Unruhe in den Favelas – Militär rückt in der Rocinha ein

Rocinha.

Als die Kinder am Freitag nach Hause kamen, erzählten sie freudestrahlend und gut gelaunt, dass sie in der Schule zwei Folgen ihrer Lieblingsserien gesehen hätten. Das einzige, was mich stutzig machte war das Nachbarmädchen, das sie zum Mittagessen mitbrachten.

Gut, im Grunde wusste ich schon Bescheid. Wiebke hatte mit eine Whatsapp-Nachricht geschickt, die Schule hatte an die Eltern der Schüler mindestens fünf oder sechs Mails verschickt und auch auf Twitter liefen die Nachrichten rauf und runter. In der Favela Santa Marta, teilweise unmittelbar an die Schule angrenzend, hatte es am Vormittag Schüsse gegeben. Ich hatte sie am Schreibtisch auch gehört.

Komischerweise beunruhigt mich das weniger. Die Schule hat für diesen Fall einen Notfallplan, man weiß, was man tut, um die Kinder in Sicherheit zu bringen. Ist ja auch nicht so, dass auf die Schule direkt geschossen würde. Wenn überhaupt wäre man nur mittelbar betroffen, in Form von Querschlägern.

Rocinha.

Trotzdem erreichte mich am Nächsten Tag eine Nachricht meines Cousins. „Man berichtet von Militäreinsatz in Rio. Alles ok bei Euch?“

Wesentlich dramatischer hörte sich aber das an, was man aus der Favela Rocinha zu hören bekam. Die Rocinha gilt als die größte Favela Südamerikas. Offiziell mit unter 100.000 Einwohnern, was eine eher taktische Zahl von offizieller Seite ist. Würden dort mehr Menschen leben, wäre die Stadt verpflichtet, für eine Grundausstattung an Wasser, Strom und anderer Infrastruktur zu sorgen. Deshalb wird die Einwohnerzahl von 100.000 wohl offiziell nie überschritten werden.

Riesiges Chaos

De facto sieht das natürlich anders aus. Die Rocinha ist riesig. Auch für das Laienauge ist leicht zu erkennen, dass die Einwohnerzahl mindestens bei dem Doppelten der offiziellen 100.000 liegen muss. Viele sprechen sogar von der doppelten Zahl Menschen. Auf Wasser und Strom brauchen sie meist nicht zu verzichten. Man holt es sich einfach. „Katze“ nennt man diese abenteuerlichen Knotenpunkte. Illegal abgezapfte Strom- und Wasserleitungen sind der Standard. Von einem Strommast gehen manchmal hunderte dünne Kabel ab, verschwinden in einem Gewirr, dass in alle Himmelsrichtungen davonwächst und irgendwann in irgendeiner Wand der bunten Häuschen verschwindet.

Santa Marta. Vorzeigefavela mit nach wie vor großen Problemen.

Das mit der zunehmenden Gewalt in Rio ist so eine Sache. Manchmal diffus, eher Richtung gefühlte Wahrheit gehend, selten hart belegbar. Zumal man unterscheiden muss. Auswärtige und Besucher begegnen in aller Regel nur der klassischen Straßengewalt: Taschendiebstähle oder Raubüberfälle. Weitaus schlimmer ist aber das, wovon Touristen und Expats normalerweise wenig bis gar nicht konfrontiert werden: Die Bandenkriminalität in den Favelas der Stadt. Und die hat in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Bzw. deren Wahrnehmung ist nun stärker. Auch schon während der Olympischen Spiele starb an jedem Wettkampftag ein Mensch gewaltsam durch Waffen. Nur ging das im Grundrauschen der Sportveranstaltung unter.

Gewalt ist nicht neu

Im Schnitt knapp 30 Morde auf 100.000 Einwohner – das ist der Durchschnitt in Brasilien. 28,9 sind es genau, die der Atlas der Gewalt 2017 ausweist. Rio, genauer der Bundesstaat Rio de Janeiro, liegt in etwa in diesem Schnitt. In Bundesstaaten im Norden des Landes liegt er teilweise deutlich höher, in Sergipe sogar fast doppelt so hoch. Auffällig, wenn man sich die Opferstatistiken genauer anschaut: Überproportional viele gewaltsam getötete sind männlich, relativ jung und schwarz.

Das tagging „CV“ zeigt,wer das Sagen hat. CV steht für Comando Vermelho.

Das hat unterschiedliche Gründe. Dem Bundesstaat Rio fehlt das Geld. Gespart wurde auch an der Polizeipräsenz. Polizisten überhalten über Monate kein Gehalt, Nachbarn spendeten den Polizeistationen Klopapier, für die Einsatzautos gab es keinen Sprit mehr. Die Polizei musste sich notgedrungen aus den Problemgebieten zurückziehen, die vor der WM und Olympia mit großem Aufwand durch das Programm UPP „befriedet“ worden waren. Es war ein trügerischer Frieden, wie sich jetzt herausstellt.

Die drei großen Drogenkartelle erobern sich vor und nach ihren Einflussbereich zurück. Außerdem sollen Kartelle aus Sao Paulo bei der Suche nach Expansionsmöglichkeiten Rio verstärkt ins Visier genommen haben und auf den Markt drängen, die schwache Position des Staats ausnutzend. Und der schaut eben teilweise tatenlos zu. Die Polizei ist aber auch Teil des Problems. Selbst in weiten Teilen korrupt, kassieren Polizisten bei den Drogenkartellen mit. Eine Dokumentation mit dem Titel „Helicoca“ beschrieb vor einigen Jahren recht anschaulich, wie selbst hochrangige Politiker vom Drogengeschäft partizipieren.

Favela-Touren arbeiten am Image

Vor einigen Monaten noch hatten wir, sogar mit den Kindern, die Favelas Rocinha und auch Santa Marta besucht. Santa Marta galt lange als Vorzeigefavela. Teilweise legalisierte Stromversorgung, ordentliche Infrastruktur (eine Zahnradbahn macht den Aufstieg für die Bewohner deutlich angenehmer). Natürlich: noch immer ist das Abwassersystem nicht geklärt. Regnet es, stürzen Wasser, Exkremente, Müll durch die offenen Betonrinnen talwärts. Auch die Müllentsorgung funktioniert nicht. Überall liegt Müll. Unser Guide erklärte uns, das habe damit zu tun, dass die Stadt Rio den Müll dort nicht einsammeln komme, nicht einsammeln wolle.

Aber: Eine sehr zentrale Lage. Santa Marta hatte begonnen, als Wohnquartier interessant zu werden. Prominente gingen ein und aus, während der WM besuchten Fußballer die Favela.

Zweifel bleiben

Großen Anteil daran hatte Michael Jackson. Er ließ sich 1995 mit dem Hubschrauber einfliegen, um dort Teile seines Videos zu „They don’t care about us zu drehen.“ Von diesem Ruhm zehrte die Santa Marta. Man errichtete dem King of Pop sogar eine Statue. Vor einigen Wochen baumelte um deren Nacken ein Schnellfeuergewehr. Das Zeichen war unmissverständlich: Die Traficantes haben wieder das Sagen.

Ähnliche Eindrücke sammelten wir in der Rocinha. Trotz der offensichtlichen Mängel und Probleme, versuchte uns unser Guide Zezinho einen positiven Eindruck zu vermitteln. Hier kann jeder, der sich darauf einlässt, nach seiner Facon glücklich werden. Dass die Versorgung mit Medizin und Bildung mangelhaft ist, hygienische Probleme bestehen – ja, das sei zwar schon richtig, aber trotzdem sei die Rocinha ein lebenswerter Kiez. Es fiel mir irgendwie schwer zu glauben, obwohl ich für eine gewisse Sozialromantik durchaus eine Schwäche habe. Bei all dem darf man aber nicht außer Acht lassen, dass der Staat auf die Favelas prinzipiell keinen festen Zugriff hat. Für eine gewisse Ordnung dort sorgt das tonangebende Kartell. Ein gutes Stück weit sind die das Gesetz. Dennoch fühlte ich mich während der Tour nicht unsicher. Logisch: Die Guides kennen sich gut aus, wissen, wem sie unterwegs zu grüßen haben, damit die Gruppe unbehelligt bleibt.

Darum meine dringende Empfehlung an Rio-Reisende in nächster Zeit: Falls ihr eine Favela-Tour planen solltet: a.) die aktuelle Nachrichtenlage beobachten und b.) auf keinen Fall ohne Guide auf eigene Faust hineingehen. Egal, was Euch Bekannte sagen. Auch nicht im vergleichsweise hippen Vidigal. Es muss nichts passieren, aber zurzeit ist das Risiko deutlich erhöht. Momentan würde ich sogar eher ganz von solchen Touren abraten. Die Lage ist zurzeit einfach zu nervös dort.

Dort – und in sechs weiteren Favelas – nun ging es in der vergangenen Woche besonders hoch her. Es war immer wieder zu Feuergefechten gekommen. Am Freitag dann bat der Gouverneur Pezao das Militär um Hilfe. Die rückten dann mit knapp 1000 Soldaten an und versuchten, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Amerikanische Schule, in einem Tal gleich neben der Rocinha gelegen, hatte an jenem Freitag komplett geschlossen, in der Deutschen Schule – neben Santa Marta – musste der Unterricht vorübergehend unterbrochen werden.