PSG oder Inter? Hauptsache kicken!

Die AG.

Er will doch einfach nur spielen. Ich rede von Edgar und seiner Leidenschaft für Fußball. Doch irgendwie ist das hier gar nicht so einfach. Gut, es gibt eine Fußball-AG in der Schule. Da ist er natürlich dabei. Aber Jungen in seinem Alter wollen immer kicken. Jeden Tag. Stunden lang.

Anfang der 80er, als ich in diesem Alter war, gab es im Dorf genau einen Verein: Den Sportverein, der damals ein reiner Fußballclub war. Die Jungs der Grundschule unterschieden sich in einem Punkt grundlegend. Die, die im Verein spielten und die, die mit Fußball nichts am Hut hatten. Letztere waren die Minderheit und würde heute wahrscheinlich als Nerds bezeichnet.

Für die anderen war das Leben einfach und klar strukturiert. Nach Schule, Mittagessen und Hausaufgaben wurde der Ball auf den Gepäckträger des Fahrrads geschnallt und ab ging es zum „Sporri“ – unser Kosenname für den örtlichen Sportplatz. Natürlich ein Aschenplatz. Rasenplätze waren damals rar. In Merl gab es einen, in Rheinbach , in Pech (was ein Acker). Überall sonst: Asche. Jungs, die Fußballspielen erkannte man im Sommer gut an den Schürfwunden, die der Platz einem zufügte, wenn man trotz besseren Wissens grätschte oder gegrätscht wurde. Reibukuchen hießen die im Kickerjargon und waren auch ein Stück weit Auszeichnung.

Erreichte man den Sportplatz, dauerte es nicht lange, bis die nächsten Mitspieler eintrudelten. Es brauchte kein Handy, kein Whatsapp. War es halbwegs trocken, stand der Treffpunkt fest. Waren wir zwei, spielten wir „Eier lappen“. Mit jeweils einer Ballberührung musste ein Mauerstück abwechselnd angespielt werden. Waren wir drei bis fünf, wurde „Englisch“ gespielt: Der Ball musste aus der Luft ins Tor geschossen werden. Gelang dies, wurde dem Torhüter ein Punkt abgezogen. Der Jüngste musste im Tor beginnen, bekam aber einen Punkt mehr. 11 statt 10. Das Endspiel der beiden Letzverbliebenen wurde per Elfmeterschießen ausgetragen.

So verbrachten wir die Nachmittage. Der einzige limitierende Faktor war die Witterung und die Dunkelheit. Wir spielten bis 17 Uhr, dann begann in der Regel das Training. Und samstags wurde gespielt. Die erste erweiterte Mindmap der Umgebung meines noch jungen Lebens setzte sich im Wesentlichen aus Ascheplätzen der umliegenden Dörfer zusammen. Donnerstags gab es nur ein Gesprächsthema auf dem Pausenhof: die Fußballtabellen der Lokalzeitung.

Flutlichtspiel.

Fußball im geschützten Raum

Brasilien ist ja nun auch für seinen Fußball bekannt. Aber die Struktur ist eine gänzlich andere. Es gibt zwei Grundtendenzen: Das Gepöhle auf der Straße oder kleinen Bolzplätzen mit Dosen und Bällen – klein wie groß – mit inprovisierten Toren. Oder man meldet sich für einen der Vereine an. Vereine sind aber keine Stadtteilvereine,wie man sie aus Deutschland kennt. Hier spielt nicht der FSV Laranjeiras gegen Hertha Ipanema oder der SC Copacabana gegen den VfL Leblon. Verein bedeutet hier im Wesentlichen, dass es sich um das Franchise eines bekannten europäischen Clubs handelt.

Edgars erster Club hier war Espanyol Barcelona. Man spielte in einer ollen Halle in der Nachbarschaft. Futsal heißt der Hallenfußball hier und unterscheidet sich im Wesentlichen darin, dass ein schwererer Ball benutzt wird. Aber auch die Technik ist anders. Beim Dribbling wird der Ball viel mit der Fußsohle bewegt. Nach Anmeldung gibt es zunächst einen Trikotsatz. Der ist wichtig, um beim Training zu erkennen, wer zum Club gehört und wer nicht. Das Trikot ist darum beim Training zu tragen. Es gibt ja auch nur Training. Eine Art Liga ist in Brasilien auf der Nachwuchsebene unbekannt. Spielpraxis bekommt man also nur im Trainingsbetrieb.

Selber Ort, selbe Trainer, anderes Verein

Zum Jahresende wechselte der Verein. Aus Espanyol Barcelona wurde die Inter Mailand Academy. Selber Ort, selbe Uhrzeit, selbe Mitspieler, selbe Trainer (gleich 3, auch das ist normal) nur andere Trikots, die man – logisch – erst einmal kaufen musste. Doch das Training war Edgar etwas langweilig. Die Altersspanne der Jungs war zu groß, das Können zu unterschiedlich. So verbrachten die größeren viel Zeit mit warten.

Drum war ich auch nicht böse, als Edgar sagte, dass er wechseln wolle. Ein Mitschüler aus seiner Klasse sei in der Academy von Paris St. Germain aktiv und sehr zufrieden dort. Dort wolle er künftig auch lieber spielen. Wir vereinbarten einen Probetermin.

Alles wirkte ganz nett. Gespielt wird bei PSG nicht in der Halle, sondern auf so genannten Quadras im Freien. Auf Kunstrasen (die Plätze liegen auf dem Dach der Tiefgarage eines anderen Sportclubs). Man merkte es sofort: hier wehte ein anderer Wind. Zunächst legt man sehr viel wert auf eine Corporate Identity. Trikots anderer Clubs sind tabu. Auch der Ton ist rauher. Die Trainer – ein Haupttrainer und zwei Assis – kacken den einen oder anderen Spieler auch schon mal an. Die Jungs wurden rangenommen und gefordert.

Nass, kaputt aber zufrieden.

Ich persönlich finde das nicht schlimm, es gehört zum Fußball dazu. Für die Jungs, die in der Regel aber wenig Gegenwind gewohnt sind, kann das aber durchaus befremdlich sein. Aber Edgar schien das nichts auszumachen. Ich hatte den Eindruck, hier geht es wirklich darum, den Jungen etwas beizubringen und nicht bloß zu beschäftigen, wie sonst so oft.

PSG macht guten Eindruck

Auch legt man Wert darauf, dass Übungen sauber und richtig ausgeführt werden. Beim Trainingsspiel wird dann nicht nur munter gepöhlt, sondern es gibt schon gleich erste taktische Grundregeln. Mit gefiel das Konzept. Hier würde Edgar wirklich etwas lernen können, wenn er wollte. Allerdings kam er nicht in die Gruppe seines Klassenkameraden, sondern in die Dienstagsgruppe. Dem Tag, an dem er auch schon seine AG hat. Vier Stunden Fußball, aber gut. Doch das mit dem Kumpel sollte die Sollbruchstelle werden.

Ein halbes Jahr hielt er gut durch, schien eigentlich auch Spaß zu haben. Doch nach den Weihnachtsferien kam der Bruch. Scheinbar wurde er mit den Mitspielern kaum warm, was ihn störte. Wie soll das auch gehen, ohne Praxis? Wie sollen aus elf Einzelkämpfern elf Freunde werden, wenn sie nie in Situstionen kommen, in denen sie sich aufeinander verlassen müssen und am Ende feststellen, dass nur ein funktionierendes Kollektiv zum Erfolg führt?

Die Jungs werden gebracht, kicken, gehen wieder. In den Pausen unterhalten sie sich oft mit ihren Kindermädchen oder Eltern, die wartend am Spielfeldrand sitzen. Ich versuchte mich immer,etwas zurückzuziehen, aber ich spürte auch, wie Edgar mich suchte. Es ging sogar soweit, dass er anfangs nicht wollte, dass ich das Gelände verlasse, um Einkäufe o.ä. zu machen. Irgendwie fühlte er sich unwohl und wollte nicht mehr hin.

Next exit: Flamengo

Und nu? Inzwischen haben wir ja alle Einrichtungen in der Nähe durch. Die eine zu lasch, die andere zu anonym. Zwischenzeitlich schien es ihm sogar egal zu sein, ob er weiter würde spielen können, oder ob es das nun war mit der „Karriere“. Karriereende mit 8?

Spielte nicht ein anderer klassenkamerad in Ipanema in einer Fußballschule am Strand? Ich kontaktierte seine Mutter, fragte nach den Trainingszeiten. Zum nächsten Training gingen wir hin. Etwas widerwillig in Edgars Fall, aber zu jener Zeit schien er mir in vielen Dingen etwas unentschlossen und so beschloss ich, ihn ein kleines Bißchen zu seinem Glück zu zwingen. Sein Kumpel war auch da. Edgar wirkte zwar etwas unsicher, suchte häufig den Blickkontakt, aber ich spürte auch: es macht ihm Spaß. Am Ende der Stunde wollte er sich noch nicht festlegen. Wir durften sogar nochmal kommen.

Am Ende schien es ihn doch zu überzeugen. Nun geht es zwei Mal pro Woche an den Strand zum kicken. Das ist zwar etwas weiter und umständlicher, weil Ellas Volleyball am selben Tag liegt, aber irgendwie klappt es doch. Der Karriereverlauf liest sich spektakulär: Espanyol Barcelona, Inter Mailend, PSG jetzt CR Flamengo – aber große Namen sind Schall und Rauch, wichtig ist der Spaß auf dem Platz.