Ins Ausland mit der Familie: Fragen und Antworten

Eigentlich habe ich mit dem Schreiben des Blog immer eher das Gefühl, ich würde es für mich machen. Als Erinnerung, meinetwegen auch Beschäftigungstherapie (betreutes Schreiben oder sowas). Und  klar, Verwandte und Freunde nutzen den Blog auch, um am Ball zu bleiben. Umso schöner, wenn sich auch Menschen darüber hinaus dafür interessieren. Menschen, die ich vorher überhaupt nicht kannte. So wie eine Leserin aus dem Schwarzwald. Sie befindet sich in der selben Situation wie wir vor zweieinhalb Jahren, als fest stand, dass wir nach Rio gehen würden. Als wir 1000 Fragen hatten, Ängste, Sorgen, Hoffnungen… Der Schriftverkehr erscheint mir so interessant, auch für andere Personen in ähnlichen Situationen, dass ich ihn (nicht ohne vorher die Erlaubnis der Leserin einzuholen) hier als Interview veröffentliche. Vielleicht hilft das ja noch anderen. Oder es fehlen Fragen und Antworten? Dann her damit! Mail an: a.noethen@gmx.de

 

Welche Stolpersteine und besonderen Herausforderung gab es vor Ihrem Umzug? Haben Sie mit Checklisten gearbeitet?

Eine Checkliste in dem Sinne hatten wir nicht. Bzw. wir hatten keine, auf die wir hätten zurückgreifen können, aber selbst haben wir uns das schon alles zurechtgelegt und notiert. Auch die Schule war sehr hilfreich, vermittelte gleich Kontakt zu anderen Lehrern vor Ort, die wir löchern konnten. Es kommt ja auch zB darauf an, ob man die Wohnung in Deutschland behalten will, oder mit Sack und Pack umzieht. Gegebenenfalls ist es bei Wohneigentum gegeben jemanden zu finden, der Schornsteinfeger rein lässt, Zähler abliest oder Schnee schaufelt, kurz: Einen Blick aufs Haus hat.

Wichtig ist etwa an den Nachsendeantrag zu denken, vollmachten für Bankkonten etc zu erteilen (Eltern, Geschwister) und sonstige laufende Kosten (Abos, Kabelfernsehen, Telecom etc.) abzustellen.

Wenn Sie Kinder haben, müssen Schule und Schulamt informiert werden. Eventuell sollten sie Beiträge für Versicherungen etc. Einfrieren. Krankenkasse für Partner regeln, Rentenbeiträge bedenken bzw. Eine Alternative (Sparplan) eröffnen. Die Rentenversicherung wird den Partner, so er angestellt war, zur “Kontenklärung” auffordern. Dann wird für alles seit der gymnasialen Oberstufe Belege gefordert. Die aus der Ferne zu beschaffen ist nervig und aufwendig.

Wegen der Krankenversicherung: Haben Sie sich mit bei Ihrer Frau (private KV+Beihilfe) versichert oder haben Sie eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen?

Amtsflur Frankfurt.

Ich war zuvor Angestellter mit gesetzlicher Versicherung. Da ich gekündigt hatte, wurde ich zunächst arbeitslos gemeldet. Im Wesentlichen ging es darum, den Anspruch geltend zu machen, der ja dann vier Jahre aufrecht erhalten werden kann. So kann ich nach der Rückkehr gleich aufs Amt und nichts ist verloren.

Gesetzlich krankenversichert im Ausland geht meines Wissens nach nicht. Deshalb musste ich mich bei meiner Frau mitversichern lassen. Da meine Frau Beamte ist, bin ich auch Beihilfe berechtigt. Das muss man dann jedes Jahr mit dem Steuerbescheid belegen. Eine Auslandskrankenversicherung hatten wir, glaube ich, auch mal angedacht. Das hatten wir aber verworfen, weil viele Dinge da nicht abgedeckt werden und das für längere Zeiträume – soweit ich weiß – auch nicht wirklich geht. Bin mir da aber nicht sicher.

Wie haben Sie das mit der Rente geregelt?

Die musste ich leider aussetzen. Nach Telefonat mit der Rentenversicherung riet man mir dort, für den Zeitraum einen privaten Sparplan anzulegen. Da die Auszeit den Rentenanspruch nur wenig belastet und das freiwillige Weiterzahlen ebenfalls kaum Effekt hat. Wir haben uns dann für einen Sparplan bei unserer Hausbank entschieden, den ich seither füttere.

Außerdem habe ich vor, mit die Zeit als Erziehungszeit anrechnen zu lassen für die Rente. Das ist zwar irre kompliziert mit Formularen, aber das wird schon gehen.

Wie gesagt: Die Kontenklärung. Ich wurde aufgefordert, sämtliche Zeiten seit der Oberstufe zu belegen: Schulzeit, Studium, Bundeswehr, Geburt(!) etc. Natürlich hatte ich dafür keine Belege dabei (Zeugnisse zählen da nicht) und musste alle Einrichtungen abklappern, was aber relativ problemlos ging. Die Dinge kommen dann aber an die deutsche Adresse undundund – umständlich. Wenn es geht, sollte Ihr Mann das vielleicht schon einmal halbwegs vorbereiten (schadet ja auch nicht).

Unser Haus ist auch noch ein Thema. Vermieten wollen wir nicht wirklich, aber drei Jahre leerstehen ist auch nicht das Wahre…

Wir wollten auch nicht vermieten, da wir ohne Container kamen (das ist in Brasilien zu kompliziert, da muss man Zoll schmieren etc, dann fehlt was…). Außerdem wussten wir ja gar nicht, ob es ums am Ende in Rio gefallen würde. Aber glücklicherweise ergab sich, dass der Sohn der Nachbar meiner Eltern in Frankfurt vorübergehend eine Wohnung suchte, weil er ein Volontariat machte. Ihm boten wir an im Haus zu wohnen, wenn er sich ein wenig darum kümmert (Rasen, ab und zu Rollläden öffnen) und es so belebt. Er ist aber auch viel unterwegs und nutzt das Haus sonst kaum. Ist also mehr eine Art Housesitting.

Wie ist eigentlich Ihr Alltag als mit ausreisender Partner?

Ganz am Anfang.

Die Kollegen scherzten vorher: Kinder raus, ab an den Strand, Caipirinha trinken. Ganz so ist es nicht. Eher so: Frühstück machen, Wohnung in Ordnung  Bevor ich die Kinder in der Schule abhole und Mittagessen koche (ich bin inzwischen richtig gut geworden!) mache ich 2x die Woche einen Sprachkurs mit Privatlehrerin. Daneben – zum Glück – mehr Sport. Aber ich arbeite auch freiberuflich als Korrespondent hin und wieder für Agenturen, Zeitungen, Magazine, ich bin von Hause aus Journalist. Da ist man aber, auch wegen der Zeitverschiebung, ziemlich flexibel.

Lässt sich Familie und Beruf von Seiten Ihrer Frau gut vereinbaren?

Meine Frau muss in der Schule natürlich voll ran – bei Krankheiten etc. bin ich eben gefragt. Das ist der Deal. Der Partner hat den Rücken frei zu halten. Inzwischen ist sie aber natürlich auch routinierter und kommt immer besser zurecht. Sie wirkt jedenfalls sehr zufrieden.

Können Sie wirklich viel reisen neben der Schule und so richtig in den interkulturellen Dialog mit Land und Leuten treten?

Reisen:

Das hängt natürlich davon ab, wie oft Sie planen, Verwandtschaft in Deutschland zu besuchen. wir hatten uns vorgenommen, dies nur einmal zu machen, zur Halbzeit. Da soziale und familiäre Verpflichtungen (Besuche) natürlich so weniger anfallen, kommen wir tatsächlich viel zum Reisen. Wir haben schon viel gesehen: Argentinien, Peru, Kolumbien, Uruguay, natürlich auch Teile von Brasilien – in nun zwei Jahren.

Dialog:

Das hängt natürlich viel davon ab, wie Sie gestrickt sind. Der Kontakt zu den Eltern der Klasse ist intensiv und gut. wird aber auch vom Klassenverband forciert. Die Elternvertreter sind sehr aktiv, organisieren viel. Hinzu kommen die Kindergeburtstage, die alle Nase lang sind und zu denen in der Regel die ganze Klasse eingeladen wird. Da trifft man sich natürlich immer wieder. Mit einigen Eltern sind auch inzwischen richtige Freundschaften entstanden. Aber auch mit anderen Brasilianern kommt man gut in Kontakt (auch wenn man in punkto Verbindlichkeit teilweise auf harte Proben gestellt wird).

Mit Lehrerkollegen aus  Deutschland unternehmen wir auch schon mal was, aber relativ wenig eigentlich. Die Schule organisiert auch viele Aktivitäten.

Ein guter Anlaufpunkt zu Beginn war die deutsche Auslandsgemeinde (Kirche) hier. Nicht, weil wir so wahnsinnig gläubig wären, aber man trifft Menschen auch mal außerhalb des Rahmens (viele ältere deutsch-Brasilianer), die interessantes zu erzählen haben und natürlich auch Ansprechpartner bei Problemen und Fragen sind. Ich glaube, wenn Sie da offen losziehen, gibt es keine Limits.

Würden Sie sagen, es hat sich für Sie und Ihre Familie gelohnt ins Ausland zu gehen

Auf jeden Fall!

Wie kommen Ihre Kinder zurecht und wie erleben diese den Alltag?

Am Anfang hört man oft: Für die Kinder wird das super, ihr werdet sehen, wie die die Sprache aufsaugen – das ist im Prinzip auch so, braucht aber Zeit. Es hat ein gutes Jahr gedauert, bis wir das Gefühl hatten, die Kinder seien endlich angekommen und können sich wirklich artikulieren. Natürlich sprechen sie inzwischen besser Portugiesisch als wir. Aber es gibt auch Dinge, die schwierig waren: Das ständige eingezäunt sein, ist hier extrem. Kein Kind bewegt sich alleine und frei auf der Straße und sei es nur zur Bäckerei 100 Meter weiter. Das war für unsere Kinder schwer zu verstehen.

Deshalb haben wir auch noch einmal die Wohnung gewechselt und sind in ein Condominio gezogen, das eine Art Hof hat und ein Schwimmbad – da können sie alleine hin und haben nicht ständig Überwachung. Sie sind aber trotzdem im ganzen Haus mit diesem Verhalten eher die Ausnahme. Ich würde sagen die größte Umstellung dürfte es für den großen Sohn werden. Er wird natürlich ganz anders aus seinem Sozialgefüge verpflanzt als die Kleinen, die das teilweise so sehr gar nicht mitbekommen werden. Im Falle des Großen (die Leserin hat einen 16-jährigen Sohn Anm. d. Red.) würde ich mich schon zu Beginn auf eine längere Phase des Unzufriedenseins einstellen. Aber es hat natürlich auch damit zu tun, wie er in seiner Klasse klar kommt.

 Schaffen Sie es gut den Kontakt in die Heimat zu halten?

Dank Skype und Whatsapp kommt einem die Entfernung gar nicht so weit vor. Ich finde sogar, dass meine Eltern nun fast mehr mitbekommen als zuvor. Zu Freunden haben wir auch nach wie vor Kontakt – zu einigen mehr zu anderen weniger. Das schwankt manchmal. Aber im Großen und Ganzen würde ich sagen: Das ist gar kein Problem.

Wird Ihre Frau verlängern?

Wir überlegen tatsächlich, ob es sinnvoll ist ein halbes Jahr länger zu bleiben. Nicht, weil es uns nicht gefiele, um noch länger zu bleiben. Das hat eher familiäre Gründe. Die Großeltern leiden dann doch mehr unter der Trennung von den Enkeln und jünger werden die ja auch nicht. Da wollen wir auch in der Nähe sein, wenn wir möglicherweise gebraucht werden. Außerdem sollen die Kinder auch die Chance haben, ihre Kindheit in Deutschland zu verbringen und Wurzeln zu schlagen. Weiterer Grund: Im Juli würden die Kinder zum neuen Schuljahr in eine neue Klasse kommen und nicht, wie im Februar, zum Halbjahr.

Zudem muss ich natürlich sehen, dass ich zurück in die Arbeitswelt finden, nach dieser Episode. Ich werde dann knapp 46 sein, also nicht mehr der Jüngste – aber zur Rente noch eine ganze Weile hin. Der Sicherheitsgedanke lässt einen als Deutscher also nie so ganz los. Aber vielleicht machen wir uns noch einmal auf den Weg, wenn die Kinder irgendwann aus der Schule sind und aus dem Gröbsten raus. das könnten