Nach dem Fußballtraining nach Hause schwimmen

Selbst auf der Tribüne wird es nass.

„Nehmt einem Schirm mit, es sieht nach Regen aus“, gibt und Wiebke noch mit auf den Weg, als ich mit Edgar zu dessen Fußballtraining aufbrechen will. Wird bestimmt nicht so schlimm, denke ich – aus purer Faulheit, weil ich noch mal auf den Balkon müsste. Kleiner Trost für mich: Am Ende nützten auch die Schirme nichts. Doch der Reihe nach.

Wir schafften es noch eben so trockenen Fußes bis zum Clube Guanabara. Dort im hinteren Teil befindet sich die Academy des französischen Fußballclubs Paris St. Germain. Dort spielt Edgar seit Neuestem. Klingt jetzt groß, ist aber halb so wild. Es sind tatsächlich einige große europäische Clubs (PSG, Inter aber auch die örtlichen, etwa Flamengo) die sich in einer Art Franchise-System in den Sportstätten einkaufen, um dort Trainingsbetrieb anbieten zu können. Bei Inter, Engars vorherigem Club hatte dies Anfang des Jahres gewechselt. Ergebnis: Selbe Halle, selbe Kinder, selbe Trainer – andere Trikots. Klar, die kosten dann wieder.

Nun bin ich kein großer Trainingssachverständiger, aber nach Edgars erstem Training dort hatte ich das Gefühl, er sei dort besser aufgehoben. Er will ja nicht nur einfach pöhlen, er will ja richtig Fußballspielen lernen – Technik, Taktik alles das. Das bekommt er dort. Und die Gruppe ist kleiner, altersmäßig homogener. Auch im Hinblick auf die vorhandenen Fähigkeiten passt die Gruppe scheinbar besser zusammen. Einziger Nachteil, wie sich nun zeigte: Die Trainingsplätze sind nicht überdacht.

Neues Trikot. Regen? Egal!

Aber die Kinder sind ja nicht aus Zucker. Fritz-Walter-Wetter, gute deutsche Tradition, rumwutzen auf nassem Rasen, auch wenn es dort nur Kunstrasen ist – unter dem Trainingsplatz ist nämlich ein Parkhaus. Doch was dort am Dienstag so vom Himmel an Regen herunterkam, war schon, selbst für brasilianische Verhältnisse, extrem. Kurz vor vier ging es los. Ein heftiger Schauer, vergleichbar mit dem maximalen Niederschlag eines ausgewachsenen mitteleuropäischen Sommergewitters. Nur war der Schauer nicht nach einer Viertelstunde vorüber. Der Regen dauerte die ganzen zwei Stunden des Trainings an. Sechs Kinder und vier Trainer wuselten zwei Stunden im strömenden Regen. Immerhin: Bei Temperaturen von knapp 24 Grad bestand keine akute Erkältungsgefahr. Aber: Da kam richtig was runter, leckomio (Eine Vorstellung davon vermittelt dieses Video auf Instagram).

Wechselklamotten

Es war Zufall und Glück zugleich, dass ich für Edgar eine trockene Garnitur zum Wechseln dabei hatte. Vor Beginn des Training hatte er seine Spielkleidung vom Verein bekommen: dunkelblaues Shirt, weiße Shorts, dunkelblaue Stutzen. Pflichtkleidung beim Training. Edgar hatte sich schon drauf gefreut, trug sie zum ersten Mal mit Stolz. Nass? Egal. Ist doch nur Wasser! Weiterkicken.

18 Uhr das Training endet, der Regen nicht. Alex, ein Nachbarjunge, soll mit uns nach Hause gehen. Er hat nur eine Trainingsjacke mit kaputtem Reißverschluss zum Wechseln dabei. Gehen wir aber nun – auch mit Schirm – hinaus in den Regen, sind wir binnen Minuten durchnässt. Ich muss Zeit gewinnen – ich hab’s! Im Clubkomplex ist ein Restaurant. Wenn wir schon warten, gehen wir dort eben zum Abendessen. Danach wird der Regen doch mal nachgelassen haben, denke ich, hoffe ich. Denn für alles, was darüber hinaus geht, fehlen mir zu diesem Zeitpunkt noch die Ideen.

45 Minuten später. Essen fertig, es regnet noch immer. Weiter warten? Gleich 19 Uhr, die Kinder müssen ja auch noch duschen und irgendwann ins Bett. Morgen ist Schule. Taxi!

Taxi im Schritttempo

Das Restaurant liegt ungünstig, um von dort in unsere Straße zu gelangen. Der Taxifahrer macht das einzig Mögliche: durch den Tunnel hindurch, links nach Urca abbiegen und in großer Schleife Anlauf auf Botafogo nehmen. Im Schrittempo versteht sich. Nach 19 Uhr, Rush-Hour ohnehin, dazu überflutete Straßen – perfekte Zutaten für ein Verkehrschaos de luxe. Zu Fuß wären wir schneller. Doch wir sitzen trocken. Aber die Klimaanlage läuft. Kommt jetzt doch die Erkältung?

Wir schieben uns durch den hupenden Verkehr. Jeder will nach Hause, Fußgänger huschen über die Straße – vor, neben, hinter dem Taxi, Slalom zwischen ungeduldig wartenden Autos. Wir kommen kaum voran. Auch, weil der Taxifahrer erst viel zu spät fragt, welchen Abschnitt unserer Straße denn der richtige sei. Ich hatte es auch vergessen, es ihm vorab zu sagen.

Letzte Meter.

Jetzt ist meine Geduld dahin. Dann werden wir halt nass. Ich bitte ihn, ab der Kreuzung mit unserer Straße anzuhalten. Er steuert einen hohen Bordstein an, damit wir trocken an Land kommen. Wäre nicht nötig gewesen. Denn die Straße lässt sich nur watend überqueren. Auf der anderen Straßenseite sind meine Füße bis gut über die Knöchel nass. Klar, Schuhe, Socken, alles andere auch. Den Jungs ist es egal. In ihren Schuhen steht die Brühe eh. Brühe ist das richtige Stichwort. Wäre es nur Regenwasser, wäre ja alles gut.

Doch derartige Wassermassen spülen ja auch allerhand anderen unappetitlichen Unrat mit sich herum. Müll ist da noch das harmloseste. Später lese ich im Kurznachrichtendienst Twitter, dass im Stadtteil Jardim Botanico die Passagiere der Omnibusse nicht aussteigen durften, weil sich im dort fast hüfthohem Wasser auch giftige Schlangen befinden konnten. Es geht also immer noch ein wenig schlimmer.

Unsere Straße ist komplett geflutet. Von der einen Häuserwand zur anderen eine geschlossene Wasserdecke. Auf dem Gehweg 20 Zentimeter hoch. Einige Läden kennen das, sie haben kleine Spundwände an ihren Eingängen errichtet. Die hatte ich zuletzt bei einem großen Hochwasser in Mainz gesehen. Andere, wie unser Friseur, versucht mit dem Schrubber schneller zu sein als das Wasser, das unaufhörlich in seinen Laden drängt. Schöner Mist, denke ich, grüße schnell und wate weiter.

Nach 100 Meter sind wir am  Ziel. Ich schicke Alex in den Fahrstuhl, biege mit Edgar ab. Der rutscht auf dem seifigen Boden aus, schlägt auf, schreit. Auch das noch. Es sollte aber der letzte Vorfall bleiben. Wir hatten es geschafft. Im achten Stocksind wir vor den Fluten sicher.