Amazonas: Mächtig, groß, beruhigend

Wer in Brasilien war, sollte, nein, muss das Amazonasgebiet besucht haben. Anders macht es keinen Sinn, dieses Land, die Natur dieses Landes – den Artenreichtum, die Komplexität – auch nur ansatzweise verstehen zu können. Alleine schon diese gewaltige Größe zu spüren, machte mich … ja, ganz ruhig, entspannt und demütig. Ein wenig wie das Gefühl, das man hat, wenn man nachts hinaus in den unendlichen Nachthimmel schaut. Vielleicht so.

Das mag damit zusammenhängen, wie wir uns auf dem Rio Negro bewegten, nämlich so, wie es alle tun: Im Boot,mit 10 bis 11 Knoten, also 18 bis 20 km/h. Was, wieso Rio Negro? Da geht es nämlich schon los. Das enorme Gewässergeflecht gemeinhin als Amazonas zu bezeichnen ist so ganz richtig nämlich nicht. Im Oberlauf wird der Fluss Rio Solimoes genannt der, etwas hinter Manaus sich mit dem Rio Negro verbindet. Der heißt so, übersetzt: Schwarzer Fluss, weil sein Wasser tatsächlich dunkelbraun daherkommt, ähnlich wie bei Moorgewässern. Wie der Fluss zu seinem Namen kam, kann man auch hier nachlesen, das würde nämlich hier etwas lange.

Auch was die Dimensionen betrifft, wird es kompliziert. Es gibt nämlich seit Jahrzehnten einen akademischen Streit darüber, ob sich nun der Amazonas oder der Nil längster Fluss der Welt nennen darf. Beide sind um die 6000 km lang und den Flüssen selbst wird es reichlich wurst sein. Mit 260.000 Kubikmetern Wasser pro Sekunde gilt der Amazonas aber unangefochten als wasserreichster Fluss.

Vor zwei Jahren waren wir schon einmal in Manaus. 10 Stunden, ein Stop-over auf dem Weg nach Curacao. Noch am abend vor dem Abflug hatte Wiebke den Schweizer Peter Hagnauer ausgegraben, ein Tourguide, der uns eine kurze Stadtführung gab. Dummerweise war das Teatro Amazonia, vulgo Opernhaus von Manaus genannt, just an diesem Tage – es war ein Montag – zu. Nicht nur deshalb beschlossen wir, noch einmal wiederzukommen. Zwei Jahre später war der Plan, möglichst im Juli, wenn die Regenzeit um ist. Und siehe da: Tada! Da standen wir nun. Nicht alleine, sondern mit Jeanette und Wolfgang und ihren Jungs. Freunde aus Frankfurt, Rödelheimer Nachbarn und mit und die one and only Weinguerilleros der Weingarage (hier dazu mehr). Lustigerweise hatten wir genau an die gedacht, als wir uns damals vornahmen wiederzukommen.

Bei letzten Mal hatten wir Pech. Montags sei das Teatro geschlossen. Klar, waren wir an einem Montag hier. Als wir am Hotel vorfuhren, waren wir überrascht. Es lag direkt neben dem Teatro. „Besichtigen wir das morgen bei der Stadtführung?“ fragten wir Guide Christoph. Als er antwortete, er sei nicht sicher, aber das Teatro sei seines Wissens sonntags zu beschlossen wir: „Wir gehen jetzt.“

Am Sonntag stieß der letzte Reisende hinzu. Am Nachmittag hatte Wolfgang den Weg von Moskau über Frankfurt und Rio nach Manaus irgendwie hinter sich gebracht und war im Hotel eingetroffen. Der Franz-Mersdonk-Gedächtnispokal für die meisten Kilometer am Stück war ihm sicher. Jetzt konnte es also richtig losgehen.

Unser Schiff sollte am Montagmorgen starten. Zwar hatten wir vorab Fotos gesehen, aber irgendwie bleibt es doch schwer vorstellbar, wie es dann wirklich aussieht. Am quirligen Hafen von Manaus ist morgens gegen 8 Uhr das Hauptgeschäft eigentlich schon durch. Einige Fischer verkaufen die letzten Fänge. Dafür geht es in der Markthalle auf der anderen Straßenseite hoch her. Dort werden die Fänge geputzt, filetiert und möglichst ansprechend für den Kunden präsentiert. Der Boden ist feucht und glitschig, die Luft heiß und schwül. Mit machetenartigen Werkzeugen bearbeiten die Männer in den einst weißen, nun eher blutverschmierten und bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Kitteln behend und virtuos die Fische. Das Gewimmel schafft uns, wir müssen raus. Das Boot kommt eh gleich.

Es hört auf den schönen Namen „Francis Anne“. Ein Holzkutter. Im „Erdgeschoss“ die Kommandobrücke, zwei Kabinen mit je drei Schlafplätzen und kleinem Bad, ein großer offener Raum mit Tisch und am Heck die kleine Küche, in der Raimunda die nächsten Tage atemberaubende Gerichte für uns zaubern wird. Oben das Sonnendeck. Zu zwei Dritteln überdacht. Genügend Platz um später acht Hängematten aufzuhängen. Nicht nur, weil ohnehin zwei Schlafplätze fehlten. Für die Kinder war indes gleich klar, dass sie die Nächte dort verbringen wollten.

So schipperten wir los. Zunächst zum Zusammenfluss von Rio Salimoes und Rio Negro. Wobei Zusammenfluß? Es braucht eine ganze Weile, fast zehn Kilometer länge, bis sich die das schwarze und eher braune Wasser vereinen. Solange bildet sich eine deutliche Grenze – schwarz auf braun, wie ein gewaltiger Ölteppich. Das Geheimnis ist die unterschiedliche Dichte des Wassers und die unterschiedlichen Temperaturen. Im Landeanflug auf Manaus konnte man es besonders gut erkennen.

Wir schippern weiter. Was am Ufer wie Gestrüpp erscheint, ist der Regenwald. Genauer: Die Kronen der Regenwaldbäume. Juli ist Hochwasserzeit am Amazonas. Das Wasser pendelt im Jahresverlauf um bis zu 12 Meter. Doch für Mensch und Natur kein Grund zur Panik. Es war immer so und wir immer so bleiben. Das Leben richtet sich am Pegelstand. Alles andere hätte eh keinen Sinn.

Es wird dunkel. Plötzlich Stromausfall. Es hat den Generator zerlegt. Ohne den kein Licht, kein Strom – nur der olle Schiffsdiesel nagelt gleichmääßig weiter, wie seit wahrscheinlich 30 Jahren schon. Es geht also weiter im Blindflug, wir sind ja mitten auf dem Fluß. Kapitän Alberto hält den Kahn auf Kurs. Was er da genau sieht, wenn er durch die Scheibe in die pechschwarze Nacht starrt? Hoffentlich mehr als ich. Gottvertrauen ist nun notwendig. Immerhin hält sich der Verkehr auf dem Rio Negro sehr in Grenzen. Genauer gesagt, sind wie die Einzigen weit und breit. Eine Kollision mit einem anderen Schiff ist darum unwahrscheinlich. Wir essen im Kerzenlicht, hängen die Hängematten auf und gehen schlafen. Hatten wir uns das nicht genau so vorgestellt? Welch ein Abenteuer!

Gegen 4 Uhr wache ich auf. Immer wieder bekomme ich Tropfen ins Gesicht. Es scheint zu regnen. Mein Schlafsack fühlt sich klamm an, mich fröstelt leicht. Im Dunklen um mich herum herrscht Geschäftigkeit. Alberto und sein Matrose sind schon da und rollen die Seitenplanen herunter, um vor Regen zu schützen. Wir befinden uns in einem Gewitter. Auch die anderen Hängematten bewegen sich. Schlaftrunken schleichen wir vorsichtig und immer noch in Dunklen – der Generator ist logischerweise immer noch kaputt und wie soll man sowas auch im Dunklen reparieren können? – nach unten. Vier Mann in einer Dreierkabine. Ganz schön eng, aber trocken und schön warm. Kurz drauf ratzen wir alle friedlich weiter.

Allerdings nicht ewig. Um kurz nach 6 Uhr habe ich genug von Tritten und Stupsern und stehe auf. Christoph, bzw. eine Person, komplett eingemummelt in Decke in einer Hängematte, es muss Christoph sein, sägt friedlich vor sich hin. Wolfgang war schlauer, wählte eine der gepolsteten Bänke als Nachtquartier. Zum Glück ist schon Kaffee fertig. Hat Raimunda den etwa schon frisch aufgegossen? Ober hält die Thermoskanne noch vom Vorabend warm. Wurscht. Ich ziehe mir einen Becher, setze mich an die Seite und schaue der Sonne beim Aufgehen zu, während wir langsam schon wieder weitertuckern. Der Morgen ist erwacht und vor und nach kommen auch die anderen aus den Kojen.

Offenbar konnte Fernando Alberto weiterhelfen. Denn als wir mit ihm von unserem kleinen Ausflug in den Urwald zurückkommen, scheint der Generator wieder zu funktionieren.

Was macht man so den ganzen Tag auf dem Fluss? Nun, ist man mit einem der Boote unterwegs, das rein als Verkehrsmittel dient (und außer dem Flugzeug bleibt nicht viel, um aus Manaus rauszukommen) macht man genau das, was wir machen: In der Hängematte hängen, dösen, Karten spielen (wir können nun alle Skat), lesen, sich unterhalten. Anders als bei uns, verwandeln sich die größeren Fähren in der Nacht zu Partybooten. Mit Sonnenuntergang geht die Musik an, hallt Sertaneja, Forró oder Baile Funk hinaus in die Nacht. Bis zum Sonnenaufgang geht das so. Nach dem Frühstück wir dann gepennt.

Wir haben für unseren Trip einige Stops gebucht: Der oben bereits erwähnte Landgang mit Fernando, ein besuch bei den rosa Flussdelfinen inklusive Fütterung (in meinen Augen ein fragwürdiges Vergnügen), diverse Nachtfahrten mit dem Beiboot, Piranha-Angeln (ohne Erfolg) und ein Besuch in einem Indigenen-Dorf.

Muss das sein – kann man sich fragen. Aber die Kinder hatten das Thema indigene in ihrem Sozialkundeunterricht durchgenommen und außerdem haben sich die Bewohner des Dorfen (sie stammen von mehreren Stämmen) dazu entschlossen, Touristen ihre Kultur näherzubringen. Aber etwas peinlich berührt fühlt man sich doch, wenn man als einziger Gruppe einen Willkommenstanz vorgeführt bekommt. Und noch peinlicher ist es, wenn man sogar mittanzen soll. Haben wir aber alle artig gemacht.

Wesentlich entspannter war da schon das Fußballspiel, das anschließend zwischen unseren Jungs und zwei einheimischen Jungs mitten auf dem Dorfplatz stattfand. Fußball ist eben, wenn es nicht marketingtechnisch völlig ausgeschlachtet wird, tatsächlich eine Universalsprache und völkerverbindend wie sonst nichts auf diesem Planeten.

Literaturtipp: Zum Thema Amazonas und Indigene kann ich jedem nur das Buch meines Kollegen Thomas Fischermann, Der letzte Herr des Waldes, ans Herz legen. Dies ist kein Amazon Affiliate-Link, sondern der Link zur Homepage des Buches, das Ihr dann bitte beim Buchhändler Eures Vertrauens bestellt.