Oh, la-la, willst du eine Pizza? Von salzig bis süß

Pizza, von der Unesco völlig zu recht in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen ist etwas Feines. Für uns hat der Öllappen (was sie im schlimmsten Falle ja auch sein kann) aber eine fast schon rituelle Bedeutung. Sie hilft, uns die Woche zu strukturieren, die Familie zusammen zu bringen und das Wochenende zu zelebrieren. Denn Pizza gibt es bei uns fast ausschließlich freitags, nur manchmal auch an einem Sonntag.

Das begann in etwa mit der Geburt der Kinder. Im Krankenhaus hatten wir damals Katrin und Jörn kennengelernt. Sie standen kurz vor der Geburt ihrer ersten Tochter Femi, wir warteten auf Ella und Edgar. Am 6. September erblickten die drei in kurzem Abstand das Licht der Welt. Seither ist Femi nicht nur die älteste Freundin der beiden, sondern sozusagen der dritte Zwilling.

Als junge Eltern hat man natürlich immer ein Gesprächsthema und in jenem Stadium natürlich jede Menge Mitteilungsbedarf. Aber da uns die beiden Bad Vilbeler auch darüber hinaus sehr sympathisch erschienen, verabredeten wir uns alsbald zu gemeinsamen Spaziergängen und Besuchen. In aller Regel fanden diese an Freitagen statt.

Links: Pizza Sushi

Freitage haben schließlich die besonders angenehme Eigenschaft, der letzte Arbeitstag der Woche zu sein, die auf diese Art gemütlich ausklingt. Normalerweise lief das so, dass wir bei unserer Stammpizzeria Rusticale anriefen und uns die Teile kurz darauf abholten. Irgendwann wurden diese Pizza-Freitage zum Ritual.

Daran hat sich auch hier in Rio nichts geändert. Wobei: Zunächst war es gar nicht so einfach, eine vernünftige Pizza zu finden. Brasilianer scheinen nämlich tatsächlich auf die oben zitierten Öllappen zu stehen. Weicher Teig, sehr viel Käse, labberig, fettig. Geht so. Als Wiebke einmal auf Klssenfahrt war, kaufte ich für die Kinder und mich eine Tiefkühlpizza. Kurzfazit: Ein klarer Versuch der Körperverletzung. Geschmacklich kann man  das im Bereich Bundeswehr-Hartkeks mit Analogkäse vorstellen – nahezu ungenießbar.

Dabei war ich früher weiß Gott nicht verwöhnt. Aldis Erno-Pizza für 99 Pfennig das Stück waren in den späten 80ern und frühen 90ern auch keine Offenbarung. Besserung trat erst mit der Anschaffung einer Mikrowelle ein. Der Teig wurde weicher, dafür blieb in der Mitte meist ein eiskalter Kern. Ein kulinarischer Meilenstein war da für mich die Entdeckung der Wagner-Pizza aus dem Hause Nestlé. Die gelang auch im Backofen halbwegs passabel uns sättigte. 800 Kalorien sind auch ein Brett. Aber mehr brauchte es damals nicht als Trinkunterlage.

Als Student: Hauptsache schnell satt

Im Studium wurde ich etwas sophisticated. Die Dr. Oetker-Pizza mit Spinat wurde mein Favorit. Doch da ich kein ausreichend großes Gefrierfach hatte, war keine größere Vorratshaltung möglich. Vielleicht auch ganz gut so.

Doch zurück nach Rio. Weil wir uns so sehr an die Pizza, wie schon gesagt, gewöhnt hatten, gaben wir nicht auf, suchten weiter nach einer guten Pizzeria und Heimatgefühl. Einmal landeten wir bei einem so genannten Rodizio.

PifPaf, der Lappen muss eraff. TK-Pizza hier grenzt an Körperverletzung.

Dabei laufen Kellner durch das Restaurant und bieten diverse Pizzen an. Nickt man, bekommt man ein Stück, lehnt man ab, dann halt nicht. Das geht so lange, bis man nicht mehr kann. All you can eat sozusagen. Klar gibt es da auch Klassiker, Salamipizza etwa. Aber es gibt auch exotischere Varianten. In Brasilien vielfach beliebt ist der Shrimp. Auch als Pizzabelag. Gerne in Verbindung mit einem bestimmten Streichkäse, dem Catupiry. Wie das schmeckt? Konnte mich bislang leider nicht überwinden, das zu testen. Besonders gewöhnungsbedürftig: Pizza Sushi. Ja, genau, da werden dann einfach ein paar Fischröllchen unter der Käsedecke versteckt. Bei dieser Pizzeria waren wir auch nie wieder. Dagegen gibt es auch gute lokale Varianten, mit Palmherzen etwa oder die gute Portugesa mit gekochten Eiern.

In unserer Not besannen wir uns zwischenzeitlich auf alte Tugenden und buken unsere Pizzen selbst. Der Teig geht fix und danke eines Gasherdes (ist hier üblich, also kein Luxus) wird das Teil sogar hübsch knusprig. Wir konnten sogar schon unsere Freunde Kalli und Mari davon überzeugen – inzwischen treffen wir uns ab und zu am Wochenende am Strand in Ipanema, um anschließend bei ihnen gemeinsam selbstgebackene Pizza zu essen.

Eigene Kreation mit Apfel und Lauch.

Ein weiterer Lichtblick waren die Pizzen von Pizza Hut. Muss man sich mal reintun: Eine Kette, die man in Deutschland nicht mit dem Hintern anzuschauen braucht, wenn es um Pizza geht. Es hat schon symbolische Ausdruckskraft wenn ich sage, dass deren Pizzen für einige Zeit die besten hier auffindbaren Pizzen waren.

Ich erinnere mich noch gut – vor einem knappen Jahr machte jener Doktor aus Bielefeld einen mutigen Versuch. Plötzlich fanden die Deutschen im Kühlregal eine süße Pizza mit Schokolade. Nix Salami, nix Quattro Formaggi – Schoko mit Schoko. Der Aufschrei in den Sozialen Netzwerken war enorm. Von: „Das werde ich nie probieren“ über „was soll der Scheiß?“ bis hin zu „hab‘ es getestet, mein Ding ist es nicht, kann man aber essen“, reichten die Reaktionen. Ein ungewöhnliches Experiment. Und ich glaube es ist gescheitert, der deutsche Markt ist einfach nicht bereit für süße Pizzen.

Und: Deutschland hat eine andere Esskultur: Jeder isst seine eigene Pizza. Ganz. Das ganze Rad. Nicht einzelne Stücke wie in Brasilien. Hier teilt man sich eine Pizza mit mehreren Personen. Ganz normal. Eine süße Pizza wäre da eine Alternative zu einer kompletten Mahlzeit. Wohl auch deshalb scheiterte das Experiment.

Pizza Konfetti.

In Brasilien sind diese ganz normal. Und es gibt sie in großer Auswahl. Ist man fertig mit den salzigen Pizzen, gibt es einen neuen Teller (da ist man hier pingelig) und los geht es: Schokocreme mit M&K („Pizza Konfetti“) ist ein Klassiker. „Romeu & Julieta“ ist eher halbsüß – mit Goiaba-Marmelde und Catupiry-Käse. Beliebt auch Typ „Brigadeiro“ mit Schokocreme und –streuseln. Dann gibt es noch weiße und dunkle Schokolade mit Erdbeeren, Banane mit Zimt, Kokos mit Banane undundund.

Anfangs fanden wir den Gedanken an süße Pizzen auch eher gewöhnungsbedürftig. Aber die Gewöhnung ging dann doch ganz rasch. Inzwischen bleibt am Ende des Rodizios immer noch etwas Platz für ein oder zwei Stückchen süße Pizza. Mit diesen haben wir es sogar bis auf die Internetseite der ZDF-Kindernachrichten Logo geschafft. Dort waren Kinder aufgerufen, ihre liebsten Pizzarezepte einzuschicken.

Bei Luigi.

Ja und gibt es denn im ganzen f****** Rio nicht eine einzige gescheite Pizza zu kaufen? Immerhin leben hier doch fast 7 Millionen Menschen, da wird doch vielleicht auch mal irgendwann einer aus Neapel hergezogen sein. Doch, es gibt sie. Genau 300 Tage dauerte unsere Suche, bis wir endlich das Restaurant „Luigi’s“ im Nachbarstadtteil Laranjeiras entdeckten. Tatsächlich ein alt eingesessenes italienisches Restaurant. Dort gibt es fürwahr Pizzen, die den Namen verdienen: Knuspriger Teig, nicht zuviel Käse, gebacken im Holzofen – fast, aber nur fast, so gut, wie bei good old Rusticale in der Thudichumstraße in Rödelheim.