Weingarage meets Brasilien

Wo soll ich das nun posten? Wie gehabt, auf www.roedelheimer.de , weil es ja ein Stadtteilfest ist? Oder vielleicht doch diesmal hier – denn irgendwie gehört das ja auch hier rein. Auch wenn der Spielort der Geschichte nicht die kleine Wohnung im achten Stock eines Wohnhochhauses im Stadtteil Botafogo von Rio de Janeiro ist, sondern der Garagenvorplatz eines Reihenmittelhauses im Frankfurter Stadtteil Rödelheim. Dazwischen liegen knappe 10.000 Kilometer.

Doch irgendwie hat ja doch alles mit allem zu tun.

Denn im Grunde stand schon fest, als wir in den Flieger nach Rio stiegen, dass wir unseren Heimatbesuch nach Möglichkeit dazu nutzen wollten, eine „Zwischen-Weingarage“ zu feiern. Kein bloßes Lippenbekenntnis, leichtfertig daher gesagt in der emotionalen Gefühlsduseligkeit eines bevorstehenden Abschieds. Also zwischen denen, die es vorher schon gegeben hatte – nämlich 4 2014/15 – und den vielen, die folgen werden, wenn wir wieder zurück sind von unserem Brasilienabenteuer.

Watt is’n Weingarage?

Da stellen wir uns mal janz dumm und blicken zurück. Irgendwann im Herbst 2014. Zwei Frankfurter Nachbarn, Andreas N. und Wolfgang Zimmermann, sitzen beim Feierabendbier zusammen. Nach dem vierten oder siebten spielen wir das, was man immer wieder spielt, wenn man im alkoholentspannter Atmosphäre beisammensitzt (jedenfalls bei uns ist das hin und wieder so): Wir spielten „was wäre wenn“. Wäre es nicht schön, einen kleinen Laden zu betreiben, in dem man gute Weine und andere Spezialitäten aus der Pfalz (der Heimat Wolfgangs) verkaufen würde. „Müsste doch gut gehen“, sagt der Nachbar – auch mit Blick auf die preislich aber nicht qualitativ in einer anderen Liga spielenden Rebensäfte aus dem Rheingau oder Rheinhessen.

Als früher einmal reger Kneipengänger hatte ich immer mal wieder (wenn Bier im Spiel war) Gefallen an der Idee gefunden, eine Gaststätte zu betreiben. Oder lieber noch ein Bistro mit Kulturprogramm, vielleicht sowas wie die Wunderbar in Höchst . Doch auch alkoholinduzierter Mut vermochte nie, die damit verbundenen enormen Risiken zu zerstreuen. So blieb es bei den Träumereien. Vielleicht auch besser so.

„Laden ist schlecht“, antwortete ich. „Du weißt nie, wie es läuft und du hast gleich Fixkosten wie eine Miete am Bein. Man müsste das irgendwie ambulant machen.“ Sich mit großen Investitionen in Vorleistung begeben, war nie meine Sache. Ich setzte immer auf organisches Wachstum. Etwa beim Blog. Das mag vielleicht auch erklären, weshalb diese nach wie vor nur ein Hobby sind.

„Vielleicht eine Art Garagenverkauf oder –ausschank.“ Aber auch dafür gäbe es sicher bürokratische Hürden, die weit über den Nutzen hinausgehen. Vielleicht könne man das einfach mit einem Fest verbinden, ein Nachbarschaftsfest in der ach so anonymen Großstadt Frankfurt. Wobei Rödelheim an sich eher einem Dorf ähnelt. Wichtig: Die Kosten müssen gedeckt sein, Investitionen vermieden. Bleibt was übrig, wird es gespendet. Für den Stadtteil. Und weil wir schon vorhin beim Garagenverkauf waren, nutzen wir doch den Ort, den wir nicht anmieten müssen: unsere Garage. Das war der Stadtschuss. Und weil wir nicht warten wollten, bis es wärmer wurde, feierten wir das erste Mal an einem 22. November bei 8 Grad Außentemperatur.

Offenbar fanden nicht alle die Idee dermaßen bekloppt genug, dass sie lieber zu Hause geblieben wären. Oder die Idee kam doch einigen so bekloppt vor, dass sie mal schauen wollten, wer die Typen sind, die auf dieses schmale Brett gekommen sind. Am Ende kamen vielleicht 80 Leute, die meisten kannten wir selbst nicht. Aber ihnen schien das Fest Spaß zu machen. Vielleicht auch, weil wir kein Verein sind, es keine Hemmschwelle gab und gibt. Gleiche unter Gleichen. Die Unkosten waren drin, das Experiment geglückt. Mit einigen der Gäste, die wir damals kennenlernten, sind wir inzwischen befreundet. Sie helfen wie selbstverständlich mit und – wer weiß – vielleicht kommen sie uns eines Tages in Rio besuchen. Schön wäre es jedenfalls.

Rührend geradezu war es, als Wolfgang einmal kurzfristig arbeitsmäßig nach Paris beordert wurde, am Morgen einer Weingarage. Das Fest musste aber nicht ausfallen. Hanitra und Sven sprangen ein. Sie gehören inzwischen Fest zum Team. Auch Jörn und Katrin aus Bad Vilbel helfen stets (von ihm sind ein Teil der Fotos, außerdem zeigte er kulinarische Virtuosität an der Saumagenbratpfanne. Im Hebst 2016 organisierten die Daheimgebliebenen eine Weingarage – inklusive einer Skype-Liveschalte nach Rio de Janeiro.

Immer eine andere Spezialität

Kulinarisch hatten wir uns stets eine andere Attraktion einfallen lassen. Diesmal naheliegend: Irgendwas mit Brasilien. Caipirinha? Besser nicht. Churrasco wäre zu aufwendig. Pao de Queijo gingen. Also ein paar Backmischungen in den Koffer und ab damit nach Rödelheim. Ein Flamengo-Trikot und ein Canga mit brasilianischer Fahne sollten das „Motto“ unterstreichen. Weingarage meets Brazil. Richtig vermischt wurden diese beiden Welten aber vor allem dadurch, dass unter den Gästen auch einige Leute waren, die wir tatsächlich erst vorab mit direkter Verbindung kennengelernt hatten (unsere Sprechlehrerin Michele), oder tatsächlich dort kennenlernten, obwohl sie eigentlich aus Frankfurt und Wiesbaden stammen, wo wir uns zuvor nicht über die Füße gelaufen waren.

So wurde die Weingarage für uns zur großen Wiedersehensparty, bei der ein Großteil der Arbeit an Wolfgang und den anderen fleißigen Helfern (Hanitra, Jörn, Markus, Jeanette, die Kinder, die Flyer verteilten und mit Kreide Wegweiser im ganzen Stadtteil malten) hängen blieb. Denn viele wollten nun einmal wissen, wie es denn so ist, da in Brasilien. Und darüber kann man natürlich abend- und blogfüllend berichten.

Danke auch an die Combo „Corduroy“ aus Rödelheim für ihren tollen musikalischen Support der Veranstaltung – das hat einfach perfekt gepasst. Und das schönste: Es hat sich angefühlt wie immer: Einfach schön!