Tiradentes: Barockes Idyll mit eigener Marionettenbühne

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Kleine Stadt mit grünen Hügeln und ner großen gelben Kirch‘. Mit acht Straßen und auch Gleisen und nem Pferdekutsch’verkehr – so, frei nach dem Lummerlandlied der Augburger Puppenkiste kommt das brasilianische Städtchen Tiradentes daher. Warum das jetzt? Später dazu mehr. Ein romantischer Ort, ein Idyll an Kolonialstadt nur 450 Kilometer oder knapp sechs Busstunden von Rio de Janeiro entfernt. Nah genug für einen Wochenendtripp.

Obwohl es nur rund 7000 Einwohner haben soll ist Tiradentes (anders als die rheinischen Dörfer Wormersdorf und Altendorf-/Ersdorf, die zusammen ebenso viele Seelen zählen – Grüße in die Heimat!) eine kleine Berühmtheit. Denn Tiradentes ist nicht nur weitgehend erhalten und daher recht pittoresk, es ist auch die Heimat des vielleicht größten Freiheitskämpfers, den Brasilien je gesehen hat: Joaquim José da Silva Xavier, zu recht mit dem Attribut „Nationalheld“ versehen.

Idyll und Wiege des Freiheitskampfs

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Tiradentes wurde 1746 geboren. Früh verwaist, zog er mit seinem Paten nach Vila Rica (heute Ouro Preto) um. Dort wurde er von einem Lehrer großgezogen, der praktischerweise zugleich Chirurg war. So lernte er ein in der damaligen Zeit durchaus praktisches Handwerk: Zähne zu ziehen, wovon auch sein Kampfname  „Tiradentes“ her rührt. Übersetzt bedeutet der soviel wie Zahnzieher. Immerhin reichte diese Fertigkeit, um einen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Doch nicht nur auf die rustikale Zahnmedizin der damaligen Zeit verstand er sich. Ein von ihm ausgearbeiteter Vorschlag zur Kanalisierung in Rio de Janeiro scheiterte am Widerstand portugiesischer Beamter. Er kam halt aus der Provinz, das mochte man nicht. In Rio wäre man ihm vermutlich heute noch aus tiefstem Herzen dankbar, hätte er seinen Plan umsetzen dürfen. Gerade bei starken Regenfällen.

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Tiradentes benutzte seine Kenntnisse über Mineralien, als er sich dem öffentlichen Dienst widmete. Er wurde nach Städten entlang des Weges zwischen Vila Rica (der Hauptstadt von Minas Gerais) und Rio de Janeiro geschickt. Zu dieser Zeit war das 1720 errichtete Kapitanat Minas Gerais in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Reichhaltige Goldfunde hatten seine Hauptstadt Vila Rica, das heutige Ouro Preto, zur reichsten und größten Stadt des brasilianischen Westens gemacht. Als die Goldfunde in den 1760er-Jahren weniger wurden, drohte die Gegend unter der Last der Abgaben, die an Portugal zu zahlen waren, zu verarmen. Es bildete sich eine Verschwörung, der besonders die Reichen der Region angehörten. Ziel der „Inconfidencia Mineira“ war, nach dem Vorbild der USA die Unabhängigkeit zu erlangen und die Sklaverei abzuschaffen. Tiradentes schloss sich dieser Gruppe an und wurde ihr Führer.

Grausame Hinrichtung

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Die Gruppe wurde jedoch verraten. Am 21. April 1792 wurde Tiradentes als einziger der Verschwörer in Rio de Janeiro hingerichtet. Der Königliche Verwalter der Provinz, Visconde de Barbacena, gab den Befehl, „ihn zu hängen, zu vierteilen und Teile des blutigen Leichnams als warnendes Beispiel auf die Straßen und Dörfer der Umgegend zu werfen.“ Ein Dokument wurde mit seinem Blut geschrieben. Sein Kopf wurde auf dem Hauptplatz von Vila Rica zur Schau gestellt; dieser Platz heißt heute Praça Tiradentes. Er hatte Pech: Nur etwas mehr als 30 Jahre sagte sich Brasilien von der portugiesischen Krone los und wurde unabhängig. Mehrere Denkmäler erinnern in der kleinen Stadt noch heute an ihren großen Sohn.

Von der Büste ist es auch gar nicht mehr weit bis zum Marionettentheater von Nado. Teatro Casa de Boneco bzw. Companhia de Inventos heißt es, also Marionettentheater oder Firma der Erfindungen. Einfach an der Kirche Matriz de Santo Antonio (5 Reais Eintritt, Fotoverbot!) links die Straße hinunter, landet man am Eckhaus in der Rua Direita.

Wir haben Glück. Um 5 Uhr soll der Vorverkauf beginnen. Es ist….16.55 Uhr. Wir warten. Ein Landrover fährt vor, hält nebenan vor einer Pension. Drei Personen steigen aus. Es sind Nado, seine Frau Renata und Sohn André – das komplette Personal des Marionettentheaters. Um 19 Uhr soll das Programm mit dem Titel „Iu tube“ (you tube) beginnen. Klar, die Anspielung auf den bekannten Videokanal im Internet dürfte jedem Auffallen. Dass das Wort „tube“, portugiesisch für „Rohr“ gleich noch zwei weitere Wortspiele bürgt, erfährt nur, wer sich die Show anschaut und sich ein wenig mit Nado unterhält.

Marionetten aus Abflussrohren

Denn: Alle Figuren des Stücks wurden von Nado und Renata selbst gebaut – aus Abflussrohren. Und: Nado heißt mit Nachnamen Rohrmann. Sachen gibt’s!

Ob er wisse, dass sein Nachname bestens zu seinen Figuren passe? Klar! anwortet der Mann, der auffallend jugendlich wirkt. So jung ist er aber nicht mehr. Immerhin spielt er seit 33 Jahren mit Marionetten, seit 27 Jahren gibt es das Theater. Außerdem ist Sohn Andre, der die Tickets verkauft, auch schon länger aus dem Gröbsten raus. Bruder Miguel studiert in Belo Horizonte Filmwissenschaften.

Dennoch muss man Glück haben. Denn gut die Hälfte des Jahres ist das Ensemble als fahrende Bühne unterwegs. Meist in den entlegeneren Ecken des Riesenlandes, dorthin, wo es wenig Kultureinrichtungen wie Kinos, Theater etc. gibt. „Für eine Tour alleine sind wir mal mehr als 14.000 Kilometer gefahren“, erzählt Nado. Häufig arbeitet das Theater auch mit Schulen zusammen. Auch Tiradentes istnicht so wahnsinnig gesegnet mit Kultureinrichtungen. Da ist das Theater eine Attraktion. „Viele Leute rufen inden Pensionen an um zu hören, ob das Theater geöffnet ist, wenn sie planen, Tiradentes zu besuchen“, sagt Nado.

Wie viele Besucher wohl heute kommen? 20 tippe ich im Vorfeld. Wiebke sagt deutlich weniger. Kurz nach Beginn der Aufführung suchen sich die Gäste Nummer 23 und 24 im Dunklen einen Platz in den alten Kinositzreihen. Ha, Wette gewonnen! Schön zu sehen. Vor allem, dass das Publikum gemischt ist. „Es kommen fast ebenso viele Erwachsene wie Kinder“, sagt Nado, der eigentlich Bernado heißt. Aber Nado passt besser zu seiner Jugendlichkeit und seinem offenen Lachen, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Und wie kommt er nun an den deutschen Nachnamen? Sein Großvater sei in den 1930er-Jahren nach Brasilien gekommen. Aus der Edelsteinstadt Idar Oberstein in Rheinland-Pfalz war er gekommen, um im brasilianischen Urwald nach Edelsteinen zu suchen. Ein Juwel, wenn auch etwas anderer Art, schuf rund 70 Jahre später sein Enkel mit diesem künstlerischen Kleinod.

Und was hat Tiradentes sonst noch zu bieten?

Ambiente:

Es ist ruhig – wenn man aus einer quirligen und lauten Stadt wie Rio kommt, weiß man das sehr zu schätzen

 

Unterkünfte:

Es gibt jede Menge guter Unterkünfte. Bei Hotels und Poussadas sollte man, das lernten wir unter anderem in Curitiba, ruhig genauer hinschauen und nicht nur auf die Bildchen im Internet vertrauen. Hier ist die Auswahl riesig. Unsere Unterkunft (Ramalhete) war top und viele andere schienen augenscheinlich auf ähnlichem Niveau.

 

Essen und Trinken:

Gute Restaurants. Leider hatte das, das ich gerne noch getestet hätte, am Sonntagabend geschlossen. Richtig gut hat uns das thailändische Restaurant uaithai gefallen. Was, wieso Thai? Weil es echt vergleichbares in Rio nicht zu finden gibt. Echt wahr.
Weitere Attraktionen:

Tiradentes ist ein lebendiges Freilichtmuseum, das man auch per Kutschentour erkunden kann. Wer mag, kann eine Mottokutsche a la „Frozen“ oder „Spiderman und Hulk“ buchen. Es geht aber auch dezenter. Ob man das toll findet oder das für die Tiere der Bringer ist, sollte jeder selbst entscheiden. Auch eine Fahrt mit dem Dampfzug nach Sao Joao del Rei soll lohnend sein. Dafür sollte man aber rechtzeitig vorab Tickets ordern. wir hatten spontan kein Glück mehr. Mit dem Taxi kommt man aber auch hin: 50 Reais einfache Fahrt.

 

Einkaufen:

Neben Restaurants gibt es etliche Souvenir- und Kunsthandwerkerläden. Bei genauerem Hinsehen merkt man aber: Das Angebot wiederholt sich. Hochwertige Dinge unter anderem aus Glas gibt es im Laden Marcas Mineiras, der zugleich auch ein richtig schönes Café hat.

 

Fazit:

Ein Ausflug nach Tiradentes lohnt! Wegen der relativ langen Anreise aus Rio (6 Stunden mit dem Bus) ist die Frage, ob ein Wochenende nicht zu anstrengend ist. Zudem hat man die Stadt an einem Nachmittag im Grunde besichtigt. Die Nachbarstadt Sao Joao del Rei hat auch noch einiges an barocker Architektur zu bieten, ist aber weniger beeindruckend. Vielleicht sinnvoller wäre es, den Tiradentes-Besuch in eine kleine Minas Gerais-Rundreise einzubetten, die beispielsweise auch Ouro Preto umfassen könnte. Allerdings darf man auch hier die Entfernungen nicht unterschätzen. Wer mit dem Bus reist, sollte bedenken, dass das Verbindungsnetz nicht sehr ausgebaut und wenig aufeinander abgestimmt ist.

Ist Euch was aufgefallen? Richtig, der Serviceteil am Ende des Textes. Wollte ich mal testen. Frage nun: Soll ich mir die Arbeit häufiger machen, oder kann das weg?