Arbeiten wie die Profis – Heute: beim Schlüsseldienst

Kommen wir zurück zu den Absonderlichkeiten des brasilianischen Alltags. Keine Sorge, nichts Schlimmes. Ich brauche nur einen Ersatzschlüssel.

An Chaveiros, so heißen die Schlüsseldienste, hat es in Rio keinen Mangel. In Deutschland müsste ich echt überlegen, wo der nächste wäre. Meist ja im Kassenbereich eines großen Einkaufsmarkts der so ähnlich heißt wie ein Fußballclub aus Madrid. Aber hier gibt es sie überall. Sie sind in etwa so häufig wie Spielhallen und Wettbüros in Frankfurt-Rödelheim.

Beinahe an jedem Straßenblock findet sich der containerartige Arbeitsplatz der Schlüsseldienstleute. Eine Metallkiste, einen Quadratmeter in der Grundfläche, blau angestrichen. Der Raum wird maximal genutzt. Hunderte Rohlinge hängen wie im Baumarkt über- und nebeneinander. Andere schlummern in Schachteln und Boxen. Natürlich gibt es auch diverse Schlüsselanhänger und weitere Accessoires. Wie sich die ganzen Schlüsseldienste halten können, ich weiß es nicht. So viele Schlüssel kann man gar nicht verlieren. Und wenn doch: Ein Ersatzschlüssel ist billig. Zwischen 1 und 2 Euro, wenn man nicht gerade ein Duplikat eines Autoschlüssels braucht. Denn auch das gibt es.

Chaveiro ist eben nicht Chaveiro

Sind alle gleich, dachte ich und wählte nicht den nächsten an der Ecke – man weiß ja nie, wer einen beobachtet – sondern ging bis zu den Einzelhandelscontainern, die man rund um die Metrostation in Botafogo findet. Der Schlüsseldienst meiner Wahl verkaufte übrigens auch Bananen.

„Ich brauche einen Ersatzschlüssel“, sagte ich zu dem Mann, der sich, mit dem Rücken zu mit, mit sehr viel Hingabe dem Ladegerät seines Mobiltelefons widmete und mich zunächst überhörte. Als er mich bemerkte, legte er das Ladekabel eilig zur Seite, griff meinen Schlüsselbund und blickte etwas ratlos auf die Rückseite des Büdchens, an dem tatsächlich eine ungewöhnlich dezimierte Schlüsselrohlingauswahl angeboten wurde. Er murmelte etwas mit „minutinho“ und setzte dann seinen durchaus kräftigen Körper im Laufschritt in Bewegung: Aus der Bude raus, quer über die Straße, ab ins Getümmel. Mit meinem ganzen Schlüsselbund, versteht sich.

Im Laufschritt weg

Gut, er hatte ja keine Ahnung wo ich wohne, beruhrigte ich mich, als ich ihn aus den Augen verloren hatte. Außerdem muss er ja durch die Sicherheitsschleuse und an den Porteiros vorbei. Keine Chance also. Und dann weiß er Stockwerk und Appartmentnummer immer noch nicht. Vermutlich wollte er auch nur bei einem Kollegen einen Rohling borgen gehen und brauchte das Muster.

Es handelt sich nicht um einen besonders aufwendigen Schlüssel. Von wegen Sicherheitsschloss wie in Deutschland üblich oder so. Eher etwas, was man benötigt, um einen Schrank oder ein Fahrradschloss abzuschließen. Hustet man einigermaßen kräftig gegen die Türe, ist sie ohnehin offen.

Inzwischen war mein Chaveiro zurück. Mit dem Schlüsselbund, aber ohne einen Rohling oder etwas Ähnliches. Er kramt abermals, wenn auch ziemlich unentschlossen, ein wenig in der überschaubaren Auswahl seiner Schlüssel, greift einen, und spannt das Muster in die Schleifmaschine. Nach zwei Minuten ist er fertig: „8 Reais.“

Spiegelverkehrt

Hat ja doch geklappt, denke ich und gehe nach Hause. Am stand hatte ich sogar noch die Schlüssel aufeinander gelegt und die Bärte verglichen. „Sieht aus, als passt es“, dacht ich. An der Wohnungstür bemerkte ich meinen Irrtum erst. Der Schlüssel hakte nicht ein bisschen, der wollte sich keinen Millimeter in das Schloss bewegen lassen. Jetzt sah ich auch warum: Der Bart war tatsächlich gleich. Doch der Rohling war genau spiegelverkehrt geschliffen worden. Die Rille, die der Originalschlüssel auf der Vorderseite hat, war beim Duplikat auf der Rückseite. Also zurück.

Am Büdchen zeige ich dem Chaveiro, nachdem er wieder sein Ladekabel entwirrt hatte, meinen Schlüssel. „Geht nicht, nao da“, sage ich. Er schaut überhaupt nicht überrascht. „Habe ich mir gedacht“, antwortet er. Nun schaue ich wie ein Auto. Langsam greift er in die Schublade, holt die 8 Reais hervor die ich 15 Minuten zuvor bezahlt hatte und gibt sie mir. Der Retour-Schlüssel landet ebenfalls in der Schublade. Ehe ich noch etwas sagen kann, ist er wieder mit seinen Whatsapp-Nachrichten beschäftigt.

Epilog:

Am Ende hat es geklappt. 50 Meter weiter fand ich einen besser sortierten Chaveiro. 7 Reais verlangte er für das Duplikat.