Kolumbien-Tapes, Vol. II: Besuch bei Roberto Escobar in Medellín

Landeanflug auf Medellín.

Der Name Pablo Escobar weckt in mir Abscheu und Faszination gleichermaßen. Ein Besuch in seiner Heimatstadt Medellín ohne im Stadtbild auf Spuren zu treffen? Kein Problem. Seit seinem Tod versucht die Stadt des ewigen Frühlings (wegen des angenehmen Klimas) den langen Schatten loszuwerden, den Escobar und sein gewalttätiges Medellín-Drogenkartell noch immer wirft – auch 25 Jahre nach dessen Tod. Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre, als der Drogenkrieg auf dem Höhepunkt tobte, jährlich mehrere Tausend Menschen in Medellín ermordet wurden, galt die Stadt als die gewalttätigste der Welt.

Als wir aus dem Flugzeug steigen, habe ich ein komisches Gefühl. Ich habe Respekt vor dieser Stadt, denn ich weiß nicht recht, was uns erwartet. Fast ehrfürchtig nähere ich mich dieser Stadt von der es heißt, dass man noch immer Probleme bekommen kann, wenn man “El Patron” öffentlich und lautstark kritisieren würde, So stelle ich mir zurzeit die Türkei unter Erdogan vor. Ich habe fest vor, es auch nicht auszuprobieren.

Um die Spuren zu vernichten und Pilgertourismus zu verhindern, hat sich die Stadtverwaltung bemüht, Immobilien Escobars zu beschlagnahmen, teilweise abzureißen und so aus dem Stadtbild und der kollektiven Erinnerung zu löschen.

Einst gefährlichste Stadt der Welt

Drei Stunden entfernt von Medellín liegt Escobars frühere Hacienda Napoles. Ein beeindruckendes Anwesen muss es einmal gewesen sein mit einem Privatzoo, in dem Escobar viele zum Teil auch seltene Tiere hielt. Der Zoo war öffentlich zugänglich, kostete keinen Eintritt. Als die Hacienda von der Regierung aufgelöst wurde, wurden zahlreiche Tiere an andere Zoos verteilt. Nur um die Nilpferde kümmerte sich niemand. Sie streunen nun in der Gegend herum, vermehren sich zahlreich und sorgen so für die größte Population außerhalb Afrikas.

Ähnlich echt wie diese Aufnahme der Kinder war die Aufnahme Pablos im Hintergrund. Aber Ronald Reagan war beruhigt.

In unserer Stadttour war Escobar nicht vorgesehen. Auf expliziten Wunsch steuerte Guide Laura das Haus „Monaco“ an. Das hatte der Drogenbaron einst für seine Familie bauen lassen. Mit doppelten Wänden, etlichen Sicherheitsgadgets, Tiefgaragen etc. James-Bond-mäßig. Doch eine Bombe des verfeindeten Cali-Kartells (ein anderes, weniger bekanntes, aber ebenso einflußreiches Drogenkartell Kolumbiens) vertrieb ihn von dort. Danach war das sechsgeschossige Gebäude eine Zeit lang von der Polizei genutzt. Heute steht es leer. Kaufen will es niemand. Es soll irgendwann auch abgerissen werden.

Der Name Escobar wird vermieden

Den Namen Escobar vermeidet Laura. Sie will uns Medellín als das zeigen, was es heute tatsächlich ist. Eine Stadt, die sich von der Gewalt befreit hat, die die sozialen Probleme angeht und sich als modern und zukunftsgerichtet versteht. Dieser Spirit ist tatsächlich auch spürbar. In Medellín passiert was: Moderne Gebäude, ein funktionierender ÖPNV, Universitäten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Medellín in den kommenden Jahren der Hotspot im Norden Südamerikas werden wird.

Doch was ist nun mit Escobar? Am Abend zuvor hatte ich etwas recherchiert. Es scheint ein kleines Museum zu geben. Ich frage Laura danach. „Museum? Nie gehört. Wo soll das sein?“ Erst nach einigem Hin und Her fällt beim Fahrer der Groschen. „Sein Bruder Roberto hat ein Museum“, sagt er. „Das ist aber sehr teuer, 90.000 Pesos pro Nase Eintritt.“ Das ist allerdings stattlich. Umgerechnet 30 Euro. Soviel kostet auch Madame Tousseauds in London. „Ich habe den Kontakt“, sagt er und zeigt sein Handydisplay auf dem eine Telefonnummer und der Name Roberto Escobar zu lesen ist. „Kannst du uns hinbringen?“ Er nickt.

Pablo Escobar hatte einen Technik-Tick.

Es geht links ab von der Schnellstraße. Der schlecht gepflasterte Weg schlängelt sich einen Hügel hinauf. Nach zwei engen Kehren ein Tor. Überwachungskamera, Nato-Draht, ein Schild mit der Aufschrift „Museo“. Wird wohl richtig sein. Es öffnet sich. Knapp 200 Meter weiter das nächste Tor, selbes Spiel, diesmal ohne Schild. Dahinter ein kleiner Parkplatz mit vier Stellplätzen. Linker Hand ein Bungalow. Ein paar junge Männer stehen herum.

Besuch bei Escobars Bruder Roberto

Nach einigen Minuten nähert sich eine kräftige, energisch wirkende junge Frau mit Brille. Als erstes kassiert sie den Eintritt. Kinder zahlen nichts. Die Frau wird uns fortan durch das Haus begleiten alles erklären. „Keine Videoaufnahmen, ok?“ sagt sie noch, dann geht es los.

Etwas mulmig ist mir schon. Schließlich bewegen wir uns gerade auf dem Grundstück eines Menschen, auf den die US-Regierung seinerzeit 10 Mio. Dollar Kopfgeld ausgesetzt hatte. Der zwar, so beteuert er immer wieder, selbst niemanden getötet hatte, aber dafür die Finanzen des Kartells regelte. Ist es eigentlich verwerflich, sich nun ein Museum anzuschauen eines Verbrechers? Ist das Sensationstourismus? Wird hier die Gewalt nicht verklärt und relativiert?

Das gilt es herauszufinden.

Als erstes geht es in die Garage. Darin steht ein alter blauer Wartburg, das erste Auto Robertos als Student, an der Wand ein kleines Motorrad. Angeblich hatte es Pablo von einem Jungen „geborgt“, als er vor der Polizei flüchten musste. Als er den Jungen tage später besuchte, um ihm das Motorrad zurückzugeben, gab er diesem 100.000 Dollar als Leihgebühr und einen Blankoscheck, damit er seiner Mutter ein Haus kaufen konnte.

Bestie oder moderner Robin Hood?

Es ist eine dieser vielen Annekdoten, die Pablo Escobar als das zeigen, was er auch gewesen sein soll: Ein Freund der Armen der an vielen Stellen mit seinem Drogengeld half. Noch heute gibt es in Medellín ein Viertel, das seinen Namen trägt. Und das ohne sein Geld wohl auch so nie entstanden wäre.

Für mich ist diese Facette der Persönlichkeit durchaus neu. Klar, bekannt ist der Drogenbaron, zwischenzeitlich einer der reichsten Menschen der Welt. Bekannt ist auch der Drogenbaron, der Kopfgeld auf Polizisten und Politiker aussetzte, um sein großes politisches Ziel nicht unterstützten: Ein Gesetz, das die Auslieferung an die USA verhindern sollte. Das war seine größte Angst. „Ein Grab in Kolumbien ist besser als eine Zelle in den USA“, soll er gesagt haben, wenn man seinem Bruder Roberto glaubt. Auch deshalb vertritt dieser nach wie vor die These, dass es nicht US-Soldaten waren, die ihn Anfang Dezember 1993 zur Strecke brachten. Ein Kugeleintritt im Ohr könnte diese These belegen. Anscheinend kam er den Soldaten zuvor.

Eine schillernde Persönlichkeit war er allemal: Privatzoo, ein Hubschrauber, von dem die Kinder in den Pool auf der Hacienda sprangen, ein Technikfreak. Er besaß den ersten Learjet Kolumbiens, die Jetski, mit denen James Bond herum fuhr, gepanzerte Fahrzeuge, Satellitentelefone und alles, was man so kaufen konnte.

Ein Bisschen davon lebt in dem Museum weiter: Ein Kamin, dessen Feuerstelle sich umdrehen lässt – dahinter ein geheimes Versteck. Über dem Kamin hängt ein riesiger 500-Dollar-Schein, daneben ein Gewehr. Ein Schreibtisch mit Geheimfach, in dem bis zu 2 Mio. US-Dollar versteckt werden konnten. Irgendwie fühlt man sich wie am Set eines Action-Films.

Wer zahlt, bekommt ein Autogramm

Ein Foto mit Roberto Escobar ist inklusive. Wir wählen als Hintergrund die Fototapete.

Sein Bruder Roberto wirkt heute kaum noch Furcht einflößend. Leicht vorgebeugt schlurft ein kleiner Mann Anfang 70 mit Baseballcap, Chino und hellblauem Hemd durch das Haus. „Roberto!“, ruft die junge Frau, die uns herumführt. „Komm hierher und sage guten Tag.“ Der Mann bleibt stehen, schaut zunächst in die falsche Richtung. Die Frau hakt ihn unter und führt ihn herüber. Er ist so gut wie blind. Ein Anschlag kostete ihn beinahe das Augenlicht. Es war im Gefängnis, als er ein Buch geschickt bekam. Als er es öffnete, gab es eine kleine Explosion, das Pulver kam in die Augen. Er selbst ist sicher, dass es ein Mordanschlag war, schreibt er in seinem Buch „King of Kings“, das der Karriere seines Bruders gewidmet ist. Demnach sei es praktisch unmöglich gewesen, dass ungeprüft Post zu ihm vordringen konnte.

Ein Raum des Museums ist auch ihm gewidmet. Roberto war in seiner Jugend ein erfolgreicher Radrennfahrer, später Nationaltrainer der kolumbianischen Radrennfahrer. Ehe er in das Geschäft des Bruders abtauchte, betrieb er fünf Fahrradläden und entwickelte eigene Sportgeräte.

Er schüttelt freundlich die Hände, herzt die Kinder, schlurft dann weiter. Wer Geld auf den Tisch legt, bekommt ein Foto mit Originalunterschrift und Fingerabdruck (10.000 Pesos). Eine Baseballcap mit Pablo Escobar kostet 30.000 Pesos, die Biografie 60.000 Pesos. Dafür ist auch noch ein Foto mit dem früheren Gangster drin. Den Ort kann man sich aussuchen. Wir wählen die Fototapete des Eingangs zur Hacienda Napoles. Sogar ein paar Fragen sind noch drin. Ob es etas gibt, was er in seinem Leben besser anders gemacht hätte, will ich wissen. Er zuckt mit den Schultern. Was hält Roberto Escobar von der Netflix-Serie Narcos, die Medellín einen gewissen Besuchsboom bescherte? „Alles gelogen“, sagt er knapp. „Mit mir hat niemand gesprochen.“ Später lese ich, dass er mit den Produzenten im Rechtsstreit liegt.

Meistgesucht: Pablo und Roberto (rechts) Escobar.

Netflix-Serie Narcos? “Alles gelogen”

Es soll um einen siebenstelligen Betrag gehen. Peanuts für jemanden, der einst Säcke mit Dollarnoten im Urwald verbuddeln musste, Dutzende Immobilien kaufte oder ein 100.000 Dollar-Bündel im Dschungel auf der Flucht fortwarf, weil es zu schwer war. Aber von irgendwas muss man ja leben. Es wird noch immer gerätselt, ob Teile des gewaltigen Escobar-Vermögens noch vorhanden sind. Aber wenn es einer weiß, dann kann es eigentlich nur Roberto Escobar sein.

Ein anderer, der die Erinnerung an Pablo Escobar nun versilbern will ist Popeye, einst einer der gefährlichsten Killer des Medellín-Kartells. Seit er seine Hatstrafe abgebüßt hat und wieder auf freiem Fuß ist, bietet er ebenfalls Escobar-Touren an. Das Geschäft soll nicht schlecht laufen. Ins Gehege mit Bruder Roberto kommt er sich anscheinend nicht. Die beiden meiden sich, haben sich nichts mehr zu sagen, bezichtigen sich gegenseitig Lügen.

Irgendwann wird Gras über die ganze Geschichte gewachsen sein. Tritt irgendwann einmal Roberto ab, dann wird auch der Besuch des kleinen Museums sinnlos, die Erinnerung wird weiter verblassen. Die Exponate sind nicht sonderlich spektakulär, das Leben und die Ära Escobars in etlichen Büchern erschöpfend behandelt. Ein Stück weit wirkt es tatsächlich verklärend – das Museum, aber auch die Escobar-T-Shirts, die überall im Land angeboten werden.