Meine Achtung vor den Taxifahrern bröckelt

Bisher ließ ich nichts auf die Taxler Rios kommen. Im Gegenteil: Ich ergriff Partei, als mir wieder mal jemand die Vorzüge Ubers schmackhaft machen wollte. Altmodisch mag das sein, auch aus Respekt zu Sprachlehrerin Karla, deren Mann Taxifahrer ist. Aber auch, weil ich hoffe damit richtig zu liegen, dass Taxifahren – imVergleich zu  Uber – keine prekäre Beschäftigung schafft, sondern auf legalem und steuerlich erinwandfreiem Wege Existenzen sichert. Ich hoffe, das ist nicht zu sozialromantisch.

Seit einigen Tagen sehe ich die Sachen differenzierter und das Taxifahren kritischer. Zwei Vorkommnisse brachten mich dazu.

Das erste ereignete sich an einem Samstagmorgen. Relativ früh. Wir wollen zum Busbahnhof im Zentrum, versuchen, uns an der Rua Sao Clemente ein Taxi zu stoppen. Ein an der roten Ampel wartendes Taxi gibt Lichthupe – der Fahrer hat uns wahrgenommen. Gerade als er losfährt, rauscht ein anderes Taxi von hinten mit Schwung vorbei, schneidet „unser“ Taxi, bremst dieses aus und hält vor uns. Wir stutzen zwar, aber denken uns nichts dabei und steigen ein.

Das Fahrzeug des Beutelschneiders. Wer die Nummer erkennt, kann ja mal anrufen.

Der Fahrer fährt sportlich bis ruppig, die Straßen sind frei. Wir kommen zügig voran. Inzwischen kenne ich den Weg ganz gut. Deshalb werde ich stutzig, als der Fahrer an einer Kreuzung nach rechts abbiegt und Richtung Zentrum eilt. „Das ist nicht der richtige Weg, der Busbahnhof liegt dort“, sage ich und weise nach hinten links. Ich verstehe nicht genau, was er murmelt, irgendwas von gesperrter Straße, was aber offensichtlicher Unfug ist. Andere Autos waren auch geradeaus weitergefahren.

Erst als ich das zweite Mal ansetze, dass dies ein offensichtlicher Umweg sei, lenkt er mürrisch ein. Sein Ziel hat er erreicht, statt 26/27 Reais, die die Strecke bei normalem Werktagsverkehr kostet, bleibt das Taxameter bei 41 stehen. Als ich ihm das sage, zuckt er mit den Schultern und hält die Hand auf. „Schönes Arschloch“, drücke ich ihm auf Deutsch, versteht er aber nicht. Ich ärgere mich: Uns hätte schon bei seinem rücksichtslosen Manöver am Anfang ein Licht aufgehen können, ja müssen. So haben wir den ehrlichen Taxler um die verdiente Fahrt betrogen und mussten diesen Lump bezahlen.

Ja, mag sein, dass er dringend das Geld brauchte, vielleicht dringender als sein Kollege. Ich kenne seine Biografie logischerweise nicht. Aber ich weiß auch, dass der andere Taxifahrer sicher auch kein reicher Mann war. Ich schoss noch schnell ein Bild mit dem Handy, so dass es der Betrüger auch sah. Möge ihm der Arsch ein wenig auf Grundeis gehen, dass ich ihn anschwärze. Ich wüsste aber gar nicht wo.

Geschichte 2: Eigentlich eine leichte Übung für einen professionellen Taxifahrer: Bringe mich in eine Straße im Nachbarstadtteil. Er nickt, wir fahren los. Kurz drauf fragt er mich: Wo liegt denn die Straße? Ich zucke mit den Schultern. „Dein Job“, denke ich.

„Wissen Sie irgendetwas in der Nähe?“, fragt er erneut. Ich hatte, ehe ich das Haus verließ, kurz auf Google Maps geschaut, um mich selbst ein wenig zu orientieren, hatte in der Nähe eine bekannte Straße ausgemacht auf die Schnelle. Die nannte ich. „Ah, jetzt wisse er er ungefähr“, entgegnet er.

„Habe Sie GPS?“ fragt er keine Minute später. „Nein, keinen Empfang“, Antwort ich und bereue es, mir noch immer keine brasilianische Karte zugelegt zu haben. In diesem Taxi befinden sich gerade mutmaßlich die letzten beiden Gestalten in ganz Rio, die ohne Internetverbindung in der 6-Millionen-Stadt unterwegs sind. Na, Bravo!

Erbiegt in die von mir vorhin genannte Straße, also meine Orientierungsmarke. „Wohin denn jetzt?“ fragt er wieder. „Ich weiß es nicht, irgendwo hier“, sage ich. „Vielleicht könnten Sie jemanden fragen?“ biete ich ihm eine Ansatz, sich aus eigenen Kräften aus dieser, für einen Taxifahrer an sich höchst penlichen Situation selbst zu befreien.

Denn machen wir uns nichts vor. Was, neben dem Besitz eines Führerscheins, ist die Kernkompetenz eines Taxifahrers? Richtig, er kennt sich in der Stadt aus. Er muss nicht in jeder Favela jeden Winkel kennen, aber in den alten Stadtteilen in der Innenstadt – wer das nicht hinkriegt, hat doch irgendwie seinen Job verfehlt, oder etwa nicht? Oder eben er hat ein Navi. Haben auch viele. Fair enough, wenn das halbwegs auf der Höhe ist, wunderbar. Niemand verlangt, dass er alles aus dem Kopf fährt. Wobei: Viele schaffen das tatsächlich. Und hat neben keiner Ahnung auch das nicht, dann muss man halt jemanden fragen.

Soeben haben wir einen Taxistand mit drei wartenden Taxen passiert. Ich wette, einer von denen hätte den Weg gewusst. Aber er brettert weiter, murmelt nervös etwas von „nicht einfach“ und „das müsste aber doch jetzt hier…“. Da hält er an. Bei einem Motorradfahrer eines Lieferdienstes. Good move! Die Jungs kennen sich aus, denke ich, das haben wir dann ja bald. Am Arsch die Waldfee – der Kerl zuck die Schultern, weist dann nicht nachvollziehbar eine zickzack-Bewegung und lächelt. „Kein Wort verstanden“, murmelt mein Fahrer und rollt wieder an. Er hält nach weiteren Passanten Ausschau. Inzwischen passieren wir den Taxistand ein zweites Mal. Wahrscheinlich ist es ihm peinlich, Kollegen zu fragen. Noch peinlicher wäre es in meinen Augen, weiterhin plan- und hilflos durch die Gegend zu gondeln.

Am Ende hilft Kommissar Zufall. Eine Blumenhändlerin, die sich gar nicht erst aus ihrem Kabuff herausbemüht, nickt nur kurz. „Gleich da vorne, erste rechts.“ Mein Taxifahrer atmet erleichtert auf. Eine Minute später stehen wir vor der gewünschten Adresse. Von in inzwischen erkurvten 21,40 Reais erlässt er mir großzügigerweise 1,40. Normal wäre ein Preis von 12 bis 13 gewesen. „Wir sind da“, sagt er. Eine kleine Spitze lasse ich mir nicht nehmen. „Na“, sage ich. „Ich wette diese Straße werden sie jetzt immer finden, oder?“ Er grinst gequält, als ich die Türe zuschlage und fährt davon.