Der fast geplatzte Traum vom Messi-Trikot

14-tägiges Umtauschrecht? In Deutschland kein Problem. Ohne Angabe von Gründen Ware zurückbringen und Geld erstattet bekommen. Fertig. So einfach. Nicht in Brasilien. Bemerkt man hier, dass man sich vergriffen hat oder das Produkt nicht passt oder gefällt, kann man es zurückbringen. Aber Geld zurück gibt es nicht. Bestenfalls einen Einkaufsgutschein in selber Höhe. Aus diesem Grund war ich skeptisch, ob ich helfen könne, als neulich freitagsabends ein aufgelöster, wütender Edgar schluchzeln und zetern vor mir saß.

Für einen Vater ein beschissenes Gefühl, wenn er – vor den Augen des Kindes – an seine Grenzen stößt. Noch sind wir in dem Alter, indem der Vater das große Vorbild ist, der Retter und Problemlöser. Noch wissen die Kinder ja nicht, dass man auch als Vater nicht jeden Berg versetzen kann und man eigentlich recht schnell mit seinem Latein am Ende sein kann. Was war passiert?

Als Souvenir ein Trikot

An Ostern waren wir in Sao Paulo, besuchten dort das Fußballmuseum. Wie in jedem guten Museum gibt es dort auch einen Shop. Natürlich mit Trikots. Edgars Traum seit langem ist es, ein Trikot von Barcelona mit dem Namen Messi darauf zu besitzen. Ich gebe zu: Es könnte schlimmer sein, Ronaldo zum Beispiel. Sicher, er hat schon allerhand Hemdchen: Ein FC-Trikot mit „Risse“, ein kolumbianisches von James Rodriguez, das neue Torwarttrikot von Manuael Neuer, dazu noch eines seines brasilianischen Herzensclubs Fluminense, Paris Saint Germain und sicher habe ich noch welche vergessen.

Bis auf wenige Ausnahmen haben wir diese auch an Straßenständen gekauft. Die Hemden waren also sehr wahrscheinlich, nein, definitiv, nicht original, kosteten deshalb nur einen Bruchteil eines offiziellen Hemdes. So what. Der Junge wächst ja noch, da will ich nicht 70 oder 80 Euro nach ein paar Monaten in den Wind schießen.

Das Problem: An diesem Hemd hängt er besonders. Und: anscheinend hat jeder in der Klasse, zumindest jeder fußballbegeisterte männliche Schüler, ein solches Shirt im Schrank. Stichwort: Gruppendruck. Letzterer ist mit zunächst mal egal, wenn es um die Kohle geht.

Diskutieren zwecklos

Und da stand er nun: Das Trikot seiner Träume in Händen. „Was kostet das?“, fragte ich. (Dialog: Gedächtnisprotokoll. Kann vom tatsächlichen Wortlaut abweichen, sinngemäß aber 100% zutreffend)

„220 Reais“ (50 Euro circa)

„Nix da, häng weg.“

„Papa, bitte!“

„Das zahl ich nicht.“

„Papa, böööttte!“

„Vergiss es.“

„Ich lege auch mein ganzes Erspartes dazu.“ (zu jenem Zeitpunkt rund 150 Reais).

„Und der Rest?“

Ich hatte mit auch schon ein Teil ausgesucht (Oldschool Argentinien aus Baumwolle, allerdings sehr viel billiger). „Nimm doch auch so eins!“ Versuchte ich ihn auf eine andere Spur zu locken. Außerdem gab es auch die WM-90-Edition von Deutschland. Das schön mit Littbarski wäre doch was.

„Alle haben so eins, ich will das hier.“

Ablenkung fehlgeschlagen.

„Und wenn ihr auch eins kauft, dann passt das doch auch.“ Taktik durchschaut, schlagendes Argument. Tatsächlich käme das ziemlich genau hin.

„Hm. Aber Dein Geld ist dann weg.“

„Ich weiß.“

„Sicher?“

„Ja!!!“

„Hm. Na gut.“

Als i-Tüpfelchen gab es dann noch die gelbe 10 und „Messi“ hintendrauf – und ein glückliches und stolzes Kind. Natürlich wurde das Trikot noch am selben Tag anprobiert und auch gleich nach dem Wochenende ohne Waschen aber mit stolz geschwellter Brust  in die Schule.

Keine Woche später. Freitag Abend, nach 21 Uhr. Eigentlich sollten die Kinder längst schlafen, da höre ich ein Schluchzen aus Edgars Zimmer.

„Eddi, was’n los?“

„Ich bin traurig.“

„Warum?“

Traumtrikot nach wenigen Tagen kaputt

Er kommt aus dem Dunklen hervor, setzt sich in den Türrahmen, den Kopf auf die Hände gestützt. Er erzählt von seinem Trikot, das doch noch ganz neu sei und aber trotzdem auf der Vorderseite schon kaputt gehe. Tatsächlich hatten sich Knötchen gebildet, so, als würde sich als nächstes der Garn wie eine Art Laufmasche herausziehen lassen und fiese Streifen verursachen. Ähnliches hatten wir nach wenigen Tagen bei Edgars erstem Barca-Trikot erlebt – aber das war eben eins vom Straßenhändler. Auch ärgerlich, aber eigentlich erwartet man ja auch nicht mehr.

Aber hier? Immerhin andelte es sich um ein orginal FC Barcelona-Trikot von Nike mit allem Komfort und zurück, das vor nicht einmal einer Woche erst gekauft uns seither noch nicht einmal einen Waschgang durchlaufen hatte.

Tiefes Schluchzen. „Das ist so gemein; jetzt habe och kein Geld mehr und das Trikot ist kaputt. Dabei dachte ich doch ich hätte was Ordentliches gekauft, weil das doch so teuer war und jetzt das.“ Ich weiß gar nicht, ob die Enttäuschung überwog oder doch die Wut über sich selbst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Der traurige Knopf brach mir das Herz. Er hatte ja soooo recht. Eigentlich viel zu teuer, hatte er sein mühsam erspartes zusammengekratzt und alles in dieses eine Trikot seines Superhelden Linel Messi investiert. Er würden Monate vergehen, bis er wieder bei Kasse wäre, um überhaupt an eine Ersatzanschaffung denken zu können. Vor mir saß ein vor Wut, Verzweiflung und Enttäuschung  zitterndes Häufchen Elend. Und er hatte sooo recht.

Ich hatte meine Arbeit längst unterbrochen. Während er mir noch sein Herz ausschüttete, hatte ich die Internetseite des Museums angesteuert und nach Kontaktmöglichkeiten geschaut. Sechs Mailadressen fand ich – fünf museumsinterne und eine vom Kulturdezernat des Bundesstaats Sao Paulo. Anscheinend die übergeordnete Behörde. Wer ist der Richtige? Drauf geschissen, viel hilft viel – in Google Translator (englisch-portugiesisch) einen Brief zusammengeklöppelt (was vielleicht auch so gegangen wäre, aber viel mehr Zeit gebraucht hätte) und in eine Email gepackt.

„Papa, was machen wir denn jetzt????!!?“

„Ich kann deine Enttäuschung voll nachvollziehen, Edgar. Du hast sowas von recht, aber..“ ich musste auch irgendwie realistisch bleiben. Nein, ich kann ihm nicht versprechen, dass man das Problem irgendwie lösen kann. Wären wir in Deutschland gewesen, wären seine Erfolgsaussichten nicht schlecht – Materialfehler vielleicht, Wandlung, neues Hemd. Eventuell auch aus Kulanz. Aber hier? Ehrlich gesagt war ich fest davon überzeugt, dass die Mail, die zum verschicken im Postausgang lag, für immer unbeantwortet bleiben würde. Aber kann ich ihm das so hart ins Gesicht sagen? Schließlich ist er schon fertig genut, total zermütbt, verzweifelt, enttäuscht und tief traurig.

„Weißt Du was wir machen?“

Er schaute mit aus tränenverquollenen Augen an, schluchzte nochmal, schüttelte dann den Kopf.

E-Mail aber trotzdem wenig Hoffnung

„Wir können denen ja mal eine E-Mail schreiben und das schildern. Vielleicht können die ja was für uns tun.“ Zumindest Zeit hätte ich gewonnen. Innerlich war ich schon so weit, dass ich ihm, sollte das nicht funktionieren – und das würde es ja auch nach meinem Empfinden nie und nimmer – ein neue Trikot beschaffen würde. Original versteht sich. Aber dazu müsste ich erst einmal mit Wiebke beratschlagen. Klar, würde auch sie zustimmen, keine Frage, aber das macht man einfach so, finde ich.

Ich zeigte ihm, was ich geschrieben hatte. Er nickte zufrieden. Nun nicht mehr ganz so traurig. Und nach ein paar Minuten hatte er sich soweit beruhigt, dass er sogar den Weg zurück ins Bett fand und einschlief. Es war inzwischen 22.45 Uhr.

Ich war nicht so zuversichtlich. Ich hatte einen gravierenden Fehler gemacht: Eine echte Quittung hatten wir gar nicht erhalten. Das war mit im Laden sgar noch aufgefallen, hatte aber nicht reagiert. Zwei Tage später wären wir eh 600 Kilometer entfernt zurück in Rio, so what. Irgendwo könnte aber noch der Beleg der Kreditkarte sein, immerhin, vielleicht hilft das ja. All das hatte ich in die Mail geschrieben. Ich wusste zum Glück noch den Gesamtbetrag und ziemlich genau die Uhrzeit – ich hatte nämlich an der Kasse auf die Uhr geschaut, damit wir unseren Hop-on-Bus nicht verpassen. Würde das reichen? Man müsste uns schon sehr wohlwollend gesonnen sein, wollte man tatsächlich das Trikot umtauschen.

***

Siehe da: Eine Antwort!

Es dauerte keine Woche, da bekam ich eine Mail. Natürlich bekomme ich viele Mails, neuerdings vor allem Spams mit „Inkasso“, „Milka-gewinnspiel“ und Ähnlichem. Aber diese kam aus Sao Paulo. Aus dem Kulturbüro des Bundesstaates Sao Paulo – Aha, eine maschinell erstellte Eingangsbestätigung. Immerhin war eine der sechs angegebenen Mailadressen echt.

Nur einen Tag später die nächste Mail, selber Absender.Darin stand Folgendes:

 

„Prezado Sr. Andreas Nöthen,

Em resposta a sua manifestação, encaminhamos os seguintes esclarecimentos da Unidade:

“Prezado Senhor,

 

Primeiramente gostaríamos de agradecer a visita de sua família ao Museu do Futebol. Esperamos que tenham gostado. Lamentamos muito que a camisa que seu filho comprou esteja danificada. Entramos em contato com o gerente da loja que opera no Museu, que se prontificou a efetuar a troca. Para tanto, pedimos para que nos envie a camisa danificada por correio, com o nome que deve ser impresso, para que a loja lhe envie uma camisa nova, também por correio.

 

Uma informação importante: as camisas quando customizadas com o nome/número não devem ser colocadas na máquina de lavar ou secar para que a estampa seja preservada.

 

Segue o endereço do Museu do Futebol e o contato da pessoa que fará a interlocução com o senhor até a resolução do problema:

 

Museu do Futebol – Praça Charles Miller, S/N Estádio do Pacaembu

Pacaembu São Paulo – SP CEP 01234-010

Cordialmente,

Equipe Museu do Futebol

Unidade de Preservação do Patrimônio Museológico – UPPM”

 

 

Atenciosamente.

 

Margaret S.

Ouvidora

Secretaria da Cultura do Estado de São Paulo”

Ich werde verrückt!

Ah ja, die Ablehnung ist da. Ich flog über das Schreiben. Moment mal. Ich las es ein zweites Mal. Da stand doch tatsächlich:

“Lamentamos muito que a camisa que seu filho comprou esteja danificada. Entramos em contato com o gerente da loja que opera no Museu, que se prontificou a efetuar a troca. Para tanto, pedimos para que nos envie a camisa danificada por correio, com o nome que deve ser impresso, para que a loja lhe envie uma camisa nova, também por correio.”

Da stand es! Schwarz auf weiss!

Großes Bedauern über das beschädigte Trikot meines Sohnes. Darum sei man in Kontakt zum Museumsshop getreten, der nun einen Umtausch ermöglichen würde. Dafür müsse ich nur zur Post gehen und das schadhafte Hemd einsanden.

Ich traute meinen Augen kaum. Donnerwetter! Welch Überraschung und welch Freude, als ich Edgar gleich nach der Schule davon erzählte.

Am übernachsten Tag ging ich zur Post. Dort muss man, wie überall, eine Nummer ziehen und warten, bis man dran ist. Und wie überall dauert es ewig. Aber egal. Irgendwann würde es schon klappen. 45 Minuten später stand ich am Schalter, kaufte einen Karton und die schnellstmögliche und sicherste Zustellung, die die brasilianische Post zu bieten hat. Koste es, was es wolle. Nur kein Risiko! So kurz vor dem Ziel! Gut, rund 15 Euro. Dafür sollte das Päckchen auch noch am nächsten Tag zugestellt werden.

Von da an wurde das warten zäh. Klar, ich würde kaum erwarten können, dass dasTrikot drei oder vier Tage später schon wieder zurück sein würde. Aber bis zum nächsten Muckser verging über eine Woche.

Oh, nein! Größe nicht mehr vorrätig

Eine Mail bestätigte erneut den Eingang. Allerdings, so schrieb von Frau S. von weiter oben, sei das Trikot in der ursprünglichen Größe M vergriffen. Ich könne wählen ob Größe L oder Geld zurück. Klar, musste ja so kommen. Logisch. Hätte ich mir gleich denken können. „Was meinste?“ fragte ich Edgar, obwohl für mich völlig außer Frage stand, dass wir die Nummer größer wählen würden. So könnte er das teure Teil zumindest eine Weile länger tragen. „Geld?“ fragte er zurückhaltend.

Ich antwortete, dass Größe L überhaupt kein Problem sei. Ich wollte nicht nich irgendwelche Pannen mit unserem frisch eingerichteten Girokonto riskieren.

Vor ein paar Tagen nun kam ein Päckchen. Glücklicherweise war der Briefträger offenbar ein umgeschulter Ägyptologe – er hatte die Hieroglyphen, die als Adresse gedacht waren, richtig entziffert. Im Ernst: Die Schrift sah so aus, als hätte sie jemand mit Gipsarm geschrieben. Aber egal. Das Trikot war tatsächlich umgetauscht worden, ohne Wenn und Aber.

Mich hat diese Erfahrung in Erstaunen versetzt und ich schäme mich ein wenig dafür, dass ich eigentlich mit nichts gerechnet hatte. Es mag Regeln geben und Gesetze. Es mag auch einen Haufen Leute geben, die ihrem Job runterreißen und nur genaus viel wie nötig machen und keinerlei Verantwortung übernehmen. Aber es gibt doch auch immer noch die Ausnahme für diese Regel. Und ja, auch das ist eine Erfahrung, die man immer wieder in Brasilien machen kann. Egal wie aussichtslos die Situation auch sei mag, es gibt immer einen „jeito“ einen Weg. Letztlich beruht ein Großteil der Funktionalität der brasilianischen Volkswirtschaft auf dieser Gesetzmäßigkeit. Und Edgar hat sie doch noch glücklich gemacht.