Der richtige Umgang mit der verlorenen Ehre der Landesfarben

Es ist nicht leicht zurzeit Farbe zu bekennen und dabei trotzdem den richtigen Ton zu treffen. Vor allem dann, wenn das Symbol, um das es geht, von entgegengesetzten Richtungen vereinnahmt wird. Das sieht man zurzeit in Deutschland, wo die AfD meint, mit ihren Parolen das Volk zu repräsentieren und zu diesem Zweck die Deutschlandfahne als Symbol kapert. Nun war ich nie ein großer Fahnenschwenker, kein großer Schland-Fan. Klar, wenn die Nationalmannschaft spielt fiebere ich mit – logisch. Aber deswegen in Schwarz, Rot und Gold durch die Lande zu ziehen, nach Siegen beim Autocorso mitzumachen oder extatisch gröhlend durch die Straßen zu laufen – ne, nicht mein Ding. Aber das mit der AfD stinkt mir schon. Es hat was von einer feindlichen Übernahme.

Ähnliches geschah vor fünf Jahren in Brasilien. 2013, ein Jahr vor Eröffnung der Fußball-WM im größten Land Südamerikas. Millionen gehen auf die Straße, demonstrieren gegen die linke PT-Regierung von Dilma Rousseff, protestieren gegen die WM, gegen die Verschwendung von Milliarden für das sportliche Großereignis. Der überwiegende Teil der Demonstranten trägt das gelb-grüne Trikot der Canarinhos, der Selecao, der Fußball-Nationalmannschaft, der Stolz eines jeden Brasilianers, eines der wenigen wirklich einigende Symbol Brasiliens.

Die Proteste ebneten den Weg füreine Bewegung, die in Sao Paulo ihren Ursprung nahm und innerhalb kurzer Zeit mehr und mehr nach rechts driftete. Movimento Brasil Livre (MBL) nennt sie sich. Ihr Ziel: die Einführung einer liberalen Wirtschaftspolitik. Die Gruppierung wurde 2014 nach dem Bekanntwerden eines schweren Korruptionsskandals in Wirtschaft und Regierung (Operation Lava Jato) gegründet, erhielt aber vor allem 2015 landesweite Aufmerksamkeit, nachdem sie die erfolgreichsten Proteste der jüngeren Geschichte durchführten. Die drei Protestwellen am 15. März, 12. April und 16. August 2015 richteten sich in erster Linie gegen Korruption in der Regierung, forderten jedoch seit dem 16. August 2015 auch die Amtsenthebung der Präsidentin Dilma Rousseff, was einer Umfrage zufolge von 66 Prozent der Bevölkerung befürwortet wird.

Die Bewegung sieht Wettbewerb und freie Marktwirtschaft als Lösungen für die Probleme der Wirtschaft. Ihre fünf Ziele sind die Verwirklichung der Pressefreiheit, der Wirtschaftsfreiheit, Gewaltenteilung, freie und gerechte Wahlen und ein Ende der direkten und indirekten Finanzierung von Diktaturen.

Anführer ist ein junger Kerl namens Kim Kataguiri, gerade mal 22 Jahre alt. Als Berufsbereichnung könnte man Aktivist nenne, vielleicht noch Ex-Kolumnist der großen Tageszeitung Folha de Sao Paulo. Sein Werdegang wird da schon weniger eindeutig. Angeblich soll er Wirtschaft an der Universidade Federal do ABC in Sao Paulo studiert haben, kam aber nicht weit. Er soll noch vor Ende des ersten Jahres abgebrochen haben. Die Universität bestreitet sogar, dass Kataguiri überhaupt jemals einen Fuß in die Fakultät gesetzt habe. Doch das ist ein ganz anderes Thema.

Denn eigentlich wollte ich die Geschichte der jungen Designerin Luísa dos Anjos Cardoso aus der kleinen Stadt Uberlândia im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais erzählen, die doch eigentlich nur während der WM ihre Nationalmannschaft anfeuern wollte. Doch der brasilianische Fußballverband CBF hätte ihr um ein Haar die Vorfreude auf die WM.

Denn nicht nur für sie haben die Hemden der Selecao spätestens seit 2013 haben ihre Unschuld verloren. Eine politisch rechte Bewegung, die damals gegen die Regierung protestierte und vor wenigen Wochen zu Kundgebungen für die Inhaftierung von EX-Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva trommelte, hat das sportliche Nationalsymbol für ihre Zwecke vereinnahmt. Demonstranten tragen ebenfalls mehrheitlich das gelbe Hemd.

Foto: Maria dos Anjos Cardoso

Das gefiel Luisa nicht. Sie selbst verortet ihre politische Gesinnung eher links, ist eine Befürworterin Lulas und sieht sich durch das nun politisch aufgeladene brasilianische Nationaltrikot nicht mehr repräsentiert, woraus sie auch gar keinen Hehl macht. „Wir wollten auch bei der WM für Brasilien jubeln, doch mit den gelben Trikots geht das für uns nicht“, sagt sie der APA. Eine Alternative musste her.

„Wir identifizieren uns mit unserer politischen Position“, erzählt sie. Und mit ihrem Trikot wolle sie eine Nachricht aussenden, auf der Suche nach einem Land mit weniger sozialer Ungleichheit, mehr Zugang zu den Ressourcen und gleichen Chancen für alle. „Und für Menschenrechte, die den Ärmsten des Landes helfen.“ Aber auch gegen den „Staatsstreich“ gegen Präsidentin Dilma Rousseff – die Ex-Präsidentin wurde 2016 mit abenteuerlichen Argumenten des Amtes enthoben – und der ganzen politischen Verfolgung, „die in unserem Land stattfindet“, sagt die 26-Jährige.

Mit ihrer Freundin und Kollegin Marcela Sathler hatte sie eine Idee: Sie entwarf ein rotes Ersatztrikot. Rot ist die Farbe der politischen Linken. Anstelle des Markenlogos des Sportherstellers, platzierte sie rechts auf der Brust Hammer und Sichel. Links ließ sie, wie auch beim Originaltrikot, das Wappen des Fußballverbands CBF. Via Facebook machte sie Werbung für das Trikot, bot es für 45 Reais (knapp 12 Euro) Gleichgesinnten zum Kauf an.

Die Resonanz war enorm, aber nicht unbedingt so wie erwartet. Neben Begeisterung und Zuspruch erhielt sie auch ein Schreiben einer Anwaltskanzlei. Diese vertritt den Fußballverband CBF und wies Luisa darauf hin, dass sie unerlaubt die Marke des Verbands, also das Logo, für kommerzielle Zwecke nutze. Dieses sei jedoch durch die Ausrüsterfirma Nike markenrechtlich geschützt.

Luisa reagierte, tauschte das CBF-Siegel gegen ein CBD-Siegel, das bis 1971 die gelben Trikots zierte, bis es vom CBF abgelöst wurde. Aber auch das gehe nicht, so die Anwälte. „Der CBF verwies auf ein Exklusivitätsrecht, dass Nike besitze und deshalb als Einzige Hemden mit den Wappen, das heutige, sowie vorherige,  des Fußballverbandes herstellen dürfe“, sagt Luisa. Sie kam mit einer Ermahnung und dem Schrecken davon.

Aufgeben will sie aber nicht. „Ich habe viel darüber nachgedacht“, gibt sie zu. „Aber ich glaube ich schulde denjenigen, die auf mich zugekommen waren, ein neues Trikot“, sagt sie kämpferisch. Inzwischen ist eine dritte Version in einem Onlineshop zum Kauf angeboten. Anstelle des Verbandswappen gibt es ein unverfängliches Logo, einen geschwungenen „Brasil“-Schriftzug, gerahmt vom Sternbild des Kreuzes des Südens.

Was mache ich nun daraus? Die Porteiros fragen mich schon seit Wochen, ob ich nun für Deutschland oder Brasilien jubeln werde. Für Deutschland, ist doch klar. Aber vielleicht auch für Brasilien, wenn die beiden Teams nicht gerade aufeinander treffen, was ja rein rechnerisch im Achtelfinale oder dann erst wieder im Finale der Fall sein kann. Mein Trikot habe ich da (Modell 2010), aber Fahnen habe ich keine. Und vielleicht werde ich, wenn ich in eine Kneipe gehe, sogar mein FC-Trikot bevorzugen.

Und ja, ich habe auch eines dieser roten Trikots bestellt. Nicht unbedingt, weil ich auch ein Sympathisant Lulas wäre, aber mir gefällt die Idee und außerdem wollte ich die Geschichte unterstützen. Bei Brasilienspielen tragen werde ich es wohl nicht. Davon riet mit auch Kollege Thomas Fischermann ab, der das Thema ebenfalls behandelte. Aber selbst wenn ich wollte, könnte ich gar nicht. Wegen der großen Nachfrage und des Truckerstreiks vor 14 Tagen hat sich die Auslieferung derart verzögert, dass das Trikot frühestens zum Viertelfinale hier eintreffen wird. Wenn überhaupt.