Besuch im Maracana: Mythos und tragischer Ort

Ach, was waren das für schauerliche Bilder: herausgerissene Sitzschalen, kaputte Türen, brauner Rasen – Anfang 2017 schien es so, als wäre einer der Fußballtempel der Welt schlechthin, das Maracana-Stadion unausweichlich dem Verfall geweiht. Und ausgerechnet, nachdem es für die WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 für runde 300 Millionen doch eigentlich wieder fit gemacht worden war. Gut, der damals amtierende Gouverneur von Rio, Sergio Cabral, soll beim Bauauftrag ordentlich mitverdient haben. Aber unter anderem deshalb  sitzt er zurzeit ja auch im Knast. Angeblich, so hörte man, drückte sich das IOC sogar noch davor, noch ausstehende Rechnungen zu begleichen.

Fußballspiele fanden auch zunächst keine mehr statt. Dort, im Estádio Jornalista Mário Filho, so heißt es nämlich wirklich, benannt nach einem Sportjournalisten, der sich seinerzeit für den Bau der Arena stark gemacht haben soll. Man stelle sich vor, in Deutschland gäbe es eine Heribert-Faßbender-Arena oder die Bela-Rethy-Kampfbahn.

Anlass des Baus war die Fußball-WM 1950, bei der Brasilien zum ersten Mal versuchen sollte, auf heimischem Grund den vielleicht wichtigsten aller Sporttitel zu erringen. Was nicht gelang. Noch heute sind Brasilianer überdurchschnittlich nervös, wenn es bei Turnieren gegen den kleinen Nachbarn aus Uruguay geht. Denn dieser hatte den Brasilianern mit dem Finalsieg ordentlich den Stecker gezogen. Der Brasilianer hat für das damals erlittene Trauma sogar einen eigenen Begriff: Maracanaço – „Schock von Maracana“.

Fast 200.000 Zuschauer sahen das damals. Vielleicht mag es an dieser gewaltigen Zahl liegen, dass für viele Brasilianer das Stadion noch heute als das größte der Welt gilt. Was nichts heißen muss, denn für die Flamenguistas, die Fans von Flamengo, ist ihr Verein auch der, mit der größten Fangemeinde der Welt.

Als größtes Stadion aller Zeiten gilt der Circus Maximus im antiken Rom mit bis zu 250.000 Plätzen. Aktuell die meisten Plätze bietet das Stadion Erster mai in Pjöngjang. Klar, die nordkoreaner sind dermaßen Fußballverrückt und die Nationalmannschaft bekanntlich eine Weltmacht…sei’s drum, isso. Dahinter folgen einige Stadien in den USA, die im Wesentlichen jedoch für American Football genutzt werden. Das größte echte Fußballstadion ist dann tatsächlich das Camp Nou in Barcelona, Heimspielstätte des dortigen CF (gut 99.000 Fassungsvermögen).

Das Maracana mit derzeit offiziell gut 78.000 Plätzen rangiert auf Platz 50. Bei den Fußballstadien läge es nur auf dem 17. Rang. Deutlich davor das Westfalenstadion in Dortmund mit 81.000 und ebbes. Aber Schwamm drüber, Größe soll ja bekanntlich nicht alles sein. Eines der berühmtesten Stadien ist es allemal.

Umso erfreulicher, als im April 2017 Folgendes zu lesen war:

Maracana wird für 30 Jahre Franzose

“Das legendäre Fußballstadion Maracanã in Brasilien wird in Zukunft von einer französischen Firma verwaltet. Brasilianischen Medien zufolge hat eine französische Sportrechteagentur versprochen, bis zum Jahr 2048 insgesamt 18 Millionen Euro in das heruntergekommene Stadion zu investieren. Am vergangenen Freitag soll der Vertrag unterschrieben worden sein.”

Danach wurde es tatsächlich langsam besser. Der Spielbetrieb wurde langsam wieder aufgenommen. Das erste Spiel 2017 war das Spiel Flamengo gegen San Lorenzo (ARG) in der Copa Libertadores. Die Hütte war voll, Mengo gewann 4:0 und hatte aber einen guten sechsstelligen Betrag für das Einmal-Spektakel hinblättern müssen. Auch die Führungen waren zwischenzeitlich ausgesetzt. Ich hatte schon befürchtet, ich würde wieder abreisen müssen, ohne das Stadion von Innen bzw. das Innenleben gesehen zu haben. Doch soweit kam es glücklicherweise nicht. Vor ein paar Wochen war es soweit.

Wenig Betrieb

Die Metro hält gleich nebenan. Dennoch: Man sollte als Tourist wissen, man befindet sich bereits in der Nordzone, wenn man das Maracana anpeilt. Bei Spieltagen kein Problem, da wimmelt es ja vor Menschen. An einem Nachmittag eines Juli-Samstags, kann es ziemlich einsam sein auf dem langen, geschwungenen Fußweg, der sonst tausende Fans direkt von der Haltestelle vors Stadiontor spült.

Dass Besichtigungen wieder möglich sind, hat sich scheinbar nicht sehr herumgesprochen – es hatte ja auch fast ein Jahr keine mehr gegeben. Keine Schlange. Im Gegenteil: Als wir am Eingang Portao 2 einen nahezu leeren Parkplatz betreten, kommen Zweifel auf, ob wir richtig sein können. Mit dem Auto jedenfalls hätten wir bis direkt vor die Türe fahren können.

Ich mache es kurz: Was man zu sehen bekommt ist durchaus interessant, aber nicht direkt spektakulär: Eine Lobby mit ein paar Vitrinen, darin Devotionalien von Flamengo-Legende Zico, Jairzinho, ein Stück Netz, in das Pelé getroffen haben soll und ein Sessel auf dem einst die Queen gethront haben soll. Die Kabine, in der Angela Merkel ein Selfie mit einem guten Dutzend halbnackter Fußballspieler schoss und noch ein paar Dinge mehr.

Schräge Sichtweise auf die Höhepunkte

Im Aufwärmraum, einem fensterlosen, schlampig mit Kunstrasen ausgelegtem Raum wirft ein Beamer Fußballfetzen an die Wand. Sie sollen die glorreiche Sportvergangenheit zeigen. Was dort jedoch zu sehen ist ist relativ erbärmlich. Zwei WM-Finals haben in diesem Stadion stattgefunden. Außer in Mexiko gab es das sonst, glaube ich nirgends.

Davon im ganzen Film kein Wort. Klar, dumm gelaufen, dass 1950 das Finale in die Hose ging und es 2014 gar nicht erst erreicht wurde, aus brasilianischer Sicht. Was flimmert also dann da? Richtig, Ausschnitte aus dem Finale des Olympischen Turniers, dass die Brasilianer gewannen. Gottseidank, ein brasilianischer Titel den man zeigen kann! 1:1 gegen Deutschland stand es nach der Verlängerung. Zu sehen ist jedoch nur das 1:0 von Neymar sowie der entscheidende Elfmeter. Der zwischenzeitliche Ausgleich scheint also nicht unter die Kategorie Highlights zu fallen. Ist das nur Geschichtsklitterung oder doch schon Fake News? Wie dem auch sei – die Scham über der beiden verpassten WM-Titel im eigenen Land scheint tatsächlich enorm zu sein.

Bewegend ist es aber durchaus, durch den Spielertunnel zu schreiten. Zunächst ein paar Stufen hinunter – dann etwa 30 Meter geradeaus, begleitet von Fangesängen, die aus quäkigen Lautsprechern kommen. In der Mitte ein kleines Podest. Dort muss der Weltpokal gestanden haben vor dem Finale am 13. Juli 2014. Wir erinnern uns: Verlängerung. Schürrle flankt auf Mario Götze, der nimmt den Ball kurz an und…..! Danach steht man vor den Trainerbänken.

Das Original-Tor, in das Mario Götze damals traf ist übrigens nicht mehr da. Im Juni wurde es abmontiert und für einen guten Zweck gespendet.

 

Besichtigungen:

https://www.tourmaracana.com.br

Tickets zurzeit ca. 60 Reais pro Erwachsenem (ca. 15 Euro), Stand August 2018.