Sportwetten mit Stil: Im Jockey Clube von Rio de Janeiro

Das Leben ist voller Symbolik und hübscher Zufälle. Die Eröffnungsszene des Films „Jenseits der Morgenröte“ (Portugiesisch: Adeus, Europa – irgendwie passender. Toller Film, übrigens!) spielt im Jockey Clube Rio de Janeiro. Eine beeindruckende Pferderennbahn aus dem späten 19. Jahrhundert. Als ich mit Wiebke am Samstagabend den Film im örtlichen Kino anschaute, war ich kurz zuvor mit den Kindern von einem Ausflug aus eben jenem Jockey Clube zurückgekehrt.

Schon immer hatten wir einmal dorthin einen Ausflug machen wollen. Die Gebäude hatten uns von Anfang an fasziniert. Von Ellas Pferdefaible einmal ganz abgesehen. Nun war der Grope Preis von Brasilien in der ganzen Stadt plakatiert. Also nichts wie hin.

Die Wahl zum Galopper des Jahres in den 80er-Jahren (Orofino oder doch Acatenango?) und die Sportschau-Reportagen mit Adi Furler von der Trabrennbahn in Köln-Weidenpesch waren bisher die einzigen Male, dass ich irgendwie mit dem Pferdesport in Berührung gekommen wäre. Und es ist lange, lange her. Was würde uns also erwarten? Keine Ahnung.

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Eine Reise in eine komplett andere Welt wurde es. In das alte, vornehme, koloniale Brasilien – gepflegter Rasen, Kristallleuchter in der Wetthalle und jede Menge britisch anmutendes Flair überraschte die Kinder und mich. Und jede Menge Katzen! An jeder Ecke, auf den Stühlen in der Halle mit den Wettschaltern, auf den Holzsitzbänken der Tribüne. Überall lagen zufrieden zusammengerollte Katzen herum und ließen sich von dem zunehmenden Trubel um sie herum überhaupt nichts anmerken.

Ein Glück gibt es seit dem vergangenen Jahr keinen Krawattenzwang mehr. So durften wir rein. Andererseits auch schade. Etwas elegante Kleidung hätte perfekt zum Ambiente gepasst. Und an den alten Wetthasen, die über den Starttabellen brüteten, schien die Lockerung der Kleidungsordnung vorübergegangen zu sein. Kein Frack und Zylinder, dafür Hemd und Sakko, leicht verbeult und abgewetzt.

Im Halbstundentakt gehen die Pferde auf die Rasenbahn. Kurz vor dem offiziellen Stadttermin tritt ein Trompeter, gekleidet im roten Reitrock mit weißer Hose aus dem kleinen Uhrtürmchen heraus und bläst zum Start. Schlichte Gemüter wie mich erinnert das an die Attacken der konföderierten Armee in schlechten Westernfilmen oder das fröhliche Halali der Weidmänner.

Hinter der Tribüne gleiten die Jockeys auf die Pferde, die in Reihenfolge der Startnummer herangeführt werden. Witzig, dabei. Dass Jockeys klein und leicht sein müssen, war ja klar. Dass viele von ihnen nur einen halben Kopf größer sind als Ella und Edgar überraschte mich dann doch.

Es dauert drei bis vier Rennen, bis ich ansatzweise einen Schimmer entwickele, wie das mit dem Wetten funktionieren könnte. Am Eingang hatte man uns eine zeitungsgroße, eng bedruckte Liste in die Hand gedrückt. Sie sieht aus wie der Aktienteil der FAZ. Und ähnlich schwer zu lesen ist sie auch. Neben dem Pferd, dem Jockey, Gewicht, Besitzer und einigen anderen Angaben finden sich darauf auch ein paar Angaben zu irgendwelchen Platzierungen in anderen Rennen – vermutlich irgendwelchen vorangegangenen.

Alles auf „Ordinary Love“

Ordinary Love“, so der Name eines Pferdes, erscheint mir sympathisch und – nach dem was ich aus der Tabelle zu verstehen glaube – auch einigermaßen aussichtsreich auf den Rennsieg zu sein. Ich entschließe mich, 2 (!) Reais zu riskieren. Auf Sieg. Also nicht „alles auf Horst“, wie im Film-Klassiker Bang Boom Bäng – Horst war auch keiner dabei – dafür halt eine sehr überschaubare Summe auf „Ordinary Love“. Der Trompeter bläst, die Jockeys hüpfen auf die Pferde. Ich muss auf die Nummer 7 achten. Weißes Jersey mit blau-rotem Brustring. Das Tier wird austrainiert aber ein wenig nervös. Ich schließe auf positive Anspannung. „Ordinary Love ist heiß wie Frittenfett“, flüstere ich Edgar zu, der nicht so recht zu verstehen scheint. Macht nichts. Das ist die Pferdewettsprache. Ich bin voll in meinem Element – habe nur Spaß gemacht. Ganz ehrlich: Es hätte auch jedes andere der 10 Pferde sein können.

Aber dann hätte ich ja heute nicht diese schier unglaubliche Erfolgsquote: 100 Prozent! Mit gut zwei Längen Vorsprung hetzt „Ordinary Love“ vor uns über die Zielgerade. Um mich herum brandet Jubel auf. Ein Geheimtipp war der wohl nicht gerade. Die Kinder reißen mir den Tippzettel aus der Hand und stürzen zum Wettschalter: Zahltag! Champagner für alle, oder so ähnlich. Die Quote war eher mickrig 1,5 für 1 – das ist ungefähr so, als würde man auf einen Heimsieg des FC Bayern gegen Darmstadt 98 tippen. Jede Straßenüberquerung zu Fuß in Rio birgt ein höheres Risiko. Ich bin froh, dass ich das vorhin mit dem Champagner nur gedacht hatte. Für meine 2 Reais Einsatz bekomme ich 5 zurück. Gut, hätte ich nun statt 2 eher 2000…ach, vergessen wir das. Sollte ja nur ein Spaß gewesen sein. Es wäre eine gute Gelegenheit, die Wettkarriere nun für beendet zu erklären.Doch anders als bei Fußballwetten hat das hier Stil.

Keine Pornowerbung in der Halbwelt

Doch dafür muss man sich nicht durch dubiose Internetseiten mit Porno-Bannerwerbung klicken, bei denen man immer Angst haben muss, dass sich der Rechner beim kleinsten Fehlklick einen tödlichen Virus einfängt. Man muss auch nicht in irgendwelche schmierigen Läden in die Halbwelt begeben, deren Scheiben verklebt sind und in denen jeden Tag sie selben Typen mit Tränensäcken und Reval-Zigarettenschachteln vor sich auf die Plasmafernseher glotzen, auf denen unterschiedliche Sportprogramme flimmern.

Spaß hat es tatsächlich gemacht, auf der Pferderennbahn. Premiere mit 43, aber nicht zu alt für das Debüt. Und noch mal 43 Jahre wird es nicht dauern, bis wir mal wieder dort reinschauen. Alleine schon des Ambientes wegen.