Hagel am Titikakasee: Besuch bei den Uros

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Puno am Titikakasee empfing uns ungastlich. Wenige Kilometer vor der 15.000-Einwohner-Stadt hatte sich am Himmel ein stattliches Gewitter zusammengebraut. Es blitzte und donnert und – graupelte. Binnen Minuten war rings um uns alles weiß. Das versetzte selbst den Mann in erstaunen, der uns abholte, um uns vom Busbahnhof zum Hotel zu bringen. Und das, obwohl er früher in Frankfurt gearbeitet hatte. „Das fließt alles in den See“, sagte er angesichts des knöcheltiefen Wassers in den Straßen. „Morgen früh ist das weg.“

Puno ist eine merkwürdige Stadt. Man hat überhaupt nicht das Gefühl, in Südamerika zu sein. Schmucklos und chaotisch würde ich mir so eher eine Stadt in Kaukasus vorstellen. Es gibt eine Kathedrale, aber ansonsten beherrschen vielfach unverputze Gebäude und sozialistisch anmutende Zweckbauten das Stadtbild. Schön ist anders. Aber wir sind ja auch nicht wegen der Architektur gekommen, sondern wegen des Titikakasees.

Auf gut 3800 Meter gelegen ist er der höchstgelegene Süßwassersee der Welt. Und der größte See Südamerikas obendrein. 8.288 Quadratkilometer. So groß wie der Regierungsbezirk Kassel, der größte in Hessen, sagt das Internet. Jetzt eine Vorstellung? Beeindruckend groß auf jeden Fall. Etwas kleiner als die Mittelmeerinsel Zypern.

Nächtliche Atemnot

3800 Meter sind verdammt hoch. Die Luft ist dünn. So dünn, dass die Treppen hinauf in den zweiten Stock unseres Hotels fast kaum in einem Rutsch zu bewältigen sind. Oben angekommen, pumpe ich wie ein Truthahn, habe kurz Sternchen im Blickfeld. Auch das Schlafen fällt schwer. Oft wache ich mit einer Art Schnappatmung auf, weil ich das Gefühl habe, nicht ausreichend Luft zu bekommen.

Ausflugsboote.

Früh morgens geht es an den Hafen. Dort liegen die Ausflugsbarkassen, um hinaus auf den See zu fahren. Vom Dreck sieht man auf Deck nichts. Friedlich liegt er da, majestätisch wirkt er. So, als könne man ihm nichts anhaben.

Gefährdeter Riesenfrosch

Kann man sehr wohl. Nicht nur die Abwässer von Puno, auch die der wesentlich größeren Siedlungaagglomeration El Alto/La Paz auf bolivianischer Seite (eine gute Million Menschen) laufen mehr oder weniger unaufbereitet in den See. Hinzu kommen giftige Abwässer der Goldsucher entlang der Flüsse und Bäche, die den See speisen. Der Verschmutzungsgrad ist so groß schon, dass vor zwei Jahren ein mysteriöses Massensterben des nur dort beheimateten Titikaka-Riesenfroschs auf bolivianischer Seite die Umweltschützer aufschreckte. Auch das hatte mit dem ungefilterten Eintrag von Fäkalien und anderem Unrat in den See zu tun. Der Frosch ist ein ordentlicher Kawenzmann: 70 cm groß werden kann er. Stattlich.

Copyright: Amphibien-Initiative des Museo de Historia Natural Alcide d’Orbigny

Umweltschützer haben inzwischen eine ganze Reihe Tiere entnommen, um die Art, im Falle eines Aussterbens, nachzüchten zu können. Die Regierungen von Bolivien (40%) und Peru (60%), die sich den See teilen, haben zumindest kurz darauf die Absicht erklärt, zusammengenommen ein paar hundert Millionen Dollar für den Bau von Kläranlagen in die Hand nehmen zu kommen. Es dürfte ein Wettlauf mit der Zeit werden. Nicht nur den Tieren schadet der Mensch, sondern auch sich selbst. Der Titikakasee ist neben dem Fischfang auch als Trinkwasserreservoir von überragender Bedeutung. Im Zweifelsfalle vergiftet der Mensch sich eben selbst.

’n Abend allerseits

Die, die das als erstes zu spüren bekommen dürften, ist das Volk der Uros. Nein, das hat nichts mit Heribert Faßbenders (für die Jüngeren unter uns: der früherer ARD-Sportkommentator) Lieblingsbezeichnung für die Bewohner Uruguays zu tun – die „Urus“. Wobei auch diese Uros hin und wieder Urus geschrieben werden.

Daniel und ein Inselmodell.

Sie sind eine ethnische Gruppe Indigener oder Ureinwohner. Insgesamt gibt es von ihnen  etwa 2000 Menschen. Schuld daran waren übrigens die Inkas, die die Uros vertrieben. Diese wussten sich vor der Übermacht nicht anders zu schützen, als den Schritt aufs Wasser zu wagen. Tutora ist der Name des Schilfgrases, aus denen sie zunächst Boote flochten, die sie vor den Inkas schützten. Mit der Zeit wurden die sesshaft. Die Uros leben heute auf knapp 50 schwimmenden Inseln, die sie aus getrockneten Totora-Schilf herstellen.

Als wir an „Land“ hüpfen, spüren wir deutlich, wie die Insel etwas nachgibt. Daniel, der Präsident der Insel „Apu Kontiki“ heißt uns willkommen und beginnt zu erklären, wie das mit den Inseln funktioniert. Die Basis der Insel ist ein Schilfwurzelballen, etwa fünf mal fünf Meter in der Fläche, einen Meter mächtig. Diesen schneiden die Uros am Ufer zurecht, ehe sie ihn dann an den Bestimmungsort ziehen.

Inseln – komplett biologisch

Darauf kommt eine ebenfalls einen Meter dicke Schicht geschnittenes Schilf. Damit ist die Insel dick genug, dass sie eine Familie bequem tragen kann. Mehrere dieser Inseln können zu den Dörfern zusammengebunden werden. Fixiert wird das Ganze mit Holzpfählen im Seegrund. „Das Fundament einer Insel hält etwa 25 Jahre“, erklärt Daniel. Danach muss eine neue Insel angefertigt werden. Der Belag wird quasi fortlaufend erneurt – alle 3-4 Wochen, sagt er.

Alle Baumaterialien sind bio – logisch. Auch das kleine Podest, auf dem die sechs Quadratmeter große Hütte einer Familie steht, ist aus Schilf, ebenso die Hütte selbst. Die Hütte von Davi, einem anderen Dorfbewohner ist gemütlich. Ein Bett, eine Glühbirne, sogar ein kleiner Fernseher. Die moderne Welt ist auch bei den Urus angekommen.

Der stamme aus der Zeit von Präsident Alberto Fujimori, der von 1990 bis 2000 regierte. „Er hat die Dörfer mit Solaranlagen ausgestattet“, sagt Dani. Zunächst ein Panel für zwei Familien. Doch das führte immer wieder zu Streit, sodass mit der Zeit jede Familie ihr eigenes Panel bekam, berichtet er.

So, wie die Technik in den Schilfhütten Einzug hielt, ging die althergebrachte Lebensweise verloren, oder sagen wir, wurde sie verwässert. Fischen und jagen gehört immer noch zum Lebensunterhalt dazu. Doch längst holen sich die Uros Lebensmittel auch im nahe gelegenen Puno. Was geschieht aber mit dem Müll? Eine Müllabfuhr habe ich nicht gesehen. Dafür aber durchaus umhertreibende Getränkedosen und anderen Abfall. So nachhaltig die Lebensweise erscheint, ganz unproblematisch ist sie sicher nicht.

Haupteinnahmequelle ist inzwischen das Geschäft mit den Touristen. Ein paar Sol Eintritt muss man zahlen, um die Insel betreten zu dürfen. Für 10 weitere Sol pro Nase wird man dann in den traditionellen Booten ein Stück über den See gerudert. Und natürlich wird den Besuchern der Kauf des zugegebenermaßen hübschen Kunsthandwerks (Stickereien, Mobiles) ans Herz gelegt. Wie viele Generationen noch so leben können? Für die Kinder gibt es zumindest auch eine schwimmende Grundschule. Bildung ist angesichts der Perspektive sicher keine schlechte Wahl.

Viele Uros sprechen noch ihre ursprüngliche Sprache. Aber auch das Spanisch ist inzwischen angekommen. Als wir mit dem Boot wieder ablegen, stehen die Frauen des Dorfs am Inselrand und singen zum Abschied. Zwei Lieder in ihrer traditionellen Sprache, das dritte auf Spanisch: „Vamos a la playa – oh, ohohoho.“