Der Fluch der FC-Kachel

Ich dachte ja echt, die Seuchensaison wäre endlich rum und freute mich auf die Fußball-WM. Jetzt droht auch das ein Desaster zu werden. Lastet auf mir ein Fluch? Ich habe auch schon einen Verdacht: Die Kachel ist schuld.

Punktuell betrachtet las sich die Saison gar nicht so schlecht: Noch vor der Saison den ersten 1. FC Köln Fanclub in Südamerika gegründet, den Euro-League Finalisten Arsenal London geschlagen, in einer Halbserie die Erzrivalen Gladbach und Leverkusen geputzt. Aber das war es dann auch schon. Der Rest der Saison ließt sich wesentlich ernüchternder: Beinahe den Rekord von Tasmania Berlin der schlechtesten Hinrunde aller Zeiten geknackt, mit 22 Punkten den schwächsten Abstieg der Vereinsgeschichte hingelegt – den sechsten in 19 Jahren. Irgendwann werden wir dem 1. FC Nürnberg den hässlichen Titel als „Rekordaufsteiger“ streitig machen müssen, wenn das so weitergeht.

Woran lag es? Modeste-Verkauf? Kann sein. Fehleinkäufe? Bestimmt auch. Verletzungspech? Bestimmt. Die Saison wurde ja nun hinreichend analysiert. Eine rationale Erklärung habe ich zwar immer noch nicht – das ging dann doch irgendwie alles viel zu schnell – aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer sehe ich. Schuld kann eigentlich nur die Kachel sein. Nein, es muss. Denn bevor ich die olle Keramik hatte, war ja alles gut.

Das Unheil nahm vor einem Jahr seinen Lauf

Das Unheil nahm vor ziemlich genau einem Jahr seinen Lauf. Wir waren auf Heimatbesuch in Altendorf, feierten den Geburtstag meiner Mutter nach. Mein Onkel Christoph ist ein regelmäßiger Gast der örtlichen Kneipe zur Post. Weil er auch ein Vereinsmensch ist – Angelverein, Kicker-, Wander- und Kegelklub, früher mal Junggesellenverein und was weiß ich noch alles, ist er auch Mitglied beim dortigen Sparklub.

Ich weiß gar nicht, ob das so heißt, das Prinzip ist aber einfach. An der Wand in der Kneipe hängen 50 Metallkästchen. Jedes Mitglied verpflichtet sich, pro Monat einen festen Betrag x, oder auch mehr, in sein Kästchen hineinzustecken. Der Kassenwart leert die Kästchen, zahlt die Kohle auf ein Konto ein und am Ende des Jahres gibt es einen Kassensturz und ein zünftiges Besäufnis.

Sparen in der Kneipe

Sparklubs waren früher in Deutschland weit verbreitet. 20.000 soll es in der BRD gegeben haben, schrieb der Stern voriges Jahr in einem Artikel. Wollen es mal glauben, ist aber eigentlich auch wurscht. Damals war noch die Zeit der Lohntüten. Gehälter, bzw. löhne wurden in der Regel bar ausbezahlt. Freitagsabends traft man sich zum Lohntütenball oder in der Kneipe, um die Kohle gleich wieder auf den Kopf zu hauen. Wohl dem, der Mitglied eines Sparklubs war. Denn so ließ sich wenigstens ein Teil des sauer verdienten Geldes davor retten, verprasst zu werden. Flatrate saufen gab es damals nämlich noch nicht. Angenehmer Nebeneffekt: Damals gab es auf das Ersparte noch Zinsen. Die Älteren unter uns erinnern sich.

Doch zurück zu meinem Onkel Christoph. Zwischen Erdbeerkuchen und dem ersten Kölsch erzählte er mit, dass er bei der letzten Weihnachtsfeiern bei der Tombola eine Keramikkachel gewonnen hatte. 50 x 50 cm, ein echtes Trumm und auf der Vorderseite das Vereinswappen des FC mit allen Autogrammen der Saison. Sein sparkumpel Heiner hatte sie extra in einer Keramikfabrik ein paar Orte weiter erstanden, um einem der Mitsparer eine Freude zu machen. Man muss wissen, Altendorf liegt im Rheinland, also tiefstes FC-Land. Die Trefferquote dürfte also gar nicht so schlecht gewesen sein sein.

Doch das Teil landete bei meinem Onkel und da gerät die Geschichte langsam aus den Fugen. Der ist nämlich Fan von 1860 München und hatte entsprechend wenig Verwendung für das Teil. Die Kachel wurde im Keller zwischengelagert und hatte dort somit ein halbes Jahr Zeit, unbemerkt schlechtes Karma anzusammeln.

Ich war natürlich angetan von seiner Erzählung. Kurz darauf stand er auf, verschwand kurz (er wohnt gleich nebenan) und kehrte mit einem großen flachen Karton zurück – etwa 52 x 52 cm würde ich sagen. Es schien, als hätte er über seine Erzählung endlich einen vernünftigen Verwendungszweck für das Fanaccessoir gefunden, nämlich mich.

Natürlich freute ich mich über das unerwartete Geschenk! Aber trotzdem: Puh, und nu? Natürlich ist eine solche Kachel eine Zierde für jeden Fanhaushalt – vorausgesetzt man lebt alleine. Tue ich aber nicht. Wiebke ist nun durchaus nachsichtig und gesteht mir allerhand auch zu, aber mir war auch ohne sie zu fragen klar, dass dieses Teil niemals Teil unseres Haushalts werden dürfte. Also beschloss ich kurzerhand, die Kachel Julio Cesar mitzubringen, dem Wirt unserer Vereinskneipe Mexiko70 in der Rua Djalma Ulrich in Copacabana – 10.000 km Luftlinie von Altendorf entfernt.

Eine Zier für die Vereinskneipe

Es kam, wie es kommen musste. Obwohl gut gepolstert und elegant verstaut und vorsichtig getragen überlebte die Kachel die Passage nicht. Sie zerbrach beim Transport. Mit Fliesenkleber versuchte ich noch zu retten, was zu retten war – aber als Scarface-Kachel konnte ich sie unmöglich noch Julio in die Hand drücken. Damit hatte ich es mir bei ihr endgültig verscherzt. Seither verblasst sich allmählich auf unserem Balkon hier in Rio.

Scherben bringen Glück, heißt es. Diese Kachel scheint mit den Umzug vom feuchtkühlen Keller im Hause meines Onkels in die Hitze Rios jedoch nachhaltig übel genommen zu haben. Gegen ihren Willen und ihre ursprüngliche Bestimmung war sie verschleppt und verstümmelt worden, auf immer entstellt. Dass sie sich für diese Gräueltat an mir rächen würde, ist eigentlich nur menschlich.

Ich frage mich nur, wie lange so eine Pechsträhne anhält? Erst die Saison versaut, dann Jonas Hector beim WM-Auftakt krank und prompt verloren – da muss doch irgendwann auch mal Schluss sein. Wie viele Unschuldige sollen noch für meine Taten büßen?