Besser spät als nie: Osterbesuch in der Megastadt Sao Paulo

Dieser Besuch kam spät. Wir hatten ihn lange vor uns hergeschoben, bewusst. Dass wir erst nach guten zwei Jahren in Brasilien wagten, uns Sao Paulo, die größte Stadt des Landes und wahrscheinlich ganz Sädamerikas anzuschauen, liegt auch in dem Respekt begründet, den wir gegenüber der Megacity hatten und noch immer haben.

Klar, Rio ist schon groß, knapp 7 Millionen. Aber man bewegt sich in einem relativ kleinen Rahmen. Die eigentliche Größe der Stadt merkt man kaum,weil man in vielen Gegenden nichts zu suchen hat und diese deshalb nicht wahrnimmt und auch, weil die Stadt Rio de Janeiro topografisch so angelegt ist, dass sich die Größe dem Betrachter kaum erschließt. Überall teilen die grünen Granithügel, die Morros, die Stadt in kleine appetitliche Häppchen auf. Hinzu kommt die Weite, die man an den Stränden erfahren kann. Der Blick kann streifen, unverbaubar, da kann sich in deinem Rücken abspielen was will. Am Strand findet die Seele Ruh‘.

SP: Volle Aktion 24/7

In Sao Paulo ist das anders. Der Blick schweift dort nur über Beton. Das ist zwar auch beeindruckend, und auf eine gewisse Art auch ästhetisch und schön. Aber das Auge findet keine Ruhe in diesem gewaltigen Wimmelbild aus Hochhäusern, Menschen, Autos, Armut, Gerüchen, Graffitis und Lärm. Und es erschwert die Orientierung. Anders, als in Städten wie Paris, London oder Berlin, wo es an beinahe jeder Metrostation eine Sehenswürdigkeit gibt, erscheint mir SP fast schon sehenswürdigkeitlos. Man steigt aus dem Untergrund und fragt, sich, wo man nun ist. Was es natürlich nicht ist. Aber der übliche Protz und Bombast ist tatsächlich schwerer zu finden. Der Wiedererkennungswert des Stadtbildes ist vergleichsweise gering.

Drum suche man sich Hilfe. Zum Beispiel durch eine der vielen kostenlosen Walkingtours, des so gibt. Naja, am Ende wird man um eine Spende gebeten, aber anders als in anderen Städten, wo eine solche Tour mal schnell 50, 70 oder 100 Euros kostet, hält sich das doch sehr in Grenzen.

Kostenlos radeln

Es geht übrigens auch für Leute, die keinen Bock auf das viele Laufen haben, oder lieber schneller mehr sehen wollen – mit dem Fahrrad. Hier wird man gebeten, anstelle einer Gebühr in Naturalien zu zahlen: 2 Kilo haltbare Lebensmittel pro Teilnehmer, die anschließend für Hilfsprojekte gespendet werden. In beiden Fällen sollte man sich vorher per Internet anmelden, denn die Touren sind schnell voll. Für die Biketour gilt: Es gibt auch Kinderräder, allerdings nicht für Kleinkinder. Teilnehmende Kinder sollten schon Raderfahrung haben. Denn bei der Tour durch den Park, die wir gemacht haben, muss man doch recht umsichtig sein. Denn der Park ist voller Rad fahrender, joggender, skatender, spazierender Menschen mit und ohne Hunden. Da muss man seine Sinne schon halbwegs beisammen halten.

Ob das etwas ist für einen Kurztrip mit Kindern?

?

Rückblickend kann ich nun sagen: Es ist durchaus – wenn man es gemächlich angehen lässt. Das Osterwochenende war ausgesucht. Da holt selbst das Finanzzentrum Südamerikas man Luft, schlägt der Puls der Wirtschaft langsamer. Wenn Sao Paulo einmal Schnupfen bekommt, hat der Rest des Landes eine Lungenentzündung. Sao Paulo, oder SP wie es alle nennen, ist die wirtschaftliche Hauptstadt Brasiliens, die kulturelle auch.

Für jede Subkultur ein Biotop

Wenn es einen Ort gibt, der niemals still steht, in dem man alles zu beinahe jederzeit bekommen kann und in dem jede auch noch so kleine Subkultur ihr Biotop findet, dann ist das sicherlich Sao Paulo. Eine Metropole, eine Weltmetropole, auf Augenhöhe mit Städten wie New York oder London. Nur ein wenig rauer, ruppiger, kantiger. An vielen Stellen erschien mir Sao Paulo so, wie New York in den 70er und 80er Jahren gewesen sein muss – bevor Künstler und Boheme, Spekulanten und Hipster die heruntergekommenen Ghettos für sich entdeckten und zu hippen Kiezen gentrifizierten. Etlichen Vierteln im Stadtzentrum von SP steht diese Entwicklung noch bevor.

Seltsam vertraut wirkt die Stadt auf mich. Nicht wie eine Metropole auf einem anderen Kontinent. Kühl, fast schon europäisch kommen die Paulistanos daher. Deutlich zurückhaltender und höflicher als die lauten, extrovertierten Cariocas in Rio. Außerdem geht es wesentlich geordneter zu. Im Straßenverkehr werden die Fahrspuren eingehalten, die Ampeln respektiert. Ja, tatsächlich, es gibt jede Menge Radwege. Und: Die Menschen halten sich auch dort grob an die Regeln – in Rio leider komplett undenkbar.

Geordnet und ziemlich europäisch

SP hat tatsächlich für jeden was. Nach einer Walking Tour durch das Künstlerviertel Vila Madalena mit der berühmten Batman-Gasse und einer Stadtrundfahrt mit dem noch relativ neuen Hop-on-hop-off-Doppeldeckerbus (40 Reais pro Person für 24 Stunden, inklusive Eintritt in sieben Museen) machten wir uns am Samstagmorgen auf zu einem Flohmarkt, um anschließend eine Radtour durch den Park Ibirapuera zu machen. Im Park und gleich daneben gibt es etlich Museen die wenig Eintritt kosten (8-10 Reais, 2-2,50 Euro) oder an manchen Tagen (samstags) kostenlos sind. Vom MAC-Museum hat man zudem einen hübschen Blick von der Dachterrasse.

Kulinatisch ist Rio relativ, naja, einfach gestrickt. Reis, Bohnen, Fleisch – wenig Abwechslung und mitunter recht teuer bei schlechter Qaulität. Das kann man sich in SP scheinbar nicht leisten. Dort gibt es alles. Im Stadtteil Liberdade (erreicht man auch mit dem Hop-on-hop-off-Bus) lebt die größte japanische Community außerhalb Japans. Hinzu kommen Chinesen, Koreaner und andere Asiaten, die den Stadtteil prägen. Nicht nur im Straßenbild, sondern vor allem kulinarisch. Klar, auch viele europäische Einwanderer gibt es, allen voran Italiener. Und so kann es passieren, dass man sich in einem Lokal wiederfindet, dass von der Dekoration sehr an ein Ausflugslokal an der Ahr der 60er-Jahre erinnert (alte Gebrauchsgegenstände, Plastikweinreben etc.) und ein Musikantentrio dir „Rosamunde“ trällert.

Känguruhs im Aquarium

Oder man geht ins Aquarium. Der Kinder wegen. Doch die Kinder mussten ja auch mitlaufen und –radeln und nachdem sie das Aquarium selbst recherchiert hatten, würden wir den letzten Ausflug eben dorthin machen. Außerdem interessiert mich ja schon, wie die es schaffen, Tiere wie Koalas und Känguruhs mit einem Aquarium in Einklang zu bringen. Die Antwort: Das Aquarium ist nur ein Teil des Ganzen. Es ist eher eine Art Zoo mit ausgedehnter Wasserlandschaft in der auch Robben, Seelöwen und sogar ein Eisbärenpaar ihren Platz finden. Wie immer bei solchen Dingen: Über die Art der Tierhaltung kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Ob das, was dort zu sehen ist, aus Tierschutzsicht ethisch zu vertreten ist, kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen. Die Gehege wirken modern und teilweise auch recht geräumig (ein Koala pennt ja eh 23 Stunden am Tag, aber trotzdem könnte er, wenn er wollte, den Baum wechseln). Dem Faultier wird es wurscht sein, dass sein Gehege nur etwa so groß ist , wie eine aufgestellte Garage – auch dieses bewegt sich ja recht wenig.

Nach vier Tagen kann ich nicht direkt behaupten, dass ich mich in SP verguckt hätte und ich bald mal wieder hin müsste. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch beim dritten, fünften, zwanzigsten Besuch in der Megacity noch etwas interessantes, spannendes bislang unbekanntes entdecken kann. SP ist keine städtebauliche Schönheit, wobei sich architektonisch allerhand anzuschauen lohnt – aber die Schönheit die bleibt kommt ja bekanntlich von Innen heraus.