 90% vom Mindestlohn oder knapp weniger leben müssen, mit einer Fläche so groß wie Europa, die gerade im Hinterland noch gar nicht vernünftig Infrastrukturell erschlossen ist – wo soll da Geld für Kultur herkommen? Man müsste es schon wirklich wollen. Aber selbst ein Gesetz, das privates Sponsorentum zuließe gibt es nicht. In einem Land mit einem gewaltigen Korruptionsproblem aber vielleicht auch nicht das Schlechteste.

Das wenige Geld was da war, wurde in zweifelhafte Projekte gesteckt: Da flossen schon mal eine halbe Millionen Förderung in die Produktion eines CD des nicht sonderlich bekannten Funk-Rappers MC Guime. Fast 6 Millionen wurden vom Kulturministerium 2013 für eine Tournee durch zwölf entlegene Städte des Nordens und Nordostens bezahlt. Lizenzen und Marketing der Klinkindtrickfilmserie Peppa Pig ließ sich das Ministerium 1,8 Mio. Reais kosten. Oder ein Zuschuss von fast 18 Mio. Reais in den Jahren 2011 und 2012 für eine Tournee des Musicals „Shrek“. Beispiele wie diese wurden in den vergangenen Tagen viel genannt.

Eine Möglichkeit, diesen Missstand zu beheben war Kellners Versuch, externe Geldgeber zu akquirieren. Zuletzt stand er im Kontakt mit der Bundesregierung in Brasilia. Sie sollte dem Museum ein Grundstück zur Verfügung stellen. „Dann könnten wir die ganze Verwaltung auslagern und richtig mit der Restaurierung beginnen“, erzählt. Kellner. Doch die Regierung spielte auf Zeit, schon die Entscheidung auf die lange Bank, die zu lange. Ein weiterer Schritt zu mehr finanziellem Spielraum war die Gründung einer Gesellschaft, einer Art Freundeskreis des Museums. Über ein Crowdfunding versuchte Kellner, die Bevölkerung für ihr Nationalmuseum zu interessieren. Er wollte einen Ausstellungsraum, der von Termiten so befallen war, wieder herrichten lassen, dass er wieder betreten werden konnte.

Nun, da es zu spät ist, melden sich die Nachfahren des kaiserlichen Familie zu Wort, wollen  beim Wiederaufbau helfen. Kaum 12 Stunden nach Ausbruch des Feuers kursierte ein Aufruf im Internet. Besucher sollten Fotos, die sie im Museum gemacht haben, zur Verfügung stellen. Auch international ist die Anteilnahme riesig. So bot Frankreichs Präsident Emanuelle Macron heute die Hilfe Frankreichs an.