Vor der Schule von den Panini-Dealern angefixt

Sie lungern vor der Schule rum wie Drogendealer. Ein junges Pärchen mit einer Sackkarre, voll gepackt mit Paketen voller Zeitschriften oder Kataloge. Über den Klamotten tragen sie ein weißes Leibchen. Beide haben eine große Tasche umhängen. Sie warten auf den Schlussgong, dann schlagen sie los.

Sobald die Kinder das Schulgelände verlassen sind sie zur Stelle. „Hast du schon eins?“ Dabei drücken sie den Kindern – meist den Jungs – ein druckfrisches Sammelalbum in die Hand. Parallel dazu greift die junge Frau in die Tasche, holt zwei Päckchen mit Sammelbildern raus, hält sie den Kindern hin, die gierig danach grapschen. Kurz darauf hatte Edgar Album Nummer vier und den beiden ein weiteres Päckchen abgeschwatzt.

Dealer lungern vor der Schule herum

Es ist Mitte März, bis zum Beginn der WM sind es noch drei Monate. Zeit, die Vorfreude und den Markt schon mal anzuheizen und die Kinder mit den obligatorischen Sammelbildern der italienischen Firma Panini anzufixen. Denn das ist genau die Aufgabe des Pärchens. Denn: Mitte Juli, wenn das Endspiel vorüber ist, ist schlagartig Schluss mit der Sammelleidenschaft. Einige Tage später war irgendwo zu lesen, dass keine 72 Stunden nach Verkaufsbeginn die ersten komplett vollgeklebten Alben auf der Internetplattform Mercado Livre, eine Art ebay, zu kaufen gab. Panini macht mit den Bildchen ordentlich Reibach. Der Jahresumsatz des italienischen Unternehmens mit Sitz in Modena liegt laut eigenen Angaben bei 750 Millionen Euro.

90 Cent kostet ein Tütchen in Deutschland. Hier etwa die Hälfte. Zwei Reais, rund 45 Eurocent, muss man hier für eine Tüte mit fünf Klebebildern hinlegen. Bei 682 Bildern, die ins Album passen, müsste man also 157 Tüten kaufen. Mindestens, denn die Rechnung setzt voraus, dass man keine doppelten Bilder gekauft hätte. Das ist natürlich unmöglich.

Teurer Spaß

Es gibt diverse Rechnungen, wie teuer ein volles Album tatsächlich ist. Die im Link, die sich auf einen Professor aus dem walisischen Cardiff beruft, geht von 4832 Stickern aus, die man kaufen muss. Also rund 1000 Päckchen. Im Euroland also rund 900 euro in Brasilien immerhin noch umgerechnet 450. Allerdings beinhaltet diese Rechnung natürlich nicht die Möglichkeit des Tauschens. Und darauf kommt es ja an. Das alles setzt natürlich auch irgendwie voraus, dass alle Bilden in etwa gleich oft verfügbar sind. Das Unternehmen behauptet das. Im Zuge der WM 2014 in Brasilien kamen da jedoch große Zweifel auf.

Auch sonst sind die Waffen ungleich verteilt. Es gibt Kinder, die bekommen von ihren Eltern oder Großeltern hier 20 Packs pro Tag (!). Edgar beklagte sich mal, dass einige sogar 50 bekämen. Da kann er mit seinen 8 Reais Taschengeld pro Woche natürlich nicht wirklich mitpinkeln. Es scheint nur um eins zu gehen: Der erste zu sein, der das Album voll hat. Darum hätte ich mit auch mindestens bei drei Jung gut vorstellen können, dass sie notfalls ihr Album ebenfalls komplett im Internet bestellen. Denn der Zweite ist der erste Verlierer.

In der Schule abgezockt

Jeden Morgen schnürt Edgar liebevoll sein Bündel Doppelter und trägt es in die Schule. Einmal kam er ohne zurück. Man hatte ihn über den Tisch gezogen. In der Tauschecke – dort, wo sich die Panini-Junkies in der Pause treffen umd tauschen können, hatte er seine Bilder unvorsichtigerweise aus der Hand gegeben – und nicht zurückbekommen. Ein anderer junge behauptete nun, es seien seine eigenen Doppelten gewesen, rein zufällig nur exakt die selben wie die, die Edgar mitgebracht hatte. Ist der Junge dann noch etwas älter und man hat keine Zeugen, ist die Lage klar: Die Bilder sind futsch. Kein Wunder, stand Edgar nach der Schule heulend vor mir.

Man kann seine Kindern nicht vor allem Unbill schützen. Schlechte Erfahrungen muss man im Leben auch mal selber machen, um daraus zu lernen. Aber Schweinerei ist Schweinerei und so brach ich meinen Vorsatz und kaufte für Edgar ein paar Extrapacks. Als Trostpflaster, nicht als Ersatz für den Verlust. Vielleicht auch, weil ich im ungefähr selben Alter ganz ähnliche schlechte Erfahrungen gemacht hatte, damals in Al-Ersch.

Von Mattes Weiler abgezockt

Schon zu meiner Zeit waren die Dinger teuer und für mein schmales Budget unerschwinglich. Ich weiß noch, wie ich auch mal irgendwie in den Besitz einiger weniger Karten gekommen war und diese nun unbedingt gegen eine von Pierre Littbarski eintauschen wollte (die Jüngeren hier können den Namen ja mal googeln). Anscheinend waren bei meinen paar Bildchen auch welche dabei, die der gut vier oder fünf Jahre ältere Mattes Weiler auch gut gebrauchen konnte. Er versprach mir, bei nächster Gelegenheit – „ganz bestimmt , jaja, sicher, glaub mir“ – das gewünschte Littbarski-Bildchen zum Training mitzubringen. Ich warte natürlich heute noch drauf.

Überhaupt: Wenn möglich, werde ich beauftragt, die Packs zu kaufen. Vor ein paar Wochen hatte ein Klassenkamerad Geburtstag. Als kleines zusätzliches Geschenk erhielt er fünf Packs (außerdem ein Buch). Anscheinend hatte ich ein glückliches Händchen und die Bilder waren echt gut. Drum bin ich nun dran. Aberglaube ist im Fußballbusiness ja relativ weit verbreitet, wie man weiß.

Hector da, das war’s

Für mich persönlich wäre schon nach zwei Wochen Schluss gewesen. Edgar war mit Jonas Hector aus der Schule heimgekehrt. Bei ihm stehen natürlich andere im Fokus. Die üblichen Verdächtigen: Messi, Müller, Kroos, Suarez und, natürlich, Cristiano Ronaldo. Ihn zog er einmal kurz nach dem Fußballtraining. Und legte ihn danach den ganzen Heimweg nicht mehr aus der Hand (wir hatten noch fünd Minuten Fußmarsch und eine 20-minütige Taxifahrt vor uns).

Geschickt verhandelt, kann man aus den Doppelten natürlich doppelt Kapital schlagen. Nämlich, indem man bekannte Spieler gegen mehrere normale Spieler tauscht. Also einen Messi gegen vier Iraner und drei Saudis – ohne nun hier irgendeiner Religionsgemeinschaft auf die Füße treten zu wollen. Aber es ist nun mal so: Spieler aus den genannten Ländern, aus Costa Rica, Nigeria oder Russland sind einfach gefühlt weniger wert, als Brasilianer oder Spanier. Und als die großen Stars sowieso. Sie sind die Bitcoins der Klebebildfans. Edgar entwickelte in dieser Art Tauschgeschäft eine gewisse Virtuosität. Zwischenzeitlich gab es in seinem Doppeltenstapel mehrere Messis, Di Marias oder Dyballas.

Ein Messi für vier Saudis

Inzwischen sind  es nur noch knapp drei Wochen,bis es losgeht. Das Album ist weitgehen gefüllt, die fehlenden vielleicht 70 Aufkleber sind eigentlich nur noch Formsache, zumal die ganz heiße Sammelphase in der Schule rum zu sein scheint. Die Tauschpreise sind deutlich gefallen, einige Kinder verschenken teilweise ihre Doppelten, mangels Nachfrage. Außerdem kann man auf diesem Wege ja vielleicht sogar, zumindest vorübergehend, einen Klassenkameraden als Freund gewinnen. Ja, auch solche Gedanken scheinen hier eine Rolle zu spielen.

 

Andere brauchen nur noch einige wenige Bilder, die sie dann wiederum zu Höchstpreisen tauschen. Viele der Kinder haben bereits mit dem zweiten oder gar dritten Album begonnen, weil sie einfach nicht wissen wohin mit der Kohle. Drum muss schnell eine Ersatzdroge für die Sammelwütigen her. Beim Fußballtraining gab es nun andere Sammelkarten. Nichts zu kleben, eher zum „zocken“, wie Edgar sagt. „Limited Edition“ natürlich, wobei bei so vielen Karten das mit dem limited ja nicht allzu weit her sein kann.

Immer weiter anfixen

Natürlich wieder von Panini. Es sieht tatsächlich so aus, als würde das Unternehmen ganz gezielt auf die Fußballvereine zugehen. Klar, da sitzen die kleinen Fußballverrückten. Da kann man gar nicht früh genug damit beginnen mit dem Anfixen. „Zwei Packs für jeden, in jedem ist garantiert eine Limited Edition“ ruft die Trainerin nach dem Training. Die Worte werden in der hitzigen Aufregung kaum gehört. Einen ganzen Karton voll hat sie mitgebracht, sie sollen in den kommenden Wochen unter die jungen Kicker gebracht werden. Direkt vom Hersteller, wie mir die Leiterin der Schule bestätigt. Sie habe die Karten direkt von Panini erhalten, um sie zu verteilen. „Die sammeln wir aber nicht auch noch“, sagte ich Edgar daraufhin auf dem Nachhauseweg vorsichtshalber. „Nö, keine Sorge, die sind langweilig.“