Sprache: Wie aus der Barriere ein Sprungbrett wurde

Da steckte schon ein wenig Erleichterung mit drin, als Wiebke neulich sagte: „Ich habe das Gefühl, jetzt habe ich meine Ella wieder.“ Mit diesem Satz brachte sie zugleich eine Entwicklung auf den Punkt. Als wir kamen, sprach die Kinder null Portugiesisch. Inzwischen beherrschen die Kinder die Sprache gut genug, um damit ganz selbstverständlich zu kommunizieren. Es war auf der Pferderennbahn, als der Satz fiel.

Beim Fachsimpeln.

„Ach, ihr werdet sehen, die Kinder machen das mit Links“ oder „och, Kinder lernen das ganz schnell.“ Das waren Sätze, die uns so ziemlich jeder mit auf den Weg gegeben hatte. Nicht, dass unter den Ratschlagenden viele Menschen gewesen wären, die aus Erfahrung berichten konnten. Es scheint eher eine dieser gefühlten Wahrheiten zu sein. Aber es muss doch so sein, Kinder lernen doch schnell. Tun sie, aber man eben en passant die gewohnte Umgebung verlassen, vieles zurücklassen, die Stadt, das Land, den Kontinent. Anderes Klima, anderes Essen, alles laut, anders, fremd. Eingeschult werden in der Fremde auf einer Schule, dessen offizielle Sprache zwar auch das Deutsch ist, auf dem Schulhof aber zu 99,9 Prozent Portugiesisch gesprochen wird – das steckt man dann vielleicht doch nicht so einfach weg.

Inzwischen, das gebe ich zu, reagiere ich sogar einigermaßen allergisch auf diese Sätze. Sie kommen bei mir in der Reihenfolge der meistgehassten Sätze. Die Top drei bisher stammten aus der Zeit, als die beiden noch ganz klein waren und im Kinderwagen durch den Stadtteil geschoben wurden. Der Zwillingswagen war kaum zu verfehlen. Fast jeder blieb ungefragt stehen. Gespräche gingen dann fast immer so:

 

 

Oh, zwei?

Ja (Nach einiger Zeit waren mir einige tolle pampige Antworten eingefallen, die man bei dieser Gelegenheit hätte abgeben können).

Zwillinge?

Richtig (Du Brain!)

Junge und Mädchen?

Ja (gut, der eine Strampler ist rot der andere blau – Glückwusch Sherlock).

Nein, echt?

Ja, echt (nein, ich verarsche Sie gerade).

Perfekt!! Mensch, da haben Sie aber Glück gehabt, gleich alles auf einen Aufwasch!

(Haben Sie eine Ahnung, was das für eine Arbeit ist?) Stimmt.

Sind die eineiig?

Nein, zweieiig (sonst wären sie wohl kaum ein Junge und ein Mädchen, Sie Genetik-Genie. Das hatte ja selbst ich auf Anhieb geschnallt, obwohl ich seinerzeit in der Klausur bei Frau Füssel eine glatte Sechs geschrieben hatte).

Wie heißen sie denn?

So, ich muss dann mal weiter, die Windeln sind fast alle.

Irgendwann ist mal gut

Anfangs freut man sich ja wirklich über die große Anteilnahme. Nach dem 100. Gespräch nach oben stehendem Muster beginnt es aber halt zu nerven. Das ist jetzt vielleicht auch ein wenig ungerecht gegenüber den Anteilnehmenden, kann ja keiner was dafür, erst als 95. Oder 96. zu fragen und nicht als Vierter oder Fünfter – aber irgendwann ist gut.

Und kurz hinter einigen der soeben zitierten Sätze rangieren also nun Bemerkungen über die vermeintlich positiv verlaufende Lernkurve beim Zweitsprachenerwerb von Kindern in einer fremdsprachlichen Umgebung.

Aber gerade für Ella, die kistenweise Bücher verschlingt, deren Wesen es einfach ist, sich verbal zu äußern, war das natürlich ein enormer Rückschritt. Sicher, erste kleine Erfolge stellten sich bald ein. Aber ich muss zugeben, sie taten sich doch schwerer als gedacht.

Zum einen waren sie die einzigen wirklich deutschen Muttersprachler in ihrer Klasse. Für eine deutsche Schule zwar etwas dünn, lässt sich aber nicht ändern. Das Deutsch der anderen Kinder war mehr oder weniger stark ausgeprägt, so dass eben überwiegend, wenn nicht gerade der Unterricht Deutsch erfordert, Portugiesisch gesprochen wird. Und das lässt sich eben auch als Ausschlusskriterium bei kleinen Zickenkämpfen trefflich nutzen: „Du kannst nicht mitspielen, du sprichst nicht gut genug Portugiesisch“ bekam speziell Ella ein ums andere Mal zu hören. Witzigerweise zu einem Zeitpunkt, als es mit der Sprachkenntnis steil bergauf ging und ich die Kinder fast schon über dem Berg wähnte. Aber hier ging es eben um Befindlichkeiten, nicht um Fakten.

Portugieisch ist nun auch nicht Englisch, also irgendwie weitläufig verwandt mit dem Deutschen. Viele Begriffe muss man einfach lernen, da lässt sich nix herleiten oder so. Auch mit meinem großen Latinum (wenn auch knapp bestanden) kam ich längst nicht so weit, wie anfangs erhofft. Da hatte auch mehr Fleiß während der sechseinhalb Lateinjahre nichts genützt, das ist Fakt.

Aha-Erlebnis in Argentinien

Keinerlei Berührungsängste mehr.

Unser erstes kleines Aha-Erlebnis hatten wir im Januar, als wir nach Argentinien reisten. Statt wie früher im Urlaub meist mit Englisch konfrontiert zu werden, hörten die Kinder Spanisch, was dem Portugiesischen nicht ganz unähnlich ist. Vergleichbar und etwas näher noch, wie das Niederländisch dem Deutschen. Plötzlich schnappten die Kinder brocken auf, reagierten, antworteten auf Portugiesisch. Die Argentinier, scheinbar selbst überrascht, dass die Gringos nicht mit Englisch oder Französisch kommen, lassen sich darauf ein, kommunizieren mit den Kindern munter in „Portunhol“ und bescheren den beiden ihren ersten großen fremdsprachlichen Durchbruch. Portugiesisch war nun nicht mehr nur die Sprache der Fremde, ein Drangsal, die lästige nichtsnutzige Pflicht zusätzlicher Unterrichtsstunden. Portugiesisch war mit einem Mal der Schlüssel zum „Sich-ausdrücken-können“, zum Verstanden-Werden, zum Austausch, zur Kommunikation. Die Kinder waren auf einmal in der Lage sich in einer ihnen völlig fremden Umgebung Gehör zu verschaffen. Atemberaubend.

Seit einiger Zeit pochen die Kinder auch wieder verstärkt darauf, sich mit Klassenkameraden nachmittags zum Spielen zu verabreden. Die Kinder kommen dann gleich von der Schule mit, essen mit uns zu Mittag. Anschließend, sind es Edgars Jungs, geht es zum Kicken runter in den Play. Ella bevorzugt das gemeinsam Kreative: basteln, malen, backen. Ich erinnere mich noch gut, wie sie mit Beatrice und Madelena im Bad verschwand, mit unserer Käsereibe und hinterher mehrere Flaschen selbstgemachter Flüssigseife dabei herauskamen. Das klappt alles ohne Probleme. Lustigerweise: Mal spricht Ella Portugiesisch, die Mädchen antworten auf Deutsch, mal umgekehrt, mal einsprachig in einer der beiden Sprachen. Ganz natürlich, wie es passt. Sprache ist keine Barriere mehr.

Kinder haben aufgeholt und überholt

Inzwischen ist es sogar so, dass mich, uns, die beiden mindestens mal eingeholt haben. Eigentlich komme ich gut klar, lese relativ viel auf Portugiesisch, tue mir nur mit dem Hörverständnis manchmal schwer. Einmal im Supermarkt, ich war mit Edgar dort, sprach mich ein Mann an. Ich hatte nicht damit gerechnet und ihn schlecht verstanden. Ich fragte nach. Noch einmal. „Papa, er will wissen, ob du weißt, wo die Marmelade steht“, half mir Edgar wie selbstverständlich auf die Sprünge. Ich fühlte mich kurz wie der Senior, dem etwas wacklig zumute ist, und sich deshalb kurz bei seinem kräftigen Sproß unterhaken muss – verbal natürlich. Da hat mit der siebenjährige Dreikäsehoch doch mal eben aus der Verlegenheit geholfen. In einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, in einer Situation, die über kindliche Spielsituationen weit hinausgeht. Ganz selbstverständlich dazu noch. Nach einem guten Jahr bloß. Als ich das realisiere, merkte ich, dass ich mit einem Mal ganz schön stolz auf den kleinen Mann da war. Während ich da so stehe und sinniere, geht für ihn das Leben längst weiter. „Papa kommst du, wir brauchen noch Nudeln.“

Nicht weniger Stolz war ich auf Ella, als sie auf der Pferderennbahn, ganz in ihrem Element, herumflitzte und egal, ob beim Wetten, oder bei den Jockeys neugierig Fragen stellte. Vorbei scheint die Zeit des Herumdrucksens, des Papi-mach-du-mal, des mit dem Finger auf etwas zeigen. Ihr gelang es sogar einen der Pferdepfleger zu becircen, sie doch kurz auf einem der Pferde aufsitzen zu lassen und mit ihr eine kurze Runde über den Ausreitplatz zu drehen.

Der Knoten ist geplatzt

Der Knoten, so scheint es, ist geplatzt. Dabei ist es beruhigend zu beobachten, dass die Kinder die zweifellos große Aufgabe zu meistern scheinen, die wir ihnen mit unserem Umzug nach Rio gestellt hatten, ohne daran zu verzweifeln oder gar zu scheitern. Aller Anfang war schwer, keine Frage. Und die ersten Monate waren, rückblickend, für die Kinder sprachlich einiges schwerer als gedacht. Darüber hinaus ist es aber wunderbar zu sehen, wie gestärkt und selbstbewusst die beiden aus dieser Aufgabe hervorgegangen sind. Wie Edgar jetzt schon beginnt, Fangesänge seines Lieblingsclubs Fluminense zu singen, oder versucht, tatsächlich die Sprachfärbung und den Dialekt der Cariocas nachzunahmen – war ihm auch schon richtig gut gelingt.

Es ist also doch eingetreten. Die Kinder haben die Sprache gelernt. Nur so easy, wie von vielen behauptet war es sicher nicht. Es war ein durchaus steiniger Weg, mitunter tränenreich, das will ich nicht verhehlen. Aber nun scheint alles gut.