Petrópolis: Bratwurst, Bier und Blasmusik beim Bauernfest

Was ist typisch deutsch? Nein, keine Angst, ich werde hier jetzt keine Leitkulturdebatte vom Zaun brechen. Aber gewisse Vorstellungen davon scheinen ja in der Welt zu existieren. Und vielleicht sieht der Bewohner Deutschlands das auch ein kleines Bisschen anders, als der Rest der Welt. Aber wer hat dann Recht? Der, der sich in irgendeiner Weise selbst sehen will, oder das vermeintliche Spiegelbild, dass er abzugeben scheint?

In der brasilianischen Stadt Petrópolis hat man auch so seine Vorstellungen des Deutschseins. Immerhin sind die Menschen dort in gewisser Weise Experten: Ein Teil der heute gut 300.000 Bewohner stammt tatsächlich von Deutschen ab. Aber das ist schon rund 160 Jahre her. Doch gefeiert werden diese Wurzeln noch immer. Beim alljährlichen Bauernfest.

Das Bauernfest hieß früher mal Siedlerfest. Bis in die 80er-Jahre hinein. Warum Siedlerfest? Zur Erinnerung an die Siedler aus Deutschland, vornehmlich aus dem Hunsrück und Rheinhessen, aus Orten wie Kastellaun, Bingen, Ingelheim, Wörrstadt. Orte, nach denen heute noch in Petrópolis Stadtteile benannt sind.

Dem Kaiser war es zu heiß in Rio

Geholt hatte sie seinerzeit der brasilianische Kaiser persönlich. Tatsächlich, Brasilien hatte mal einen Kaiser. Dom Pedro II, hieß er, Sohn des vor den Briten geflüchteten Dom Pedro I. Pedro II wurde in Brasilien geboren, stand schon als Kind als Thronfolger fest. Doch dem Monarchen, der als sehr gebildet galt und von dem einige noch heute sagen, dass Brasilien unter seiner Regentschaft seine größte Blüte erlebte, war es auf Dauer zu heiß im tropischen Rio de Janeiro. Also suchte er nach etwas Kühle im Sommer und fand eine Fazenda in den Bergen auf rund 800 Meter. An dieser Stelle sollte die Sommerresidenz des Monarchen entstehen, Petrópolis.

Ingenieure waren zu jener Zeit rar. Doch ein gebürtiger Mainzer, ein gewisser Julius Friedrich Koeler hatte sich in Brasilien bereits einen Namen gemacht, als Konstrukteur von Brücken, Straßen, Infrastruktur. Ihn engagierte der Kaiser und beauftragte ihn, eine Sommerresident mit umliegender Stadt zu planen. Einzige Bedingung: Die Stadt müsse auch in den Monaten, in denen der Kaiser drunten in Rio weilt, lebensfähig sein.

Hilfe aus Mainz und Rheinhessen

Beinahe genauso rar wie gute Ingenieure waren schon damals Fachkräfte, die Koeler für den Bau der Stadt, aber eben auch für andere Dinge brauchte, wenn die Stadt funktionieren sollten: Landwirte, Handwerker, Bauarbeiter. Die fand er, bzw. eine Firma, die er dafür beauftragte, im besagten Hunsrück und Rheinhessen. Zu jener Zeit karge Landstriche. Sie waren, wenn man so will, auch eine Art Wirtschaftsflüchtlinge.

So machten sich in den 1840er-Jahren gut 2000 Menschen in Segelschiffen auf die lange Reise über den Atlantik, in die neue, tropische Welt. Und sie schufen die Stadt Petrópolis. Welch geballtes Knowhow da aus dem alten Europa kam, verdeutlicht dies: Petrópolis wurde schnell zum Zentrum der brasilianischen Textilindustrie, außerdem entstand dort die erste Brauerei Brasiliens: Bohemia, die Fabrik steht noch heute. Die erste Textilfabrik auch, ist aber seit einiger Zeit zum Parkhaus umgebaut. Ist wohl lukrativer inzwischen.

Aus dem Siedler- wurde das Bauernfest

Nachfahren jener Siedler leben noch heute in Petrópolis. Einige von ihnen gründeten den Clube 29 de Junho, Club des 29. Junis. Der Name erinnert an den Tag, an dem die ersten angeworbenen Arbeitskräfte Petrópolis erreichten. Ein Mensch namens Bauer machte sich in der jüngeren Vergangenheit um die Siedlergeschichte verdient, indem er eine Chronik schrieb in der die Namen aller Siedler aufgeführt sind. Ihm zu Ehren wurde aus dem Siedler- das Bauernfest. Und irgendwie passt der Name ja auch.

Hoppsa.

Eine Woche lang ist dann auf dem Platz, der interessanterweise Koblenz genannt wird, und auf dem ein gläserner Kristallpalast steht, Halligalli angesagt. Den Eingang zum Festgelände bildet ein nachgebauter Torbogen, der an eine mittelalterliche Burg erinnert. Klar, Rheinromantik – Mittelrheintal, Loreley, Burgen, Schlösser, Weck, Worscht und Woi. Und der Stand mit „Rheinland-Pfälzischen“ Dingen war gar nicht weit. Gleich an der dritten oder vierten Fachwerkhütte, gleich nach dem Haus, das unübersehbar mit Glühwein und Apfelstrudel wirbt. Es hat was von Weihnachtsmarkt. Gut, es ist Winter, mit 23 Grad zwar, aber gut.

Schwarz, rot, gold – überall

Was mir als Deutschem direkt auffällig: Überall ist die Stadt schwarz, rot und gold geschmückt. Läden haben so ihre Auslagen dekoriert, Laternen sind von oben bis unten mit Krepppapier eingewickelt. Girlanden, Fahnen – alles voll. Ja, ich habe Probleme mit meinem Nationalstolz, bzw. mehr mit der Tatsache, dass ich ihn niemals so plakativ durch ein Fahnenmeer ausdrücken würde. Mir war und ist das immer fremd. Hier wirkt es eher kurios – immerhin befinden wir uns rund 10.000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt. Vielleicht sollte man er eher als Kompliment verstehen und als aufrechte Sympathie.

Das Herz des Festes schlägt auf dem Platz Koblenz. Hütten rundherum, dazu an jedem Ende eine Bühne und im Glaspalast auch noch eine. Auf der Bühne rechts ertönen Volksmusikalische Klänge. Dazu führen pausbackige Kinder in Trachten altertümliche Tänze auf. Gut. Sie scheinen Spaß zu haben daran. Der Platz ist übrigens rappelvoll. Auch vor der Bühne, das wundert mich schon ein Bisschen. Aber die Darbietungen scheinen zu gefallen.

Ah, zur Rechten die erste Freßbude. Die Metzgerei Berna ist mir ein Begriff inzwischen. Scheint irgendetwas Deutsches zu sein. Jedenfalls machen sie gute Bratwürste – die gab es voriges Jahr beim Schulfest. Und mit etwas Glück findet man sie auch in dem einen oder anderen Supermarkt in Rio. Später werden wir dort Frikadellen, Bratwurst mit Kartoffelsalat und Eisbein kaufen. Letzteres nur, weil mit Ricardo schon auf der Hinfahrt von Eisbein vorschwärmte und ich zugeben musste, dass ich es noch nie gegessen hatte. Toller Deutscher, echt.

Liechtensteiner Polka mit Samba-Einschlag

Aus dem Glaspalast tönt Blasmusik herüber. Auf der Bühne dort steht die „Bauernband“. Ein rundes Dutzend Brasilianer in Kniebundhosen und Trachtenhemd, selbstverständlich mit einer Art Tirolerhut auf dem Kopf. Recht schmissig schmettern sie die „Liechtensteiner Polka“ und ein wenig habe ich den Eindruck, dass sich in den Takt eine guter Schuss Offbeat eingeschlichen hat – typisch für den Samba. Klingt deutlich frischer als das Original. Wir bleiben stehen und hören das Lied zu Ende.

Chic.

Die Tische sind längst voll. Eine ganze Reihe Besucher trägt ebenfalls diese Tirolerhüte, jedoch nicht aus Loden, sondern aus Filz. Es gibt sie in rot, schwarz und grün. Auch Kniebundhosen in Form bayrischer Krachledernen erkennt man hier und da. Weitaus mehr Besucher haben jedoch eine schwarz-rot-goldenes Band um den Körper. Ich zucke zusammen. Das sieht aus wie die Coleur bei Studentenverbindungen. Doch stopp, alles ganz harmlos: Am Ende ist ein Bierkrug befestigt. Sehr praktisch. Ob ich mir vielleicht einen kaufen sollte, wäre doch ein hübsches Souvenir.

Ricardo und ich stehen an, um Bons für das Bier zu kaufen. Sehr deutsch, Bons kaufen! Da die Schlange länger ist, unterhalten wir uns. „Und, ist das wie ein typisches deutsches Fest?“ will Ricardo wissen und schaut mich erwartungsvoll an. Er scheint mit Zustimmung zu rechnen.

Sieht so ein deutsches Fest aus?

Ich überlege, wann ich das letzte Mal ein Fest mit einer Trachtentanzdarbietung besucht habe. Im Grunde noch nie. Vielleicht am ehesten noch als freier Mitarbeiter früher bei der Zeitung. Seniorennachmittage, Männergesangvereine, an sowas erinnert mich das hier. Aber solche Fest gibt es ja durchaus – nur fühlte ich mich nie als Zielgruppe und geht deshalb auch nicht hin. Ich versuche es diplomatisch. „Das Essen ist wie bei einem echten deutschen Fest und natürlich auch, dass so viel Bier getrunken wird.“ Das scheint ihm als Antwort zu genügen. Denn ich muss zugeben: Auf dem Oktoberfest war ich ebenso noch nie, wie auf dem Cannstatter Wasen, der Dippemess in Frankfurt oder dem Darmstädter Heinerfest. Ich glaube, ich bin da einfach nicht repräsentativ.

Beim Bier ist man up to date: Craft beer gibt es, soweit das Auge reicht. Kölsch, IPAs, Stouts – alles von kleinen Brauereien direkt aus Petrópolis. Scheint ja doch etwas mehr hängen geblieben zu sein von der alten Brautradition Brasilien, die hier begann.

Wir verlassen das Fest am späten Nachmittag, während nun wahre Besucherströme in Richtung des bereits sehr gut gefüllten Festgeländes bewegen. Lange Schlangen an den Dixi-Klos, Bier, Bratwurst, Blasmusik. Ja, irgendwie war das doch ziemlich deutsch. Und etwas Gutes hatte es auch: So blieb uns die sonst übliche Beschallung mit Helene Fischer und Konsorten erspart. Und für typisch deutsch fehlten mir auch das übliche Herumgeprolle, Kloppereien und besinnungslos besoffen in der Gosse liegende Minderjährige.