Grillen an Heiligabend und Ballermann in Buzios

Es gibt Tage, da fühlt man sich aus der Zeit gefallen. Heute etwa: Vor sieben Wochen bekamen die Kinder Sommerferien. Eine Woche vor Weihnachten. Seither ist so dermaßen viel passiert, dass ich schon gefragt wurde, ob ich auf diesem Blog überhaupt noch etwas schreiben würde. Und ehrlich gesagt fällt es mir schwer, die Gedanken zu ordnen – das passiert mir sonst beim Schreiben eher selten.

Teufelchen: Lohnt es sich überhaupt noch, jetzt über Weihnachten zu schreiben? Kurz vor Karneval? Juckt doch keine Sau! Lass den Kram weg und fang mit irgend etwas Frischem an.

Engelchen: Quatsch! Klar lohnt sich das! Schließlich wollen doch die, die nicht dabei waren, lesen wie es war. Das ist auch jetzt noch interessant.

Teufelchen: Uns Silvester? Boooring!

Engelchen: Klappe!

Nun gut, ich versuch’s.

Teufelchen: Gut, dann aber chronologisch, bitte!

Engelchen: Aber der Urlaub kann extra.

Teufelchen: Abgemacht.

So, darf ich jetzt wieder?

Weihnachtsmahl.

Sechs Wochen waren wir praktisch nicht zu Hause. Die Verwandtschaft aus Frankfurt hatte sich zu den Festtagen und zum Jahreswechsel angekündigt. 11 Mann auf paarundachtzig Quadratmetern, das würde nicht funktionieren, auch wenn wir uns noch so gut verstehen und einen teil der Zeit auch unterwegs sein würden. Da räumten wir natürlich de Wohnung gerne für die Schwägerin und ihre fünfköpfige Familie und zogen fortan mit den Schwiegereltern in das Haus der Bonifatius-Gemeinde, gleich neben der deutschen Schule.

Vorteil dort: Platz. Fünf Kinder können im Hof spielen, wir können geschützt imFreien sitzen. Nachteil: Es gibt einen Haufen Moskitos dort und ständig braucht man irgendwelche Dinge, die dann natürlich in der Wohnung geblieben sind.

Weihnachten:

Das erste Mal mit Familie in Brasilien. Damit es etwas lockerer wird – so meine Hoffnung – hatten wir noch ein paar Freude eingeladen mitzufeiern. Schließlich teilen wir alle das selbe Los: In der Regel ist man weit weg von der Familie. Da rückt man halt zusammen. Und weil unter fremden Sternen eh nicht so ist wie sonst, kann man ja auch gleich grillen. Zum ersten Mal würde ich versuchen, als asador Picanha zu grillen – für rund 20 Personen. Also gleich mehrere gleichzeitig.

Picanha ist in Deutschland eher als Tafelspitz bekannt, das man – in drei Teil geschnitten – auf einen etwa einen Meter langen Spieß steckt, um es zu grillen. Dabei muss man natürlich aufpassen, dass es nicht verbrennt, während es innen noch blutig ist. Gewürzt wird übrigens nur mit grobem Salz.

Doch zunächst die Zeremonie. Der Gottesdienst im Bonifatiushaus war, auch dank unserer Beteiligung, voll wie noch nie. Danach war ein Teetrinken mit Weihnachtsliedern angedacht. Anschließend Bescherung für die Kinder und dann Grillen.

Tee, Gebäck und Weihnachtslieder

Silvester: Der DJ bringt sich in Stellung.

Die sehr konkreten Vorstellungen der Verwandtschaft, wie denn dieses Teetrinken auszusehen habe, trieb mir die Schweißperlen auf die Stirn. Zwei Tische vorne – für die Familie – der Gästetisch dahinter. Mir erschien das wie Zwei-Klassen-Gesellschaft. Dazu die Berge an Geschenken für die Kinder – natürlich auch von weiteren Verwandten in Deutschland. Auf der anderen Seite hatten wir für unsere Freunde nur eine Kleinigkeit organisiert. Wie würden sie sich vorkommen?  Der Schwager am Flügel. Mindestens drei Lieder sollten es sein, so die Vorgabe. Ich rutschte auf meinem Stuhl unruhig hin und her. Ich dachte: Das war’s. Die Leute gucken dich hiernach mit dem Hintern nicht mehr an.

Das Singen wirkte ein wenig gequält – auch weil die Gäste, überwiegend spanischen Idioms, die Lieder nicht kannten. Doch es wären nicht unsere Freunde, wenn sie die Situation nicht mit Fassung getragen und – letztlich – gerettet hätten. Schnell durchforsteten sie die Smartphones nach einem spanischen Weihnachtslied, das alle kannten. Und sangen los. Schön schief, so wie wir – das Eis schmolz, die Stimmung entspannte sich mit jeder Zeile, das eigentliche Fest konnte beginnen. Puh!

Jahreswechsel:

Ruhig und beschaulich in Buzios? Eher Ballermann.

Jahreswechsel ist, neben dem Karneval, die Hochsaison für Touristen. Aus aller Welt strömen sie herbei – Katastrophennachrichten aus Rio, die sonst alle Welt aufschrecken, spielen da komischerweise keine Rolle – treiben die Hotelpreise in die Höhe (im Jahresschnitt haben manche Hotels nur eine Auslastung von 40%, da muss man von den Lebenden nehmen, wenn sie denn mal kommen – übrigens auch ein Grund, weshalb wir die deutsche Gemeinde als Standort wählten) und wollen das große Feuerwerk an der Copacabana sehen. 2 Millionen sollen es jedes Jahr sein, die, meist in weiß, an den Strand strömen. Und was machen wir? Wir verlassen die Stadt.

Buzios hieß unser Ziel. Immer noch im Bundesstaat Rio de Janeiro gelegen, 160 km oder 3 Busstunden entfernt, war früher mal ein malerisches Fischerörtchen. In den 60er oder 70er Jahren hatte sich die damals äußert populäre Schauspielerin Brigitte Bardot dorthin verirrt und bescherte dem Ort soviel Publicity, dass es mit der Beschaulichkeit schnell dahin war. Buzios wurde zur Pilgerstätte der Reichen und Schönen Rios – oder denen, die sich dafür halten. Wir hatten uns das so ausgemalt: Rckzug in ein kleines Hotel am Meer, ruhiges Abendessen am Silvesterabend, später gesittet anstoßen und morgens ohne dicken Kopf beizeiten ins Wasser hüpfen. Doch daraus wurde nichts.

Weniger beschaulich als gedacht

Ach doch: Hotel am Strand, das klappte. Nur mit der Ruhe wurde es vorübergehend nichts. Zum Silverterdiner gab es Büffet. Gerne hätte ich mich mit den Verwandten unterhalten. Ging aber nur mit Zeichensprache. Neben dem Tisch auf der Terrasse war der DJ platziert, der schon so dermaßen losjagte, als gelte es das Maracana-Stadion zu beschallen. Mit gemütlich war da nichts. Mir kam eine böse Vorahnung: keine 6 Meter Luftlinie von den Boxen lag unser Zimmer. Und ich ahnte schon, dass um 1 Uhr früh sicher nicht leiser gestellt würde.

Immerhin: Aus einem Boxenturm, am Nachmittag unauffällig aus dem Sand gewachsen, schallte fast noch lauter Techno-Musik. Genau an der Bar, die man immer wieder aufsuchen musste, um Getränkebestellungen abzugeben, brachen sich die beiden Klangwellen und vermischten sich zu einem kaum zu ertragenden Getöse. Gleich neben der Bar lag anser Zimmerfenster. Blöd nur: Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, ab Abend den Klängen von Ludmilla zu lauschen. Die Sängerin – Richtung: MPB – musica popular brasileira, also Pop – , zurz Zeit nach ihrem Hit „Chegei“ ziemlich angesagt, war für die große silvestersause auf dem Nachbargrundstück gegen Mitternacht als Topact angekündigt worden. Daraus wurde nun nichts. Es war auch kaum vernehmbar, ob es ihr letztlich gelungen ist, gegen die lärmende Konkurrenz anzusingen, oder ob sie das Handtuch geworfen hat. Kurzum: Gegen diese Art von Silvesterentertainment am Strand von Buzios muten Szenen vom Ballermann im Hochsommer als das reinste Totengedenken an. Leckomio, war das laut.

Davonlaufen ging nicht. Wohin? Der ganze Umkreis bebte vor lauter Beats. Witzigerweise schafften wir es irgendwann doch irgendwie, sogar einzuschlafen. Richtig schön wurde es erst, als gegen 7 Uhr am Morgen auch die Technotöne verstummten. Das nächste Hotel kann also ruhig in der Einflugschneise eines Tornado-Truppenübungsplatzes liegen. Gar kein Problem. Feliz ano novo! Gutes neues Jahr!