10 Dinge, die in Brasilien einfach besser sind als anderswo

Ich stelle fest: Recht Politik-lastig war der Blog in letzter Zeit. Aber was sich hier so tut, ist tatsächlich filmreif. Um nicht zu vergessen, versuche ich dokumentarisch Schritt zu halten. Aber was man so mitbekommt, ist leider wenig erbaulich. Das drückt die Stimmung des Blogs ein wenig. Und: Der Zauber des Neuen ist inzwischen verflogen. Rio ist inzwischen Alltag.

Vieles ist anders, aber nicht alles ist schlechter. Darum nun hier die Dinge, die ich hier besser finde und die ich mir auch in Deutschland wünschen würde.

Seniorenfreundlichkeit

  • In den Bussen und Metros gibt es Sitze für Rentner, Behinderte, Schwangere. Bemerkenswert: Die Menschen halten sich daran. Steigt jemand ein, für den der Sitz bestimmt ist, stehen die Leute sofort auf und bieten den Sitzplatz an. Übrigens auch bei anderen Sitzen. Älteren Menschen wird diesbezüglich mehr Respekt entgegen gebracht. Für Frauen gibt es während der Stoßzeiten am Morgen und am Abend eigene Metroabteile. Die Abschnitte sind an den Bahnsteigen rosa markiert. Aber zurück zu den Alten. Für die gelten meist besondere Tarife (-50% im Maracana zum Beispiel). In Banken ziehen Senioren andere Nummern, haben einen eigenen Schalter. Im Supermarkt und in den Lottobuden, wo viele ihre Rechnungen bezahlen gehen, gibt es die „Fila preferencial“, die nur für Senioren gedacht ist.

Lieferservice im Supermarkt

  • Apropos Supermarkt. Ohne Auto kann das Einkaufen beschwerlich werden, wenn man die Lebensmittel anschließend nach Hause buckeln muss. Für ein geringes Entgelt bieten aber fast alle Supermärkte einen Lieferservice an – „Entrega“. Damit bekommt man die Einkäufe später direkt bis in die Wohnung geliefert. Viele Geschäfte bieten auch einen generellen Lieferservice an – ein Anruf genügt und die Apotheke, der Wassermann, die Eisdiele liefern ins Haus. Woher weiß man die Nummer? Ganz einfach: In jedem Laden gibt es an der Kasse ein Plastikkörbchen mit Visitenkarten, auf denen die Nummer draufsteht. Diese sind magnetisch und können am Kühlschrank befestigt werden.

Keine langen Bierschlangen

  • Geht man in Deutschland zum Fußballspiel muss man abwägen: Geht man kurz vor der Pause Bier holen, ist die Schlange am Kiosk vielleicht kürzer, man könnte aber Entscheidendes versäumen. Oder reiht man sich nach Abpfiff ein. Dann dauert es halt ewig. Solche Sorgen hat man in Brasilien nicht. Im Stadion laufen ambulante Verkäufer mit großen Styropor-Kühlboxen durch die Reihen und verkaufen das Bier am Platz. Ein Knochenjob. Aber angenehm für die Besucher. Und nicht mal teurer als am Kiosk. Sowieso: Bei Massenveranstaltungen, wie den Karnevalsblocos muss man auch selten lange nach Getränken suchen. In Heerscharen begleiten fliegende Händler die Feiermasse, haben immer bier im petto, sogar „estupidamente gelada“, bekloppt kalt. Viele der Händler decken sich Wochen vor den Festen mit Sonderangeboten der Supermarktketten ein. Oft reicht es, sich nur kurz umzudrehen, schon hat man einen Verkäufer im Blick.

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Restaurant: Kilopreis statt Überfressen

  • Bietet in Deutschland ein Restaurant Büffetkost an, bedeutet das meist: Zahle einen Preis, iss so viel du kannst. Wer also sparen und besonders auf seine Kosten kommen will, frisst bis zum Anschlag. Da lobe ich mir doch das Prinzip der brasilianischen „comida a quilo“ – „Essen im Kilo“. Hier muss keiner ein ganzes Kilo Futter verdrücken, keine Sorge. Die sogenannten Kilo-Restaurants bieten ebenfalls ein Büffet an. Für das Essen wird ein Kilopreis angesetzt. Das heißt: Man lädt sich auf den Teller, was man braucht. Anschließend wird der Teller nämlich gewogen und man bezahlt am Ende nur genau so viel, wie man tatsächlich gegessen hat. Wer will, kann nachholen- dazu wird die zweite Portion ebenso abgewogen und zur ersten hinzu addiert. Saubere Sache. Und niemand muss sich aus Geiz überfressen.

Rodizio mit Pizza oder Grillfleisch

  • Oder man geht zum Rodizio. Dort läuft es so: Für das Essen (Pizza oder häufiger noch Grillfleisch) wird ein Festpreis berechnet. In einer Büffettheke stehen die Beilagen parat: Salate, aber auch Reis, Bohnen, Pommes, Gemüse. Dann beginnt der „Rundlauf“, das „Rodizio“. Kellner kommen mit langen Messern und Metallspießen an den Tisch, bieten gegrilltes Fleisch an. Stimmt man zu, bekommt man eine Scheibe oder ein Stück abgeschnitten, das man sich mit einer großen Pinzette, eher Zange, auf einen separaten Teller legt. Die Reihenfolge ist meist so: Am Anfang kommt das einfachere Fleisch: Fette Würste, gegrillte Hühnerherzen. Mit jeder Runde wird das Fleisch tendenziell hochwertiger, bis man am Ende bei der „Picanha“, einem Tafelspitz mit breitem Fettrand, oder dem Filet Mignon landet – also am Anfang sollte man, auch wenn der Hunger groß ist, zurückhaltend sein.

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Bus und Metro zum Einheitspreis

  • ÖPNV. Der öffentliche Nahverkehr ist lange nicht so feinmaschig wie in vergleichbaren deutschen Ballungsgebieten. Dafür unkomplizierter. Man zahlt pro Fahrt mit dem Bus 3,80 Reais, etwas mehr als einen Euro. Egal wohin. Es gibt kein Wabensystem, keine innere und äußere Zone. Bei der Metro ist es ähnlich. Ist man durch das Drehkreuz, kann man theoretisch so lange hin und her fahren, wie man will, oder wieder durch das Drehkreuz hinausgeht. Für 4,30 Reais umgerechnet. Wer also weiter will, muss noch einen Bus dazu nehmen.
  • Dafür gibt es aber oft auch nur wenige Linien. Allerdings: Wer etwa hinaus will nach Barra da Tijuca – etwa zum Einkaufen in den zahlreichen Shoppingmalls – zahlt ebenfalls nur den Einheitspreis, bekommt dafür aber fast schon eine Langstrecke. Barra liegt 25 Kilometer weit draußen. Andererseits gibt es aber keine Ermäßigungen durch Wochen-, Monats- oder Jahreskarten. Und: Bedenkt man den Mindestlohn in Brasilien, zurzeit etwas über 800 Reais im Monat, relativiert das den Fahrpreis.
  • Was für uns Europäer günstig ist – in Frankfurt kostet zum Vergleich die Einzelfahrt im Stadtgebiet 2,90 Euro – ist für viele Arbeiter und kleine Angestellte, die aus den Randgebieten in die Innenstadt oder Südzone pendeln müssen, immer noch sehr teuer.

Shoppingerlebnis am Strand

  • Am Strand kriegt man alles. Eigentlich bräuchte man gar nichts mitzubringen. Im Fünf-Minuten-Takt laufen die Händler auf und ab, verkaufen vom Bikini über Strandtücher („Cangas“), Sonnenmilch, Sonnenbrillen und Hüte allerhand Kulinarisches: Vom Grillkäse mit Oregano (wird vor Deiner Nase gegrillt) über Garnelenspieße, Empanadas, Sandwiches bis eisgekühlte Getränke, Eistee, Bier, Caipirinha in mindestens fünf verschiedenen Geschmacksrichtungen. Das Schöne daran: Die Preise sind human, man hat nicht das Gefühl, selbst als Gringo, über den Tisch gezogen zu werden – wobei man bei der Caipirinha in jedem Falle etwas handeln sollte. Und: Die Händler sind nicht aufdringlich. Ein „Nein, danke“ wird verstanden und akzeptiert.

Bier, Kaffee und Kokoswasser

  • Ein Kollege pflegte zu sagen: „Bier und Kaffee sind die beiden besten Getränke.“ Grundsätzlich stimme ich zu, würde jedoch das „Agua de coco“, das Kokoswasser hinzuzählen – auch als „Coco gelado“, also „Kalte Kokosnuss“ bezeichnet. Gibt es an jeder Ecke, jeder Strandbaracke und auch im Supermarkt. Dort jedoch nur im Tetrapack. Es ist auf jeden Fall die frische Variante zu bevorzugen. In riesigen Kühltheken liegen die Kawänzmänner. Mit drei Machetenhieben schlägt der Verkäufer elegant und wagemutig zugleich eine Öffnung für den Strohhalm hinein. Je nach Grüße sind darin 250-400 ml Kokoswasser – gut durchgekühlt ein wirklicher Hochgenuss. Und gesund obendrein: Kalorienarm und hat einen Haufen Mineralien. Also am besten jeden Tag mindestens eine. Teuer sind die Dinger auch nicht. Je nach Lage des Verkaufsstands kosten sie 4-7 Reais, zwischen 1,30 und 2 Euro also.

Früchte, Früchte, Früchte

  • Da sollten wir vielleicht auch die anderen Früchte nicht unerwähnt lassen, die es hier zuhauf gibt: Ananas, süß,als kämen sie gleich aus der Dose. Mangos, Papayas, Melonen – eben das Obst, das in Brasilien das ganze Jahr über wächst. Ein Großteil der Papayas (die großen nennt man übrigens Mamao) sollen allerdings genverändert sein. Wer die Früchte lieber in Saftform mag, sollte eine der vielen Saftbars aufsuchen. Die findet man meist strategisch günstig an Straßenecken gelegen. Dort gibt es Säfte in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen. Einer meiner Favoriten: „Abacaxi com hortela“, Ananas mit Minze. Allerdings neigt der Brasilianer zum übermäßigen Zuckerkonsum, kippt sich gerne noch zusätzlichen Zucker in den ohnehin süßen Fruchtsaft. Teilweise auch ungefragt, weil er die Zustimmung des Kunden voraussetzt. Darum auf jeden vorher sagen, dass man keinen zusätzlichen Zucker wünscht („sem acucar, por favor“).

Rechnungen in der Lottobude zahlen

  • Wir verfügen aus praktischen Gründen über kein Girokonto bei einer brasilianischen Bank. Deshalb bezahlen wir die meisten Rechnungen tatsächlich in bar. Auch die Monatsgebühren, etwa für den Sport. Dazu muss man zwar das Geld erst bei einer Bank abheben. Bezahlen kann man aber ziemlich praktisch in jeder Lotto-Bude. Bis zu einem Rechnungsbetrag von 500 Reais ist das möglich. Abgesehen von der Miete deckt dieses Limit aber die meisten Dinge ab. Natürlich kann man auch zu einer Bank gehen. Dazu muss man aber jeweils die Bank des Empfängers kennen. Es könnte also sein, dass man zur drei oder vier verschiedenen Banken laufen müsste. Dort dann Nummer ziehen und warten ist zu umständlich und zeitraubend. Lieber gleich in die Lottobude gehen. Beträge, die über das Limit von 500 RS hinaus gehen, lassen sich bei den Banken übrigens gleich am Automaten einzahlen.