Tag der deutschen Einheit und die geistige Einheit der Welt

Es hatte sich ganz schön komisch angefühlt, an jenem Septembermorgen im Jahr 1998, als ich zur Frühschicht die Tankstelle in Meckenheim betrat. Zum ersten Mal in meiner aktiven Politikwahrnehmung sollte von jenem Tag an also nicht mehr Helmut Kohl Bundeskanzler sein? Mein erster kleiner Politkater.

19 Jahre später, 13.01 Uhr, Sonntagnachmittag. Ortszeit Rio de Janeiro. Seit der Hochrechnung ist klar: Erstmals seit Kriegsende wird wieder eine rassistische und nationalistische Partei dem Bundestag angehören. In den Jahren zwischen diesen beiden Wahlen ist die Welt koplizierter geworden. Zunächst Globalisierung später die Digitalisierung sind die Schlagwörter der Stunde. Im Weißen Haus regiert ein Irrer, der mit nervösem Finger am Abzug des ersten Atomkriegs sitzt. In der Türkei herrscht ein Diktator, in Russland ein früherer Spion. Im Nahen Osten beschäftigen wir uns nicht mehr nur mit den Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern. Dort verbreitet ein selbternannter Inslamistenstaat Angst und Schrecken und übersät die Welt mit Terroranschlägen. Ach ja, und zwischenzeitlich haben Fanatiker mal eben zwei Flugzeuge in das New Yorker World Trade Center gejagt. Und vom Klimawandel habe ich noch gar nicht gesprochen.

Umgang mit dem Nationalismus

Wie soll man diesen Problemen begegnen? In Europa setzen vor allem rechte populistische Parteien auf die Igeltaktik. Zäune hoch, Grenzen dicht, wir zuerst – die Nationalisten sind wieder da. Und wir sitzen in Brasilien, so,wie es der österreichische Autor Stefan Zweig tat, in den 30er-Jahren, als er bereits ahnte, dass Europa am Nationalismus zerbrechen werde, als er die „kulturelle Einheit der Welt. Das tat er 1936 bei seinem ersten Besuch in Brasilien.

Da tut es schon gut zu sehen, dass es Menschen gibt, die nicht in das reflexartige Hyperventilieren einstimmen, die erst die Situation analysieren und dann reden. Einer dieser Menschen ist der Noch-Bundestagspräsident Norbert Lammert. Einer der profiliertesten Redner, die das Parlament noch hat. Ein Demokrat und Europafreund obendrein. Auf Einladung der Konrad Adenauer Stiftung ist er zwei Tage in Rio de Janeiro. Hauptanlass ist eine Sicherheitskonferenz im Forte de Copacabana, die, nachdem das Militär vorige Woche versucht hat, die Favela einzunehmen und dadurch zu befrieden, auch für die Metropole an Aktualität gewonnen hat.

Großer Bahnhof

Aber er ist auch da, um in der Casa Stefan Zweig in Petrópolis seine Sicht auf wachsenden Nationalismus in Europa aber auch in Deutschland zu geben. Anlass ist der 75. Todestag des Schriftstellers, am 22. Februar 1942 nahmen er und seine zweite Frau Lotte sich das Leben. Zu diesem Anlass hat die Casa Stefan Zweig, ein kleines Museum im letzten Wohnhaus Zweigs, im Frühjahr die berühmte Rede über die „Geistige Einheit der Welt“ neu verlegt.

Dass die politischen Entwicklungen der vergangenen fünf Jahre selbst Profis wie Lammert überraschte, daraus macht er keinen Hehl. „Dass selbst im stattfindenden europäischen Einigungsprozess der Nationalismus fröhliche Urstände feiert, hätte ich vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten“, sagte Lammert in Petrópolis.

Dort war der Besuch des Noch-Bundestagspräsidenten ganz großer Bahnhof. Das kleine Museum im ehemaligen Wohnhaus Zweigs wurde aus diesem Anlass zu einer kleinen Festung mit Hochsicherheitsstufe. Drunten auf der Kreuzung vor dem Haus in der Rua Gonçalves Dias, 34 ein für die beschauliche Stadt überdimensioniertes Sicherheitsaufgebot und entsprechend Verkehrschaos.

Draußen Chaos, drinnen Prominenz

Drinnen im Haus, seit 2012 ein kleines Besucherzentrum, viel Prominenz. Botschafter aus Deutschland, Österreich und der EU, Konsuln, Vertreter von Kultur- und Handelsverbänden, Intellektuelle. Schließlich ist der Besuch als Höhepunkt eines Jubiläumsjahres gedacht, im Rahmen einer kleinen Podiumsdiskussion mit dem Professor für Geschichte, Fábio Koifman, und dem Professor für politische Philosophie, Renato Lessa. Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1942, nahmen sich Stefan Zweig und seine zweite Frau Lotte in just diesem Anwesen gemeinsam das Leben.

Lammert sieht darin Erklärungsversuche auf immer komplexer werdende Fragen der Welt. Viele relavante Themen seien komplex und global – Klima, Kriege. Gleichzeitig wachse die Neigung „nationale Antworten zu geben“. Diese Versuche gipfeln dann in Schlagworten wie America first.

„Kopflos“, nennt Lammert das, gerade mit Blick auf Europa, das nach dem Zweiten Weltkrieg doch so große Fortschritte gemacht habe. „Handfeste Fortschritte – eine stabile Friedensordnung und einen wachsenden Wohlstand“. Er sieht den Nationalismus als Ausdruck von Besitzstandsdenken: „Das Wohlstandsniveau könnte durch Migration gefährdet sein.“ Ein rationaler Erklärungsansatz einer Entwicklung, die viel durch Emotionen, Irrationalität und Lügen befeuert wurde und sich immer mehr zu verselbständigen scheint.

Nationale Lösungsansätze beim Klimawandel oder der Digitalisierung nennt Lammert absurd. „Wir können die Rahmenbedingungen der Digitalisierung nicht der Technik überlassen. Drum, so Lammert, sehe er die geistige Einheit der Welt momentan eher noch weiter enfernt, als noch zu Zweigs Zeit in den 1930er-Jahren. Man könne sich heute schon glücklich schätzen, wenn sich alle Staaten an die Charta der Vereinten Nationen hielten.

Aktueller Bezug fehlte

Obwohl Nationalismus und der Umgang damit das Thema waren, fielen aktuelle Stichworte nicht. Nicht der Name Jair Bolsonaro. Der rechte Hardliner könnte im kommenden Jahr gute Chancen haben, Nachfolger von Präsident Michel Temer zu werden. Auch nicht die AfD. Auf diese bezog sich Lammert erst auf Nachfrage aus dem Publikum.

Lammerts Amtszeit im Bundestag endete am 24. September nach 37 Jahren. Er kandidierte nicht mehr. Ob es ihm nicht leid tue, jetzt, wo die AfD im Bundestag sitzt, wäre ein Bundestagspräsident seines Kalibers sicher sehr von Nutzen. „Mandate sind zeitlich begrenzte Aufträge“, sagte er. Für seine persönliche Vita brauche er die Auseinandersetzung mit Populisten nicht. Man soll gehen, wenn niemand den Zweifel hat, der Aufgabe gewachsen zu sein. Von daher ist der Zeitpunkt gut gewählt.“

Ein vielsagender Satz. Mancher sah darin eine Anspielung auf Kanzlerin Angela Merkel und ihre nun beginnende vierte Amtszeit. Er hätte, zumindest in seiner Partei der CDU, aber auch auf einige Vorgänger Merkels gepasst, auf den „Alten“, Konrad Adenauer, oder Helmut Kohl. Vielleicht hatte er damit aber wirklich nur sich selbst gemeint.