Urlaub in der Heimat: Schön, anstrengend und aufwühlend

Hin, her, rein, raus – die letzten Wochen hatten es in sich: Drei Wochen Winterferien in Deutschland. Erster Heimatbesuch nach anderthalb Jahren. Ein Besuchsmarathon. Jetzt ist es wieder rum. Zurück in Rio kehrt langsam wieder Alltag ein. Doch was war das jetzt überhaupt?

Es begann schon kurios. Nach 11 Stunden Flug, 15 Stunden unterwegs und gefühlten drei Kilometern Fußmarsch und Laufbändern landeten wir an der Gepäckausgabe des Frankfurter Flughafens. Wiebke und die Kinder verschwinden kurz auf dem Klo. Und kommen mit Wiebkes Onkel Walter zurück. Der war just aus London angereist. Dass sie ihn getroffen haben: purer Zufall, denn normalerweise reist er nur mit Handgepäck.

Draußen dann großer Bahnhof: Die Großeltern, Nachbarin Inki – Luftballons, Umarmungen, Begrüßungsfoto. Es gibt eine Menge zu erzählen. So viel, dass wir zunächst das Auto im Parkhaus gar nicht mehr finden. Macht aber nichts, sind ja jetzt da.

Schlüssel rumdrehen und alles ist wie immer

Und zwar richtig. Will meinen: Nicht drei Wochen zu Besuch irgendwo, leben aus dem Koffer. Auch kein Hotel oder Ferienwohnung. Die nächsten drei Wochen wohnten wir wieder da, wo alles anfing. In unserem Häuschen in Frankfurt. Und schien Brasilien schon direkt nach der Ankunft weit weg und irgendwie irreal, sollte sich dieses Gefühl dadurch noch verstärken. Alles war so, wie wir es verlassen hatten. Als wären wir vorhin erst aus dem Haus gegangen und nicht am 29. Januar 2016. Alles wunderbar vertraut. Edgar verschwand sogleich im Spielzimmer. Aus dem CD-Player dudelte Norah Jones‘ CD „Feels like home“.

Zunächst schnell den Nachbar Bescheid geben: Wir sind wieder da. Wahrhaft Freudentränen gab es bei dem Nachbarn nebenan. Ein älterer Herr, etwas wackelig auf den Beinen, aber sonst noch sehr fit. Er hatte sich damals von uns mit den Worten verabschiedet: „Dann sehen wir uns wohl nicht mehr wieder.“ Zum Glück sollte er nicht Recht behalten.

Tage vergehen rasend schnell

Die nächsten Tage verlaufen immer nach dem selben Muster: Frühstück mit Croissant oder Brioche oder Laugengebäck. Arztbesuch am Vormittag, Kinder schnappen sich den Roller und verschwinden mit der Gang auf der Gass. Es ist wie auf dem Campingplatzurlaub. Ein Bündel fröhlich lärmender Kinder zieht durch die Nachbarschaft, erlebt Abenteuer. Erst bei Einbruch der Dunkelheit kehren sie müde und glücklich zurück.

Ella und Edgar genießen diese Freiheit. Eine Freiheit, die wir ihnen in Rio leider nicht zugestehen können. Kinder alleine auf der Straße herumtollen lassen? Undenkbar! Zum Bäcker schicken? Seid ihr lebensmüde? Das höchste der Gefühle an zugestandener Freiheit kann hier leider nur sein, vor dem Supermarkt zu warten, bis die Kinder drinnen die Brötchen geholt und bezahlt haben. Und selbst dann wird man teilweise noch schräg angeguckt.

Kindern geht Freiheit ein wenig ab

Plötzlich tut es mir ein bisschen weh zu sehen, dass wir etwas unterdrücken, was den Kindern so wichtig ist. Das fühlt sich nicht gut an. Zum Glück, beruhige ich mich, sind die Kinder noch sehr daran gewöhnt, gebracht oder abgeholt zu werden, oder dass man alles gemeinsam macht. So merken sie meist nicht, was ihnen fehlt. Mir fällt es nun aber umso deutlicher auf. Sicher: Ferien sind eine Ausnahmezustand. Lange Tage, ausschlafen, in den Tag hinein leben – das geht normalerweise ja auch nicht. So wie wir ja auch nicht täglich abends grillen, uns mit Freunden treffen, lange erzählend beisammen sitzen. Aber wir haben das alle sehr genossen.

Allen gerecht geworden? Hoffentlich

Eine Gefahr, die solch ein Besuch nach langer Zeit birgt: Man wird es kaum schaffen, alle zu treffen, die man gerne treffen würde. Richtig gerecht wird man vielen auch nicht. Der Terminplan sitzt ständig im Nacken. Besonders, wenn auch noch Ortswechsel zu berücksichtigen sind. Doch am Ende war ich doch erstaunt, wie viele Verwandte und Freunde wir dann doch noch treffen konnten. Hier mal alles ein Dankeschön für Eure Zeit und Euer Verständnis! Und sicher: So schön das ist, in Rio zu sein, Neues zu entdecken, 360 Tage im Jahr in Flipflops herumlaufen zu können – die drei Wochen Ferien haben mir persönlich ziemlich klar gemacht, wo wir hingehören.

Was in Deutschland so passiert, das können wir zurzeit ja nur aus der Ferne beobachten. Relativ oft schien mir, als würde dabei ein relativ düsteres Bild gezeichnet: Alles geht den Bach runter, Flüchtlingskrise, nicht mehr sicher und dieses blabla. Mir fiel vor allem eines auf: Wie aufgeräumt und sauber alles ist, ja, selbst Rödelheim mit seinen Schmuddeleckchen und Müllproblemchen kam mir da, verglichen mit dem, was man hier so sieht, sehr als heile Welt vor.

Blick auf gewohnte Umgebung ändert sich

Keine Sekunde habe ich daran gezweifelt, ob ich die Kinder alleine aus dem Haus flitzen lassen kann. Und keine Millisekunde fühlte ich mich in irgendeiner Form gefährdet, bedroht, oder sonst was. Drum meine Bitte: Lasst Euch von Menschen, die alles mies machen wollen und rein destruktiv unterwegs sind, das Ganze nicht kaputtreden. Das ist alles großer Bullshit und meilenweit von der Realität entfernt. Und lasst Euch bitte nicht das Heft des Handelns aus der Hand nehmen. Geht wählen und zeigt den Miesmachern wo der Hammer hängt. So, aber genug politisiert.

Doch alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei. In unserem Fall waren es sogar drei. Denn so viele Anläufe brauchte es, bis wir wirklich alle im Flieger zurück nach Rio saßen. Gedanklich hatte ich kurz damit gespielt: Wäre doch schön, wenn der Flug überbucht würde. Dann könnten wir uns in Ruhe noch mit Claudi und Tobi treffen, die einen Tag vor unserer Ankunft geheiratet hatten, voriges Jahr unser Haus gehütet hatten, ansonsten zurzeit aber in Ghana leben. Zwar war Tobi so nett, uns am Freitag, nachdem wir das Auto wieder bei Wiebkes Eltern abgestellt hatten, nach Bad Vilbel zu fahren, aber als richtiges Treffen kann das ja nicht gelten.

Ein zusätzlich geschenkter Ferientag

Wir waren schon relativ spät dran, als wir ans Gate C15 kamen. Kurz nach 21 Uhr, das Boarding würde um halb beginnen. Wiebkes Kollegin Claudia war schon da. „Wenn ihr noch hierbleiben wollt, könnten ihr zurücktreten“, sagte sie. „Vorhin wurde das ausgerufen.“ Wiebke und ich tauschten kurz Blicke aus, da stand sie auch schon am Schalter. Vier Zurücktreter wurden noch gesucht. Kurz drauf der erhobene Daumen. Perfekt! Entschädigung im Sack. Am nächsten Tag würden wir mit Claudi und Tobi in den Opel Zoo gehen können.

Ein geschenkter Ferientag, ganz ohne Verpflichtung war das. Wir waren ja quasi schon weg, hatten logischerweise keine Termine mehr. Die Sonne schien, wir waren frei und tiefenentspannt. Nach lecker Spareribs beim Rudolf in Kelkheim (ich hatte schon ein wenig bedauert, dass wir es dorthin nicht mehr geschafft hatten), setzte uns Tobi abends wieder am Flughafen ab. „Wenn ihr nochmal hier bleiben müsst, seid ihr morgen herzlich zur Taufe eingeladen“, gab er uns auf den Weg. Töchterchen Elisa war voriges Jahr in Frankfurt geboren worden. Der Grund, weshalb sie vorübergehend in unserem Haus gewohnt hatten.

Rücktritt, Teil 2 und ab zur Taufe

Wiebke muss montags wieder arbeiten, soviel stand fest. Nochmal verschieben ginge für sie also nicht. Sie würde fliegen müssen. Aber ich und die Kinder – warum nicht? Zumal es gestern geheißen hatte, der Samstagsflug sei ebenfalls überbucht. So war es dann auch. Wiebke flog ohne uns, wir zogen zur Abwechslung ins Hotel in Waldorf-Mörfelden. Es würde eine kurze Nacht werden, denn die Taufe sollte um 10 Uhr in Rödelheim beginnen. Wenn schon, denn schon.

Um 8.45 Uhr stehen wir sonntags am Bahnhof Rödelheim. Viel zu früh. Aber der Flughafen-Shuttle vom Hotel hatte nur noch um 7.15 Uhr drei Plätze frei. Die Nacht kaum gepennt – drei Mann in einem Doppelbett, das macht selbst mit zwei halben Portionen keinen richtigen Spaß. Keine Zahnbürste. Das T-Shirt nunmehr zum dritten Mal an. Aber zum Glück habe ich ja ein Deo.

Im dritten anlauf klappt es dann

Als wir abends zum dritten Mal am Flughafen vorfuhren, diesmal gebracht von Wiebkes Eltern, von denen wir uns eigentlich schon vor zwei Wochen verabschiedet hatten, als sie in Urlaub fuhren, dachte ich nur: Jetzt ist es gut. Nochmal verschieben? Nein, danke. Heute würden wir fliegen. Das traditionelle Vorabflugabendessen bei MCD, schnell ein Selfie für Wiebke: Wir kommen!

Etwas komisch war mir schon zumute. So weit weg, wie Rio diese drei Wochen für mich gewesen war, so nah war es nun schon wieder. Drei Wochen, eine Urlaubslänge hatten wir Normalität gelebt. Unsere deutsche Normalität. Nun sollte es für uns wieder zurückgehen, in unser anderes Zuhause. Wobei das Wort Zuhause für Rio schon irgendwie befremdlich klingt. Darf man das so sagen? Es hört sich fast an wie Verrat. Und an jenem Abend noch etwas mehr. „Wie fühlt es sich an, wieder da zu sein?“ hatte ich Wiebke am Nachmittag vorsichtig am Telefon gefragt. „Ungewohnt, aber nicht schlimm“, hatte sie geantwortet. Das beruhigte mich ein wenig.

Und plötzlich wieder alles so wie vorher

Flughäfen sind so ein Zwischenstadium. Schon weg, aber noch nicht da. Ich mag das Flair des Kommens und Gehens. Bedeutet es doch meist auch neue Erfahrungen und Eindrücke, die unmittelbar bevorstanden. Doch zunächst ein elfstündiger Flug. Die Kinder schliefen glücklicherweise ziemlich lange. Ein Segen. Schließlich würden wir gegen 5 Uhr früh ankommen. Ein langer Tag stand also bevor. Zur Schule mussten sie nicht, hätte sie natürlich, aber durch das Verschieben des Abflugs wurden die Ferien einen Tag länger.

Mit Mauro, unserem etatmäßigen Taxifahrer fuhren wir in den Sonnenaufgang hinein. Nun sind wir also wieder da. Und irgendwo bin ich auch froh drum. Froh, wieder hier zu sein. Froh, dass nach turbulenten Tagen wieder Ruhe und Normalität eintreten wird. Hoffentlich sind die Kinder nicht zu sehr durch den Wind, trauern nicht zu lange den tollen Ferientagen nach, auf die sie sich ja wochenlang vorher schon gefreut hatten. Halb Sieben sind wir in der Wohnung. Früh genug sogar, um Wiebke noch zu treffen. Aber eines steht auch fest: Wir freuen uns auch darauf, eines Tages wieder nach Rödelheim zurückzukehren!