Isla Palomina: Lebensmüde oder doch paranoid?

Am Hafen von Callao.

Es gibt Situationen, da beschleicht einen eine düstre Ahnung: Scheißidee. Was mache ich hier? Komme ich hier wieder heil raus? Bislang hatte ich dieses Gefühl in Brasilien und Südamerika ziemlich selten. In Callao, am letzten Tag unserer Peru-Reise war es soweit.

Wir hatten einen Ausflug auf die Palomino-Inseln gebucht. Dort, vor der Küste Limas, oder eben Callaos, soll es jede Menge Seelöwen und alle möglichen Vogelarten zu sehen geben. Klar, dachten wir, nichts wie hin.

Eine Fahrerin in einem Geländewagen holte uns ab, sprach kein Wort, lud uns an eine Straßenecke in der Nachbarstadt Callao ab. Hier sollten wir warten? Ein paar Meter weiter ein Mann mit einer Kladde. Ein europäisch anmutendes Pärchen stromerte ebenfalls etwas unbeteiligt herum. Warteten wir alle auf das selbe? Und worauf überhaupt? Kurz darauf hält ein weiteres Fahrzeug. Drei Männer, Anfang 50, steigen aus, posieren sich so, dass sie eventuell zu unserer Gruppe gehören könnten. Oder auch nicht.

Plötzlich geht es los. Der Mann mit der Kladde winkt alle beisammen, führt uns Wortlos auf das Gelände einer Rederei oder eines Ruderclubs. Ein recht steiler, sehr verrosteter Steg führt hinunter zum Wasser. Das Ausflugsboot, wo ist es? Wir werden gebeten zu warten. Eine Nussschale tuckert heran, die ersten sollen einsteigen. Ist das das Boot? Ich bekomme Zweifel. Wenn es das nicht ist, wo ist es dann? Ich hätte es gerne vorher mal gesehen, bevor ich ihm mein Leben und das meiner Familie anvertraue. Der erste Schwung steigt in die Nussschale. Einer geht noch. Der Skipper winkt Edgar ran. „Nein!“ rufe ich. Meine Stimme klingt lauter als nötig, leicht hysterisch, mein „nein“ für die Situation etwas zu entschlossen. Wenn, dann gehen wir alle gemeinsam an Bord. Sollen wir wirklich?

Skepsis in der Nussschale

Wenige Minuten später tuckern wir durch den Hafen von Callao. Die Schiffe hier wirken alle leicht abgefuckt. Oder ist der Eindruck nur das Ergebnis meiner wachsenden Skepsis? Wir halten an einer Motorjacht. Sieht solide aus. Wir bekommen an bord gleich Schwimmwesten und nehmen außen am Buf auf Schaumunterlagen Platz. Zum Festhalten gibt es nichts. Die Reling ist niedrig. Naja, denke ich, wird schon gutgehen.

Bevor es losgeht erscheint der Guide, ein junger Kerl mit lässigem Hut und völlig unseemännischen Schnabelschuhen mit einem Tablett. Kleine Plastikbecher, zur Hälfte gefüllt. Mit Wasser vermutlich. Danach drückt er jedem eine Tablette in die Hand. „Die See ist heute ziemlich bewegt. Das ist gegen Seekrankheit“, sagt er. Wir müssten es nicht nehmen, aber wenn uns erst einmal schlecht geworden sei, wäre es zu spät. Tolle Auswahl.

Die Pille wirklich schlucken?

Wiebke und ich schauen uns an. Wir zögern und denken offenbar das selbe. Was nun, wenn das gar kein Mittel gegen Seekrankheit ist, sondern eine Substanz, die uns alle bewusstlos macht? So könnte man uns spielend ausrauben und hätte ein hübsches Geschäft gemacht. Der Holländer, Teil des Pärchens von vorhin, hat eine ziemlich teure Fotoausrüstung dabei. Locker 6000-7000 Euro wert. Das würde sich schon lohnen. Sind wir gewissenlosen Seelenverkäufern auf den Leim gegangen? Sollte uns unser Sicherheits-Instinkt so jämmerlich im Stich gelassen haben?

Der Holländer hat die Tablette inzwischen genommen. Nichts ist passiert. Seine Freundin auch. Auch noch bei Bewusstsein. Eigentlich haben wir auch gar keine Wahl: Womöglich bewusstlos oder sehr wahrscheinlich die Seele aus dem Leib kotzen – was ist das kleinere Übel? Heidewitzka, Augen zu, runter mit dem Teil – 21, 22, 23…- ich höre Stimmen. Linkes Auge auf: Ich erkenne Menschen, mir bekannte Menschen. Ich bin bei Bewusstsein! War anscheinend doch keine Ko-Pille.

Mr. Zuversicht.

Da geht es auch schon los. Gemächlich tuckern wir durch den Dunst. Im milchigen Nebel taucht nach einer Zeit eine Insel auf: Sao Lorenzo, die größte Insel Perus. Dorthin darf niemand, außer dem Militär und dem Präsidenten. Letzterer soll dort eine Ferienresidenz haben. 3,8 Kilometer sind wir nun schon vom Hafen entfernt. Das Schiff nagelt sich durch die Wellentäler. Ich fühle mich wie auf dem Hopser auf der Kirmes. Einziger Unterschied: Es gibt nichts zum festhalten. Mit dem rechten Bein stütze ich mich an der Reling ab, versuche so, die Kinder zwischen Wiebke und mir zu arretieren, wie es der Handwerker sagt: festklemmen, ginge auch. Immerhin: Unser Chauffeur steuert so behutsam, dass keine Gischt über den Bug schwappt. Wir hätten auch keine Fluchtmöglichkeit. Allerdings dauert die Fahrt so auch. Ich hoffe insgeheim, dass die Wirkung der Wunderpille anhält, bis wir wieder zurück sind. Eigentlich sollte es Snacks und Getränke geben. „Die Wellen sind zu hoch, Entschuldigung“, sagt der schnabelbeschuhte. Vielleicht auch besser so.

Wir umschippern eine zweite Insel. El Frotón. Aus der Ferne erkennt man Ruinen. „Das war einmal ein Gefängnis“, sagt der Guide. Politische Gefangene wurden dort inhaftiert. Flucht? Aussichtslos. Es sei denn, man ist ein überragender Schwimmer. Das war Ex-Präsident Fernando Belaúnde Terry nicht. Der zweifache Präsident Perus gehörte, wie auch der Trotzkist Hugo Blanco, zu den prominentesten Inhaftierten. Vor allem während der Zeiten des „Leuchtenden Pfads“ war El Frotón stark frequentiert.

Ausgelöschte Gefängnisinsel

Jene Organisation soll auch für einen Aufstand im Jahre 1986 verantwortlich gewesen sein. Die peruanische Armee fackelte nicht lange und nahm die Insel, bzw. das Gefängnis mit Artilleriefeuer unter Beschuss. Laut Human Rights Watch sollen mehr als 90 Gefangene damals exekutiert worden sein.

Hinter El Frotón liegt schließlich die Insel Palomino. Ob C&A seine Kinderlinie nach dem Eiland benannte, weiß ich nicht. Ehe man die rund 5000 Seeelefanten zu sehen bekommt, bekommt man sie zu riechen. Unser Tourguide verteilt für zartbesaitete Taschentücher mit Eukalyptus. Wirklich? Nein, die KO-Gefahr scheint gebannt. Es stinkt erbärmlich nach Dung. Guano, bester Dünger, verhalf einst dem Pazifikatoll Nauru zu sagenhaftem Reichtum, mit dem hochsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Doch die Scheiße ist abgebaut, ein Strukturwandel fand nicht statt. Seither ist Nauru ein Armenhaus.

Seelöwen. Jede Menge.

Palomino kann das nicht passieren. Denn die Insel ist kaum größer als ein paar Fußballfelder. Und was von weitem ausschaut wie brauner Fels, beginnt sich zu bewegen, wenn man näher heranfährt. Der Hügel besteht in Wirklichkeit aus tausenden Seelöwenleibern, die mehr oder weniger träge auf dem Fels herumlümmeln. Diese Bilder, aber vor allen diesen Gestank, wird man nie wieder los.

Ins kalte Wasser? Nein, danke

„Wer mag darf jetzt mit den Seelöwen schwimmen gehen“, sagt der Guide. Schon wieder eine Falle, denke ich inzwischen amüsiert. Ella würde gerne, aber das Wasser ist zu kalt. 15-16 Grad und relativ unruhig. Sie kann zwar schwimmen und ein Besatzungsmitglied schwimmt mit, aber nein. Es gibt Tränen. Nur die Niederländerin traut sich. Ihr Freund bleibt an Bord und knipst fleißig mit dem Profigerät. Hinterher wird sie sagen, dass sie sich vor Kälte – trotz Neoprenanzugs – kaum im Wasser bewegen konnte. Das waren ihre letzten Worte. Danach verschwand sie unter Deck, kotzte sich aus und schlief bis in den Hafen. War wohl doch etwas sehr anstrengend.

Auf dem Rückweg gab es dann die versprochenen Snacks und Getränke und auch die Sonne kam raus. Wesentlich etspannter als auf dem Hinweg genossen wir nun die Aussicht. Froh, dass am Ende doch alles gut gegangen ist. Natürlich, würde ich heute sagen. Warum nur dieses Misstrauen? Vielleicht einfach, weil bis zu jenem Tag alles perfekt organisiert war, die Guides Deutsch oder wenigstens Englisch sprachen und bestens präpariert waren. Soviel Improvisation wie zu Beginn waren wir einfach nicht mehr gewohnt. Und beinah hätten wir durch unsere Bequemlichkeit eine echt spannende Tour verpasst.