Holperstart in Richtung Peru

Wir sind etwas faul geworden. Früher haben wir Reiserouten selbst ausgearbeitet, Unterkünfte gesucht, Führungen und Touren ausgewählt. Seit einiger Zeit lassen wir das gerne vom Profi machen. Für Argentinien bemühten wir das französische Unternehmen Evaneos. Nun, für acht Tage Peru vertrauten wir unseren Urlaub der Firma Gateway aus Leipzig an.

Die Bequemlichkeit hat nichts mit Dekadenz zu tun, sondern ist eher der Tatsache geschuldet, dass wir ja seit einiger Zeit nun mit Kindern (8) unterwegs sind. Und diesen Flohzirkus zusammenzuhalten ist manchmal Aufgabe genug, da will ich nicht auch noch am Flughafen von irgendwo einen zuverlässigen Taxifahrer ausfindig machen, dessen Sprache ich womöglich nur Bruchstückhaft spreche. Also lassen wir das den Profi machen.

Dass der aber nun auch nicht alles vorhersehen kann, sollte sich bei unserer Anreise zeigen. Erste Etappe: Rio – Lima –Cusco. Und nachmittags noch zwei kleine Besichtigungen. Kein Wunder, muss da der erste Flug früh gehen und die Übergänge fluppen.

5.45 Uhr ab Rio sollte es losgehen. Das bedeutete für uns: Will man halbwegs pünktlich am Flughafen Galeao sein, sollte man eine Fahrzeit von einer Stunde rechnen, auch wenn es mitten in der Nacht ist. Wir haben auch schon fast zwei für die rund 30 Kilometer gebraucht. Da der Flughafen nicht an die Metro angeschlossen ist – warum auch? – ist man auf Taxen angewiesen. Buslinien gibt es zwar auch, abermit vier Koffern und zwei Kindern nachts im Bus durch Rio gondeln? – ein leichteres Ziel kann man kaum darstellen.

Zwei Stunden vorher einchecken – da wären wir schon bei einer Startzeit von 2.45 Uhr. Bedenkt man, dass man vorher ja auch noch aufstehen und in Gang kommen muss, müssten wir irgendwann um kurz nach 1 Uhr aus den Federn – bin ich Bäcker, oder was?

Plan geht in die Hose

Nein, nein, wir hatten einen anderen genialen Plan – der jedoch nicht aufgehen sollte. Es gibt am Flughafen eine Art Transferhotel Aerotel. Darin kann man sich stundenweise einbuchen, wenn man Aufenthalt am Flughafen hat. Hätte rund 30 Euro pro Person gekostet. Nicht billig, aber vielleicht besser, als mitten in der Nacht raus müssen und grätige Kinder zu haben. Zudem wäre ein einstündiger Lounge-Aufenthalt drin gewesen, inklusive Essen, das hätte den Preis relativiert. Ich schickte eine Mail mit einer Anfrage, wir versuchten es telefonisch und per Internet. Nichts. Hm. Egal, dachten wir, wird schon gehen. Also gegen 20.30 Uhr Aufbruch.

21.15 Uhr schon da. Wenig Verkehr, alles prima. Jetzt schnell einchecken und dann ratzen gehen. Doch der Checkin-Schalter war: dicht. Keine Sau da. Ein gelangweilter Mensch turnte dann doch irgendwann dort herum. Als wir ihn fragten, ob wir schon das Gepäck loswerden können, schüttelte er den Kopf. „Frühestens drei Stunden vor Abflug.“

Am Schalter abgeblitzt

Kann nicht sein, dachten wir und gingen zum Schalter der Fluggesellschaft Avianca. Dort wimmelte uns eine Mitarbeiterin ab. Das wär halt so, da ist nichts zu machen, blablabla. Kein Ansatz konstruktiv eine Lösung herbeizuführen. Dienst nach Vorschrift. Immerhin – für brasilianische Verhältnisse an sich nicht schlecht. Also zum Infoschalter. Nein, das sei so, vermutlich hätte das Hotel aus diesem Grund es auch gar nicht erst für nötig erachtet, auf unsere Anfragen zu reagieren. Wir waren also gezwungen, bis 2.45 Uhr in der Eingangshalle des Airports zu warten. Tolle Wurst. Natürlich gibt es dort kein Eckchen, wo man es sich hätte gemütlich machen können. Wir falteten uns in die Warteecke. Natürlich ist dort bei der Sitzbank jeder Sitz vom anderen durch eine Armlehne getrennt. Hinlegen unmöglich. Wenn wir doch wenigstens durch die Sicherheit wären – am Gate gibt es Liegesessel und Bereiche, die mit Teppich ausgelegt sind. Das hätte uns ja schon gereicht. Aber nein.

Als wir langsam wachdämmern – wir mussten tatsächlich eingeschlafen sein – war die Schlange am Checkin-Schalter beträchtlich angewachsen. Avianca-Mitarbeiter gab es aber keine. Irgendwann um kurz nach drei waren wir durch, also durch die Sicherheit. Geütsmäßig waren wir das schon länger. Zum Glück hatten wir noch ein Stündchen am Gate mit den Liegesesseln.

Verspätetes Boarding

Aus dem Stündchen wurden anderthalb. Denn das Boarding verzögerte sich. Das Flugzeug fehlte. Wäre ja nicht so schlimm, müssten wir nicht in Lima innerhalb 1.35 Stunden einen Anschlussflug nach Cusco bekommen, inklusive Gepäck abholen und Einreise durch den Zoll. Am Checkin hatte man uns noch gesagt, das sei kein Problem, der Flughafen in Lima sei schließlich nicht besonders groß.

Wir wollten ihm glauben und übten uns in Geduld. Auch wenn wir insgeheim zweifelten. Statt um 5.45 Uhr ging es schließlich um 6.05 los. Die Sonne stand schon wieder hoch über Rio.

Einen weiter entfernteren Stellplatz hätte man unserem Flieger kaum zuweisen können als diesen. Da standen wir nun, irgendwo an der Peripherie dessen, was für die Ankunft von Flugzeugen am Flughafen Jorge Chavez International vorgesehen ist. Wir standen tatsächlich. Fast alle 200 Passagiere. Taschen in den Händen und wollten raus. Doch es ging nicht – es war keine Treppe da. Wäre die Türe aufgegangen, die Passagiere wären 3,20 Meter auf den Asphalt geplumpst.

Zu kleine Treppe

Durch das winzige Fenster drei Reihen vor mir sahich, wie Menschen mit Warnwesten eine Trepper heranschoben – und wieder wegschoben. Offenbar war die Treppe zu klein. Wertvolle Minuten verstrichen. Den Zeitverlust vom Boarding hatten wir natürlich nicht aufgeholt. Wir fragten einen Flugbegleiter. Wir hätten jede Menge Zeit noch, sagte er. Trotzdem mussten wir noch auf den zweiten Bus warten, nachdem endlich die passende Treppe gefunden worden war.

Im Trab zum Zoll. Hoffentlich sind die bei der Einreise etwas flotter als die brasilianischen Kollegen, beteten wir. Sonst wäre der Flug nach Cusco weg. Und dann? Wir hatten Glück.Die Stempel waren schnell gestempelt. „Gute Weiterreise.“ Also Gepäck holen und ab zum Gate. Wir schafften es tatsächlich. Also bis zur Sicherheitsschleuse. Eine Sicherheitsmitarbeiterin stellte sich uns entschieden in den Weg. Das große Gepäck müsse aufgegeben werden.

„Aber wir haben doch bloß einen Anschlussflug.“

„Das große Gepäck kommt hier nicht durch.“

Der Checkin befands sich ein Stockwerk tiefer, ganz am Anfang der 65 Checkin-Schalter. Und in der Halle war die Hölle los. Nix mit kleinem Flughafen. Höchstens unterdimensioniert, um die Massen an Passagieren gescheit abfertigen zu können. Doch nichts zu machen. Gegen sie zurück auf Los. 20 Minuten noch bis zum Abflug. Das schaffen wir nie.

Doch. Am Avianca-Schalter sind wir schnell dran. Gepäck weg, diesmal auch die kleinen Koffer, die vorher Handgepäck waren, und im gestreckten Galopp im Slalom durch die Eingangshalle. Rolltreppe rauf, hinein in die Sicherheitsschleuse. Wiebke zeigt einem Sicherheitsmitarbeiter Pässe und Boardingkarten: Andi, Edgar, Ella und….Arturo Reyes. Bitte was???? Scheiße! Da müssen wohl die Boardingkarten vertauscht worden sein. Kacke! Und nun? Der Sicherheitsmann spricht kein Englisch. Es solle den anderen Passagier doch ausrufen lassen, schließlich müsse er ja Wiebkes Ticket haben. Ich sehe nur Fragezeichen im Blick.

Nach einigem hin und her entschließen ich mich mit den Kindern zum Gate zu gehen und die Crew aufzuhalten. Wiebke müsste unterdessen abermals zurück in die Abflughalle an den Schalter, das richtige Ticket nun holen.

Im Notfall einen Notfall simulieren

Ich habe Glück. Die Mitarbeiterin versteht mich. Ich solle mir keine Sorgen machen, der Flug hätte Verspätung, sagt sie. „Sie müssen aber trotzdem waren, es war nicht der Fehler meiner Frau“, gebe ich ihr zu verstehen, dass ich zu allem entschlossen bin. Notfalls, entschloss ich mich, würde ich auf der Gangway einen Schwächeanfall simulieren, bis Wiebke auftaucht. Im Lautsprecher faselt irgendjemand etwas davon, dass das Abfluggate sich geändert habe. 38 statt 15. Ich frage nach. Drei Mal. Nein, das Gate habe sich nicht geändert. „Aber die Durchsage gerade?“ Nein, keine Änderung.

Diesmal haben wir Glück. Die verspätung spielt uns in die Karten. Wäre alles pünktlich gelaufen, wären wir zurückgeblieben. Und dann? Die Diskussionen mit der Fluggesellschaft konnte ich mir schon labhaft vorstellen.

Klappt jetzt gar nichts?

Ein Blick in die Reiseunterlagen. „Wenn sie Cusco vor 13 Uhr erreichen, machen sie einen Abstecher…“ Wenn wir Cusco bis dahin erreichen? Hatte da wohl jemand schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Und wenn wir danach kommen, was dann? Welche Zeit zählt denn dann? Wollte sich da womöglich jemand aus der Verantwortung stehlen? Gleich zu Beginn einer Reise eine solche Panne lässt das Vertrauen in den Reiseveranstalter schlagartig sinken. Zumal, wenn es die erste Reise ist. Wie geht es weiter? Wissen die überhaupt, was sie tun? Gottogott, wie konnten wir nur so leichtgläubig sein…

Diese Szenarien schließen mir beim gut einstündigen Flug durch den Kopf. Völlig unbegründet und irrational, aber was willste machen, wenn alles kacke läuft? Um 12.55 Uhr setzen wir auf der Landebahn mitten in der staubigen Stadt auf. So, geschafft, vor 13 Uhr da, oder meinen die draußen?

Minuten Später in der Eingangshalle zig Menschen mit Schildern, auf denen Namen geschrieben sind. Nur unsere fehlen. Was nun?

Kurz drauf – Erleichterung. Ein Mann mit weinroter Fließjacke hält ein Schild in die Höhe („Noethen 4x“). Er spricht uns auf Deutsch an. Puh. Durchatmen. Würde nun doch noch alles gut? Spoiler: Es sollte die einzige Panne der Reise bleiben.