Brasilia: Ungeliebte Reißbretthauptstadt

Abflug nach Brasilia

Willst du Mitleid von einem Carioca, dann erzähle ihm von deinen Plänen, nach Brasilia reisen zu wollen. „Was willst du da, die Stadt wird ausgestorben sein“, sagte Sprachlehrerin Karla, nachdem ich ihr von meinen Plänen für das verlängerte Wochenende erzählt hatte. „Und am Donnerstag ist Feiertag, da ist die Stadt noch toter.“

Für die Hauptstadt haben die Cariocas nur Mitleid übrig.1960 nahm ihnen Präsident Juscelino Kubitschek die Hauptstadt weg. Viele Politiker und Beamte folgten nur sehr wiederwillig in das Planalto, das Hochland im Landesinneren. Bis heute übrigens. Es gibt halt keinen Strand dort.

Das tropische Versailles

Kathedrale.

Brasilia, von manchen tropisches Versailles genannt – schön, aber nutzlos. Wie soll es gelingen, Beamte und Minister,die das süße Leben der cidade maravilhosa gewohnt sind, zum Umzug ins Landesinnere zu bewegen, wo es nicht gab?

Jeder Politiker versucht, selbst in den Sitzungswochen so wenig Zeit wie nötig in Brasilia zu verbringen. Sonntagsabends oder montagsmorgens fliegen sie ein, tagen drei Tage lang, um sich allerspätestens am Donnerstag, besser schon Mittwochabend, aus dem sprichwörtlichen Staub zu machen. Für Besucher heißt das: Fliegst du antizyklisch dorthin, sind die Flüge und Hotels ziemlich günstig.

Nationalmuseum mit Blick auf Bibliothek

Bis zum Umzug befand sich auf der 1100 Meter hoch gelegenen Ebene nichts. Grassteppe, einige Bäume auf dem kargen, roten, staubigen Boden. Eine Kreuzung zweier Trampelpfade, das war alles. Auch der fast 80 Kilometer lange See, an dem Brasilia heute liegt, entstand auf dem Reißbrett. Binnen drei Jahren wurde dort mit Millionen Kubikmetern Beton und 30.000 Arbeitern eine Stadt aus dem Boden gestampft. Ursprünglich angelegt für 500.000 Menschen leben heute im Großraum fast 3 Millionen.

Niemeyer erntet den ganzen Ruhm

Mit Brasilia verbindet man einen Namen: Oscar Niemeyer. Der brasilianische Statarchitekt erntet fast alleine allen Lorbeer für die Retortenstadt. Etwas zu unrecht. Denn Niemeyer zeichnete nur für die Architektur der öffentlichen Gebäude verantwortlich. Die Idee, der Stadt den einzigartigen Grundriss eines Flugzeugs zu verpassen, hatte der Stadtplaner Lucio Costa. Alle landschaftlichen Elemente tragen die Handschrift des Landschaftsarchitekten Burle Marx – übrigens auch verantwortlich für die Gestaltung der Strandpromenade in Copacabana/Rio.

Innen ist die Bibliothek deutlich weniger spektakulär.

Verschwenderisch geht die Stadt mit der Architektur Niemeyers um. Das meiste konzentriert sich auf die Hauptachse, die Esplanada dos Ministros. Zwischen Funkturm und dem Praca dos tres Poderes, Platz der drei Gewalten, zeigt sich der geballte schöpferische Genius des Architekten mit deutschen Wurzeln. Hin und wieder sieht es auch ziemlich hingewürfelt aus.

Krasse Formenkontraste

Das Dreierensemble aus Kathedrale, Nationalmuseum und Natienalbibliothek, die erst im Laufe der Jahre nachträglich entstanden. Der Formenkontrast könnte kaum krasser sein: Der strahlenhafte Kathedralenkegel, neben der Halbkugel mit dem Museum, das wiederum neben einer brutal rechtwinkligen Bibliothek gelegen ist. Wo soviel geballte öffentliche Infrastruktur nebeneinander liegt, muss das öffentliche Leben doch toben? Denkste. Das weitläufige Betonplateau würde ich ideal zum Inlineskaten eignen – gäbe es denn Inlineskater in Brasilia. Nahezu ausgestorben liegt der Ort.

Kongressgebäude.

Das mag auch daran liegen, dass das Nationalmuseum noch mindestens zwei Wochen für den Aufbau einer neuen Ausstellung benötigt. Die Nationalbibliothek ist zwar ein Anlaufpunkt für Studenten, die in den klimatisieren Räumen arbeiten wollen. Wegen der Bücherauswahl brauchen sie aber nicht zu kommen. Jede halbwegs gut sortierte Stadtteilbibliothek einer deutschen Großstadt könnte da problemlos mithalten. Das Nationaltheater auf der anderen Seite der Esplanade? Seit drei Jahren wegen Baufälligkeit geschlossen. Das für die die WM 2014 gebaute Fußballstadion, einen Freistoß vom Fernsehturm entfernt gelegen, wirkt chic, ist aber auch zu. Ein weißer Elefant par excellence. Die Brasilianer, so scheint es, lassen ihre ungeliebte Hauptstadt vergammeln. Auch am Kongressgebäude bröckelt es bei genauerem Hinsehen an allen Ecken und dahinter, auf dem Platz der drei Mächte, fänden Demonstranten lose Pflastersteine en masse, um ihren Argumenten Nachdruck zu verleihen. Und, ach ja, das Mausoleum Tancredo Neves, Panteao da Patria, an der Längsseite des Platzes ist auch geschlossen.

Demonstration.

Vor fliegenden Steinen braucht sich an diesem Wochenende niemand zu fürchten. Ein Einzelner Demonstrant fordert stumm, aber mit großem Transparent, das Einschreiten des Militärs und das Ende der aktuellen Regierung. Wie man doch sehe, seien die Politiker Parteien alle korrupt, dächten doch nur an sich selbst, aber nicht an das Land. „Das Militär ist die einzige Institution, die für unser Land kämpft“, sagt er. Ob er glaube, dass es unter dem Militär besser werde? „Com certeza, ganz bestimmt“, antwortet er.

Mit dem, was er über die Politiker sagt, scheint er ja nicht Unrecht zu haben. Ob bei einer Militärregierung wirklich alles Gold wäre? Ein weites Feld. Zumindest war das Militär in der letzten Militärherrschaft keinesfalls zimperlich. Politische Gegner verschwanden, es wurde gefoltert und gemordet. Ich bedanke mich und gehe weiter.

Leben in den Flügeln

?

Bewegt sich das öffentliche Leben im gedachten Flugzeugrumpf des Stadtgrundrisses, soll das echte Leben in den Flügeln toben, den Asas. Nord und Süd gibt es da. Eines fällt auf. Alle Wohngebäude sind gleich hoch. Sechs Stockwerke sind das Maximum. Oscar Niemeyer war Sozialist. Das zeigt sich auch in dieser Architektur: Keine Wohnorivilegien, alles gleich. Die Wohnbezirke sind von Straßen durchzogen, an denen die Bewohner der umliegenden Blocks Restaurants und Geschäfte finden.

Hier fällt mir eines sofort auf: Die Blocks sind, anders als in Rio, nicht hoch eingezäunt. Man könnte problemlos jederzeit unter den Blocks, die in der Regel auf Stelzen augfebockt sind, ungehindert spazieren gehen. Die Leute in dem Restaurant wirken entspannt. Handtaschen werden nicht am Körper festgeklammert aus Angst vor Dieben. Sie liegen auf dem Tisch oder einem Stuhl nebendran. Während Erwachsene an den Tischen sitzen, Bier trinken und erzählen, spielen die Kinder im Freien auf einem kleinen Spielplatz. Ganz ohne von Heerscharen von Babas (Kindermädchen) dabei beaufsichtigt zu werden. Sie schaukeln, hüpfen, rennen, kicken. Mit einem Mal bekomme ich ein ganz merkwürdiges Gefühl. Das erste Mal, seit wir in Brasilien leben, habe ich das Gefühl, das hier könnte jetzt auch in Deutschland sein.

Gefühlter deutscher Großstadtkiez

Irgendwo in einem Großstadtkiez, ein wenig alternativ bürgerlich. Nicht Mitte, so schlimm ist es nicht. Mich erinnert er stark an unsere Siedlung in Bonn-Endenich, Rheinbacher Straße. Mehrere 50er-Jahr Blocks umschließen eine Grünfläche mit einer gewaltigen Buche in der Mitte. Kinder mit offenen Haaren rennen frühlich lärmend barfuß umher. Eltern stehen klönend beisammen. Ein innerstädtisches Uhlenbusch-Idyll. Die allgegenwärtige Paranoia der Cariocas scheint hier völlig unbekannt. Wohltuend ist das. Mit wird Brasilia noch ein wenig sympathischer dadurch. Hier, denke ich, könnte ich auch mit meiner Familie prima leben.

Das Zentrum ist nachts ausgestorben. Wer sich amüsieren will, fährt u. a. an das Ufer des großen künstlichen Sees. Dort gibt es ebenso künstliche Amüsierviertel. Natürlich umzäunt. Gleich hinter dem riesigen Parkplatz (Brasilia ist eine Stadt des motorisierten Individualverkehrs) findet man einige Restaurants – mehr oder weniger hübsch und originell. Dafür jedoch mit Blick auf den See auf dem, unten am Steg, immer wieder laut wummernde Partyschiffe an- und ablegen. Das scheint hier Teil des Amüsemangs zu sein. Wir leeren einen Eimer mit eisgekühlten Stella-Fläschchen und kämpfen uns durch einen Berg an Calamares und betrachten das Treiben. Ein paar wohlhabende Halbwüchsige haben sich offensichtlich Papis Yacht ausgeborgt und tuckern – das Boot neongrün angestrahlt – vor dem Anleger auf und ab. In Deutschland würde man halt an einer Kreuzung aufgemotzte Prollkisten bestaunen. Nach einer ganzen Weile Pimmelparade ziehen sie dann doch ab.

Hat ihnen die Stadt gefallen? fragt die Hotelangestellte beim auschecken. Wirklich? Fragt sie ungläubig nach, als ich bejahe. Selbst die Hauptstädter selbst scheinen ihre Stadt nicht wirklich lieb zu heben. Oder sie leiden unter einem gewaltigen Minderwertigkeitskomplex. Klar: Mit dem naturschönen Rio kann man nicht mithalten, mit dem quirligen, cosmopolitischen Sao Paulo womöglich auch nicht. Aber sonst?

Wer schon mal von Euch dort war: Wie fandet Ihr es? Gerne Kommentar!