Curitiba: Bimmelbahn, Baumjohann und Lava Jato-Tribüne

Das zweite Hotel war super.

Noch ganz am Anfang unserer Brasilienzeit traf ich Daniel. Daniel war Doktorand, oder ist es noch immer, war über hallorio gestolpert und hatte mir sogar über Facebook mitgeteilt, dass ihm die Texte gefielen. Ich war überrascht, kam ich mir doch manchmal wie der Besser-Wessi vor, der nur mault, alles kritisiert, alles besser weiß. So kam es aber scheinbar nur mir vor.

Wir tauschten uns weiter aus, trafen uns zum Bier. Was ich denn alles in Brasilien in unserer Zeit hier sehen wolle, fragte er. Amazonas, sagte ich. Er nickte verstehend. Brasilia, fuhr ich fort, er wog den Kopf. Curitiba war mein drittes Wunschziel.

Wieso denn das? Fragte er entgeistert.

Nun ja, druckste ich, ich habe gelesen, dass Curitiba die ökologischste brasilianische Stadt sein soll; sauber mit funktionierendem Verkehrssystem. (Ist ja auch für einen Deutschen echt mal was anderes.)

Ja und? Fragte er nochmal.

Das würde ich schon gerne sehen.

Curitiba ist langweilig, antwortete er. Was ist mit Sao Paulo?

Mir noch zu groß und zu gefährlich, antwortete ich. Damals war ich noch nicht soweit. Inzwischen wäre ich aber durchaus bereit.

Aber, gab er zu bedenken, Sao Paulo hat alles – das ist eine tolle Stadt. Ich würde nach Sao Paulo anstelle von Curitiba fahren, sagte er. Es war übrigens das einzige Mal, dass wir uns auf ein Bier trafen. Eigentlich wollte er mir noch ein paar Rauchersalons im Centro zeigen – er mochte Zigarren. Doch dazu kam es nicht mehr. Irgendwie scheint Curitiba unsere Bekanntschaft im Keim erstickt zu haben.

Das, was ich zugegebenermaßen von Curitiba kannte, kannte ich aus einem Spezial des Lufthansamagazins. Darin wird Curitiba tatsächlich glorifiziert: sauber, sicher, grün, ökologisch usw. Als wir ein paar günstige Tickets bekommen konnten, flogen wir hin.

Was wissen wir drüber? Nix!

Curitiba – was weiß man über diese Stadt? Eigentlich nix. Man muss schon ausgesprochener Fußballfans sein, um zu wissen, dass seit dieser Saison der erste deutsche Legionär bei einem brasilianischen Verein unter Vertrag steht: Alexander Baumjohann. Von Lautern, über Schalke und Berlin nach Curitiba. Klingt erstmal exotisch. Wenn man aber weiß, dass seine Frau Brasilianerin ist, die Karriere in Deutschland nun auch nicht so doll lief, dann klingt das schon schlüssiger.

Oder wer die politische Berichterstattung verfolgt der weiß, dass in Curitiba die Staatsanwälte sitzen, die seit ein paar Jahren sich redlich bemühen, den Korruptionssumpf im Land trocken zu legen. Staatsanwalt Sergio Moro dürfte wohl auch der berühmteste Bürger der Stadt sein. Und sonst?

Eben, also hin.

Panoramablick mit langem Anstehen.

Ich muss gleich sagen: Wäre das erste Hotel, das wir gebucht hatten, der einzige Kontakt mit Curitiba gewesen – wir wären keine Freunde mehr geworden. „Caravelle Hotel“ hieß es, oder so ähnlich. Ein Paradebeispiel in Sachen schöner Lügen mit Photoshop. Im Internet sah alles okay aus. Die Wirklichkeit dagegen gar nicht. Schon die Eingangshalle war einigermaßen abgefuckt. Bestimmt aus den 60er-Jahren und seit der Einweihung keinen Handschlag mehr getan. Muss ja nichts heißen. Beim Zimmer war ich einigermaßen schockiert. Fleckige Tapete, kaputte Tür, Loch in der Wand, Klospülung auf Halbmast, dazu eine potthässliche Rauputzwand. Der Koffer stand noch nicht in der Ecke, da suchten wir nach einer Alternative. Glücklicherweise hatten wir das Hotelzimmer für das ganze Wochenende noch nicht am Ankunftsabend geblecht. So zahlten wir die eine Nacht, bevor wir zum ersten Tagesausflug abgeholt wurden. Auf Nimmerwiedersehen. Kleine Ehrenrettung: Das Frühstück im spätsozialistischen Spiegelfrühstückssaal war echt okay.

Für den Rest des Wochenendes wollten wir keine Kompromisse eingehen. Wir fanden zwei Zimmer im gerade einmal ein halbes Jahr alten NH-Hotel „The Five“. Vermutlich ein Promotionsangebot. Aber ist ja oft so, dass diese Businesshotels am Wochenende Sondertarife haben. Kann ich dringend empfehlen, auch wenn kein Taxifahrer etwas mit dem Namen anfangen konnte.

Tuff, tuff, tuff die Eisenbahn

Doch zunächst raus aus der Stadt. Mit dem Serra Verde Express nach Morretes. Man muss kein Eisenbahn-Enthusiast sein, um sich für diese Tour zu erwärmen. Nicht nur, weil es eine der letzten Strecken Brasiliens ist, die überhaupt noch befahren wird. Sondern auch, weil es schön stilvoll zugeht. Vor einigen Tagen hatten die Kinder Geburtstag, also haben wir uns was gegönnt. Statt Holzklasse logieren wir heute im Luxusabteil. Das bedeutet: Plüschige Sitzecken und Clubsessel, Holzvertäfelungen und ein handgemaltes Deckenfresko mit Palmenmotiv. Gut, der Zug ist nicht original. Es handelt sich um ein amerikanisches Modell, dass vor einiger Zeit historisiert wurde. Aber Wurscht, erst recht nach der Nacht in Hotel Schreckenstein.

Bei Tempo 19 km/h serviert man uns ein zweites Frühstück: Croissants mit Käse und Schinken gefüllt, ein Schokokeks, dazu Kaffee, Tee oder Kakao – später gibt es auch Softdrinks, und – auf mehrfaches Drängen des Zugbegleiters – Bier. Gut dreieinhalb Stunden schnauft sich das Stahlross hinauf in die Mata Atlantika, letzte halbwegs intakte Ausläufer des atlantischen Regenwaldes, der früher weite Teile des Küstenstreifens bewuchs, von dem heute nur noch ein paar Prozent von der Zivilisation verschont blieben.

Curitiba heißt übersetzt Viele Pinien. Sie sind das Wahrzeichen der Stadt. Oder besser waren: Es stehen nämlich davon auch nicht mehr so wahnsinnig viele. Inzwischen sind auch sie vom Aussterben bedroht. Und das sicher auch nicht nur, weil die Samen zur Herstellung der in Brasilien beliebten Kibe. Kibe sind ein Snack, den libanesische Einwanderer importierten. Eine Art Frikadelle, zapfenförmig, dunkelbraun und von leicht krümeliger Konsistenz. Recht lecker obendrein. Der Raubbau mit der Natur hat in Brasilien Tradition, solange Europäer ihren Fuß in das Land setzten. Das hat sich bis heute bekanntermaßen nicht geändert, im Gegenteil.

Hinauf geht es. Vorbei an einem Stausee, aus dem einsam und verlassen ein alter Fabrikschlot ragt. Verlassene Gebäude immer wieder. Der Bau der Strecke soll eine Tortur gewesen sein, den etliche Arbeitermit dem Leben bezahlten, erzählt der Zugbegleiter, der zugleich den Tourguide gibt. Praktisch: Wir verpassen keine Sehenswürdigkeit. Natürlich auch keinen der 13 Tunnel auf der Strecke, aber die hätten wir auch so bemerkt, denke ich.

Fleischtopf mit Banane – lecker!

Morretes muss mal ein verschlafenes Dörfchen gewesen sein. Inzwischen ist es voll auf den Tourismus ausgelegt. In einer Gaststätte essen wir das typische Gericht der Gegend: Barreado. Ein Fleischeintopf, der mit Reis, Farofa und Bananen gegessen wird (Rezept mit Video): . Aus dem verschlafenen Dörfchen ist ein durchgehender Souvenirshop geworden, mit dem üblichen Plunder und jeder Menge Plastikkram aus China. Wir sind ja nur kurz hier, aber wie es ausschaut, scheint der Ort ein guter Ausgangspunkt für allerlei Aktivitäten zu sein (Kajak, Mountainbike, Wandern etc.).

Nach einem überragenden Frühstück hatten wir für Tag 2 Stadterkundung auf eigene Faust angesetzt. Schließlich soll ja in Curitiba der ÖPNV super ausgebaut sein und auch eine Linie existieren, die die Sehenswürdigkeiten der Stadt verbindet. An der Praca Tiradentes wollen wir starten. Wir fragen einen Polizisten,wo die Busse den abfahren. „Dort wo alle stehen“, antwortet er und deutet in Richtung Platzmitte. Ein Schlange mit Wartenden hat sich gebildet, ca. 50 Meterlang. Der nächste Bus soll in 15 Minuten kommen, jede halbe Stunde. Bis wir dran sind, überschlage ich grob, ist Mittag. Wiebke hat inzwischen einen Taxifahrer organisiert. Für das, was wir für den Bus gezahlt hätten, kutschiert er uns die nächste Zeit durch die Stadt und wartet dann halt. Nichts wie raus aus der Sonne.

Warten muss er viel, zumindest beim Panoramablick im oder am Torre Panoramico, ein Fernsehturm. Auch dort: Schlange stehen. Denn: So wahnsinnig viele Sehenswürdigkeiten hat Ciritiba nun auch nicht, außerdem ist Feiertag und drittens dürften in den Aufzug nur jeweils maximal 5 Personen. Ja, richtig gelesen. Tolle Wurst. Schlangestehen bedeutet in diesem Fall mal zwei. Logisch, nach unten auch. Wir halten fest: 30 Minuten anstehen, 10 Minuten oben, 20 Minuten runter (ging irgendwie schneller) und weiter zum „Ukrainischen Mahnmal“.

Plötzlich wähnt man sich in böhmischen Dörfern. Eine Holzkirche mit Zwiebelturm, ein überdimensionales Osterein daneben. Ja, das könnte tatsächlich irgendwo tief in Osteuropa stehen. Was hat es damit auf sich?

1980 besuchte Papst Johannes Paul II. Curitiba. Anlässlich dieses Besuchs widmeten ihm alle großen Einwanderergruppen ein kleines landestypisches Denkmal.Die Polen, die siedelten in großer Zahl in und um Curitiba, bauten den „Bosque de papa“ – Papst-Wald – ein freilichtmuseumsartiges Ensemble einfacher massiver Blockhäuser. Wir sollten am nächsten Tag im Rahmen einer Radtour dort vorbeikommen. Und die Ukrainer beuten eben ihre Holzkirche. Man sollte sich nicht vertun: Nach den USA gibt es im Bundesstaat Paraná die größte Ukrainerkolonie außerhalb der Ukraine. Eine halbe Millionen Menschen berufen sich auf Vorfahren aus diesem Land. Im Kiosk gibt es daher auch Ikonengemälde, Babuschkas zum ineinander stapeln, Schnitzereien, Wurstspezialitäten und andere „ukrainische“ Souvenirs,wie uns der Inhaber versichert. Im Polenwäldchen gab es übrigens den selben Kram.

Tribüne vor der Ermittlungsbehörde

Eine Station, die sicher nicht auf der Buslinie gelegen wäre,ist das Gebäude der „Justicia Federal“, der Bundesjustiz. Jener Ort also, von dem aus Sergio Moro und seine Kollegen korrupten Politikern das Handwerk legen wollen. Am Feiertag natürlich zu. Aber besichtigen kann man da sonst auch nix. Interessant: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich eine aus Brettern zusammengezimmerte Holztribüne. Offenbar gibt es hier häufiger was zu gucken. Auf dem heruntergelassenen Rolladen des kleinen Shops prangt „Fora Temer!“ – „Temer raus!“ Und auf einer Straßenlaterne gleich daneben klebt ein Aufkleber „Apoio Lava Jato“ – „ich unterstütze Lava Jato“. Offenbar ist man hier den Ermittlern recht wohl gesonnen.

Zum Schluss in den Botanischen Garten. Dort steht das Gewächshaus, eine Art Kristallpalast, den ich aus dem Lufthansa-Spezial kannte. Grün umwuchert ist er mir in Erinnerung geblieben, satt grün. Nun, will man ihn genauso auf sein Erinnerungsfoto bannen, muss man schon ein wenig tricksen und vor allem den richtigen Winkel wählen. Der Glaskasten steht nämlich relativ nah an der großen Stadtautobahn in Richtung Flughafen. Klassisch frontal geknipst, ist diese gut sichtbar im Bilde.

Marco, ein brasilianischer Freund hatte mich gewarnt. „Curitiba ist langweilig“ hatte er gesagt. „Nur Sao Paulo und Rio sind richtige Metropolen und aufregen. Drei Tage reichen.“ Am Ende muss ich sagen: Stimmt. Mir wären bei einem längeren Aufenthalt tatsächlich irgendwann die Ideen ausgegangen. Klar, es gibt da noch das MON, das Museum Oscar Niemeyer, da waren wir auch noch. Und da, da war ich doch etwas überrascht, war nicht nur die Architektur selbst der Star. Auch wenn die Lava Jato-Ausstellung, mit bei den Korruptionsermittlungen beschlagnahmten Kunstwerken, leider ein paar Tage vorher beendet war. Außerdem wird das markante Auge zurzeit innen renoviert.

Fazit: Ein wenig muss ich Daniel und Marco Recht geben. Curitiba ist nicht der Brüllerund ist schon gar nicht das, was ihm als ökologische Stadt als Ruf vorauseilt. Klar, es gibt nette Ecken, einige Sehenswürdigkeiten. Es ist ruhiger und wirkt sauberer unf geordneter als Rio. Aber für längere Zeit wäre diese Stadt, die ja auch immerhin so groß ist wie Hamburg (einwohnermäßig), wohl etwas zu beschaulich.