Kolumbien-Tapes, Vol. I: Bogotá – déjà-vu, das keines ist

Hundemüde und frierend betrete ich die Stadt, die, wenn ich es richtig mitbekommen hatte, vor vielen Jahren mal mein Zuhause hätte werden können: Bogotá. Es war Mitte der 80er Jahre. Auf der Streuobstwiese meiner Eltern, die damals noch eine Weihnachtsbaumplantage war, veranstalteten meine Eltern ein Grillfest für die Realschul-Klasse meines Bruders. Wir machten Schubkarrenrennen, umkurvten die kleinen Krater, in denen einstmals die Wurzelballen der Fichten standen. Nordmanntannen gab es damals noch nicht.

Wir tranken Limo, die Eltern Bier aus Stubbis. Der Vater eines Klassenkameraden erzählte, dass er nun bald mit der Familie nach Bogotá ziehen werde – irgendwas mit Entwicklungshilfe. Das war in den 80er-Jahren. Kolumbien war da noch ein ganz heißes Pflaster, auch wenn der große Drogenkrieg Escobars sich vor allem in und um Medellín abspielte. Dorthin freiwillig zu gehen war mutig. Zu jener Zeit.

Was wäre wenn?

Nicht, dass ich mir damals darum einen Kopf machte. Ich war so 8 oder 9 Jahre alt. Das Einzige, was mich interessierte, war Fußball. Erst sehr viele Jahre später ließen meine Eltern mal anklingen, dass eben jener Vater wohl auch mal bei ihnen angeklopft haben soll. Ob sie sich eventuelle vorstellen könnten, für eine bestimmte Zeit, Fachleute seien immer gesucht und so weiter und so fort.

Warum habt ihr es nicht gemacht? Unabhängig von der Sicherheitslage hatten meine Eltern ja auch noch den eigenen Betrieb. Den konnte man schlecht mal drei oder vier Jahre brachliegen lassen. Ob sie es jedoch überhaupt ernsthaft in Erwägung gezogen haben? Ich weiß es nicht.

Eigentlich hatte mich das Ganze nie wirklich beschäftigt.

Heute, mit viel Abstand und ohne die genauen Umstände in Erfahrung gebracht zu haben, tut es mir fast ein wenig leid, dass meine Eltern – so sehr ich das Argument verstehe und auch schlüssig finde – den Schritt nicht gewagt haben. Aber das war damals auch noch eine Ecke abenteuerlicher als heute. Ohne Whatspp, Skype, Internet.

Nach Kolumbien zog mich auch noch nichts, nachdem ich Wiebke kennengelernt hatte. Gerade zurück in Deutschland erzählte sie mir, dass sie zu einer Hochzeit von Studentenwohnheimsfreunden nach Kolumbien eingeladen sei und ob ich nicht mitkommen wolle. Das muss so 1998 gewesen sein. Ich lehnte dankend ab. Escobar und Co. Hatten ganze Arbeit geleistet, den Ruf des Landes als eines der gefährlichsten der Erde im kollektiven Bewußtsein zu verankern, auch wenn Pablo Escobar zu jenem Zeitpunkt schon fast fünf Jahre tot war. So ein Imageschaden ist schwer zu beheben.

Nun, 20 Jahre später bin ich nun doch dort. 18 Stunden zuvor hatten wir Wiebkes Eltern, die Schwester mit Familie an den Flughafen Rio Galeao gebracht und waren gleich dageblieben. Zu nachtschlafender Zeit waren wir nämlich dran.

Unbequemes Warten

Das Prozedere kennen wir ja inzwischen. Einchecken geht frühestens drei Stunden vor Abflug. Oben, am Gate gibt es die bequemen Liegestühle, auf denen man herrlich eine halbe Nacht Wartezeit überbrücken könnte. Also Kinder auf die Koffer legen oder den Kindern als weiche Schlafunterlage dienen. Überlegen, ob es sich lohnt, die Augen zuzumachen, oder doch lieber noch einen Kaffee zu trinken, weil es sich ja eigentlich nicht mehr lohnt, sich für 4, 3, 2 Stunden hinzuhauen.

Dabei schien es, als hätten wir Glück. Eine Taxi-App hat zurzeit am Flughafen eine Sitzecke aufgebaut. Keine Armlehnen, halbwegs gepolstert, WLan und sogar Ladebuchsen. Geil, da gehen wir nicht mehr weg. Mit geschickten Manövern, schnellen Reaktionen und raumgreifendem Räkeln hatten wir bald eine ganze Bank erobert. Doof nur: Gerade, als die kritische Phase anbrach – es war so gegen 22 Uhr – schickte man uns weg. Feierabend, die Sitzecke wird geschlossen.

Erste Etappe: Sao Paulo. Ankunft gegen 7 Uhr. Umsteigen. Warten. Aber erstmal Frühstück für einen astronomischen Preis kaufen wir zwei Salamibaguettes, ein Croissant, Limo, Kaffee (glaube das war’s). Nach dreiviertel des Baguettes bemerken wir, dass man das weiche Backwerk auch schön getoastet hätte haben können. Mit Abstand das beste war wohl der Kaffee.

Gegen Mittag landen wir dann doch noch in Bogotá. „El Dorado“ heißt der relativ neue Flughafen. Wie das sagenhafte Goldland, das die Spanier in Südamerika wähnten und das die indigenen Völker mit Blut und Unterdrückung bezahlten. Es ist kaum bekannt, dass die Fahrt des großen Entdeckers Christoph Kolumbus im Grunde eine Verzweiflungstat war. Die spanische Krone hatte das Land durch ihre Dekadenz abgewirtschaftet und weit über seine Verhältnisse gelebt. Um überhaupt noch finanzielle handlungsfähig bleiben zu können, brauchte es frisches Geld. Das konnte nur von außen kommen. Also kratzte man die letzten Peseten zusammen und schickte Kolumbus über den großen Teich.

Die Sichtweise des großen Entdeckers Kolumbus ist übrigens eine rein europäische. Fragt man in Südamerika Menschen, was sie mit dem Namen verbinden, hört man häufiger den Satz: „Das war der Anfang vom Ende.“

Bogotá? Was weiß man über diese Stadt? Was ich auf jeden Fall hätte wissen können ist, dass es dort selbst im Sommer – und wir kamen ja quasi im Sommer – dort kaum wärmer als 18-20 Grad tagsüber wird (wegen der Höhenlage). Steht in jedem Reiseführer. Muss man halt nur lesen. Doch an diesem Tag hatten wir eh nicht mehr viel vor und den Rest würden wir am nächsten Tag früh genug erfahren.

Ziemlich platt erkundigten wir die Altstadt Candelaria. Zum Abendessen gab es Mexikanisch. Wenn man aus Rio rauskommt, freut man sich eben über etwas kulinarische Abwechslung. Es sollte nicht unser letzter kulinarischer ausflug gewesen sein. Gegen 19 Uhr fiel der Hammer. Nacht zusammen.