Geschmacklose Stimmungsmache im Wahlkampf

In Wahlkämpfen wird mit harten Bandagen gekämpft. Das weiß man spätestens seit dem US-Wahlkampf. Seit dem weiß man auch: Es darf auch dreckig und unfair zugehen – vorausgesetzt, man lässt sich nicht erwischen. Dreckiger Wahlkampf ist kein rein US-Amerikanisches Phänomen. Auch im langsam Fahrt aufnehmenden Präsidentschaftswahlkampf in Brasilien hat die Geschmacklosigkeit einen ersten Höhepunkt erreicht.

Auf einer Facebook-Seite ist nun eine anscheinend gefakte Wahlanzeige der linken Arbeiterpartei PT aufgetaucht (die Partei, der auch Ex-Präsident Lula und die enthobene Ex-Präsidentin Dilma Rousseff angehörten). Als Kandidatin als Parlamentsabgeordnete „Em defesa da familia“ (zum Wohle der Familie) ist Suzane von Richthofen abgebildet, mit der Kandidatennummer 13666.

Zu finden war diese Wahlwerbung bis vor wenigen Tagen auf einer „Fanseite“ von Suzane von Richthofen. Es ist eine von dreien Seiten zu dieser Person, mit rund 27.370 „Fans“ die reichweitenstärkste. In wie fern diese Seite tatsächlich mit Suzane von Richthofen zu tun hat, ist schwer zu ergründen. Auf diesbezügliche Anfragen reagieren die Betreiber der Fanpage jedenfalls nicht. Auch eine Anfrage zum dazugehörigen Twitterprofil blieb unbeantwortet.

All das wäre soweit nicht schlimm, handelte es sich bei der betreffenden Person nicht um eine Verbrecherin, deren Fall Anfang des Jahrtausends im selbst abgebrühten Brasilien für Entsetzen sorgte. Gemeinsam mit ihrem damaligen Partner soll sie den Mord an ihren Eltern geplant und ausgeführt haben. Dafür verbüßt sie zurzeit eine 40-jährige Haftstrafe in einem Gefängnis in Sao Paulo.

Kurz nach der Tat hatte die damals 18-jährige Suzane den Mord gestanden: Ihr Motiv: Die Eltern hatten es abgelehnt, dass ihr neuer Freund Daniel bei ihr im elterlichen Haus im Nobelviertel Campo Belo wohnen durfte. Tochter, Freund und dessen Bruder Cristian erschlugen die Eltern im Schlaf. Weil die Eltern die Beziehung zu dem Freund missbilligten, soll es Pläne gegeben haben, die Teenagerin nach Deutschland zu schicken.

Der Name von Richthofen hat in Deutschland einen besonderen Klang – vor allem wegen des berühmten Jagdfliegerpiloten Manfred von Richthofen, der während des Ersten Weltkriegs aktiv war und den Beinamen „Roter Baron“ trug. Auch der getötete Vater, der Ingenieur Manfred von Richthofen soll versucht haben, sich als ein Nachfahre des Roten Barons auszugeben. Medien berichteten, dass er versucht haben soll, mit alten Fotos seine vermeintliche verwandtschaftliche Beziehung zu den deutschen von Richthofens zu untermauern.

Diese scheint es aber nicht zu geben. Auf Anfrage bei der Familie heißt es: „Manfred Albert v. Richthofen (*1953 †2002), Dipl. Ing., suchte seinen Berufsweg in Brasilien. Er heiratete die promovierte Psychiaterin Marisia Abdalla (*1952 †2002). Er gehörte der nicht freiherrlichen Linie unserer Familie an.

Ihre Tochter Suzane (*1983) war eingeweiht in die Mordabsicht zweier junger Männer. Auslösung der Tragödie war wohl der Versuch der Eltern, die Tochter nach Deutschland zu schicken, um sie vor ungünstigem Einfluss zu bewahren.

Das Schicksal der Familie, das uns sehr schmerzt, ist ausreichend aufgearbeitet worden. Das Strafmaß spricht für sich. Suzane hat es angenommen und nahm die von uns angebotene konsularische Hilfe deshalb nicht in Anspruch. Wir hoffen, dass durch das Verhalten von Suzane im Strafvollzug einst eine vorzeitige Entlassung beschieden werden kann.“

Inzwischen ist die Beziehung mit Daniel beendet. Vor einigen Jahren hat Suzane von Richthofen im Gefängnis eine Mitgefangene geheiratet. Außerdem hat sie sich der evangelikalen Kirche zugewendet.

Geschmacklich fragwürdig ist diese “Wahlwerbung” in mehrerlei Hinsicht. Zum einen versucht diese, eine Verbindung zwischen der Verbrecherin und der Arbeiterpartei PT herzustellen. So, als würde in dieser jeder als Kandidat aufgestellt werden können – auch Schwerverbrecher. Es ist nicht allzu sehr weit hergeholt, zu vermuten, dass dies eine Anspielung auf Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zu verstehen sein könnte. Ein Gericht bestätigte in Januar ein Urteil wegen Vorteilsnahme gegen ihn und packt sogar auf das ursprüngliche Strafmaß von gut neun Jahre noch etwas  draufpackte.

Darüber hinaus spielt der Hinweis auf die Familienpolitik auf den Mord an den Eltern an. Zum Dritten die Kandidatennummer, die auf 666 endet. Sechshundertsechsundsechzig (666) ist eine biblische Zahl, die in der heute geläufigen Bedeutung erstmals in der Offenbarung des Johannes vorkommt. Im Rahmen des Okkultismus und der Zahlenmystik wird ihr eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Sie wird auch als Zahl des Tieres oder Zahl des Antichristen bezeichnet.

Inzwischen ist die die Wahlwerbung von der Facebook-Seite wieder verschwunden.