Permanente Angst nagt an der Seele der Cariocas

Kommt man dieser Tage mit einem Carioca ins Gespräch, verläuft dieses oft so: „Hast Du in der Zeitung gelesen, da habe sie vorgestern vier Touristen auf dem Spazierweg hinauf zum Cristo überfallen!“

„Echt, huch, da bin ich ja auch schon hochgelaufen. Da habe ich aber Glück gehabt.“

„Mit einer Waffe wurden vier Männer, vier! Männer!, ausgeraubt. Sie mussten sich auf den Boden legen und Geld und Handys rausrücken.“

„Gut, auf dem Weg sind natürlich auch viele Touristen unterwegs. Wäre ich ein Dieb, ich würde mir auch eine solche Stelle suchen – aber beim letzten Mal war Polizei auf dem Weg zu sehen.“

„Ach, hör auf mit der Polizei! Die sind doch selbst korrupt oder die bekommen kein Geld. Es wird immer schlimmer.“

„Also mir ist noch nichts passiert und unsicher fühle ich mich auch nicht.“

„Da hast Du Glück gehabt, also meiner Nachbarin da ist neulich…“

Das Gespräch ließe sich beliebig fortführen. Nach der Nachbarin, wäre wahrscheinlich noch die Schwester, der Onkel und weitere Verwandte aufgeführt worden, die alle bereits schlechte Erfahrungen mit Gewalt und Überfällen machen mussten. Auch wenn die Vorfälle bereits Jahrzehnte zurückliegen. So etwas vergisst der Carioca nicht.

Ich fühle mich nach solchen Gesprächen immer naiv und arglos. Sollte ich bisher einfach nur unverschämtes Glück gehabt haben, nie auch nur ansatzweise in eine Gefahrensituation gelaufen sein? Oder habe ich diese schlicht nicht erkannt? Oder instinktiv und unbewusst richtig gehandelt, um die Situation, ohne dass sie mir bewusst geworden wäre, so umschifft? Den Weg zum Cristo bin ich jedenfalls schon einige Male hinaufgelaufen. Alles tranquilo, nie was gewesen.

Arglos oder paranoid?

Manchmal beschleicht mich aber auch der Verdacht, dass nicht meine Arglosigkeit das Problem ist, sondern eine von Generation zu Generation weitergegebene, sich echoartig wiederholende und sich verstärkende Paranoia, die zwar im Grundsatz noch nachvollziehbar erscheint, im täglichen Leben – Kriminalitätsstatistiken hin oder her – ein wenig über die Wirklichkeit hinausschießt. Wer mantra-artig immer und immer wieder über die potenzielle Gefahrenlage spricht, glaubt am Ende selbst dran. Letztlich tun die Populisten wie Trump oder die in Europa doch auch nichts anderes: Dinge werden übertrieben, verzerrt dargestellt oder gleich erfunden und so oft wiederholt, bis sie den Menschen bekannt vorkommen und am Ende kaum noch von Wirklichkeit zu unterscheiden sind. Nur: Hier sind es die Cariocas selbst, die sich und anderen diese Dinge immer wieder unter die Nase reiben.

Die Frage, die sich mir daraus stellt: Warum tun sie das? Was scheint so toll daran, sich immer und immer wieder in diesen Nachrichten zu suhlen? Die logische Konsequent daraus müsste doch sein, sie versuchten so schnell wie möglich die Stadt zu verlassen und irgendwo einen sichereren Ort zu finden. Tut aber niemand, außer am Wochenende vielleicht. Cariocas lieben Rio und kämen nicht einmal nach 15 Caipirinhas auf die Idee, ihrer cidade maravilhosa den Rücken zu kehren.

Don’t feed the Gruselmonster

Der chaotische Verkehr erscheint mir als die weit größere Gefahr.

Vielleicht ist es wie bei Gruselfilmen: Man schaut sie sich an, obwohl man weiß, dass man sich bald zu Tode erschrecken wird und womöglich anschließend schlecht schlafen wird. Nur anders als beim Gruselfilm schaltet sich hier am Ende nichts ab. Der Unterschied beim Gruselfilm ist, dass er freiwillig geschaut wird, und der gruselschauer auch mal etwas nettes sein kann. Wer mag, oder besser muss, lebt hier jedoch in seinem eigenen Gruselfilm – tagein tagaus. Futter für das Gruselmonster in einem gibt es genug,wenn man es finden will. Viele Cariocas können einfach nicht anders.

Die Saat wird früh gelegt. Neulich waren zwei Klassenkameradinnen bei uns zu Gast. Sie mussten, statt wie gewohnt mit dem Van bis vor die Haustüre kutschiert zu werden, zu Fuß mit bis zu uns laufen. Verkrampft klammerten sich die beiden aneinander fest, erzählten sich an jeder Straßenecke Geschichten von Dieben und Überfällen. Geschichten, die sie aufgeschnappt haben, vielleicht von den Eltern, vielleicht von Mitschülern – jeder Carioca kennt irgendjemanden, dem irgendwann und so weiter und so fort. Wieviel Wahrheit letztlich drinsteckt?

Andere Dinge werden zu Gefahren „hochsterilisiert“, wie Stefan Effenberg sagen würde. Die Kinder alleine hinunter in den Play (Hof) schicken? Wenn einige Eltern das wüssten, wäre es vorbei. Ich denke mir: Drumherum ist eine Mauer, selbst ein Bademeister sitzt sich dort den ganzen Tag den Hintern platt. Dorthin alleine gehen? Über die Treppe? Wiebkes entwaffnendes Argument für eine besorgte Mutter: „Die Bösen Jungs würden doch nie die Treppe nehmen.“ Und als ich neulich einem Vater erklärte, dass ich vor dem Supermarkt draußen warte, während Ella drinnen die Brötchen holt und alleine bezahlt, schien es mir kurz, als würde ich dabei beobachtet, wie mir gerade mitten auf der Stirn augenblicklich ein drittes Auge wächst – wenn ich den Blick richtig interpretierte.

Ein Bißchen lange Leine muss sein

Das letzte Stück auf unserer Straße geht Ella gerne alleine. Dazu wechselt sie die Straßenseite, gibt uns Vorsprung. So nimmt sie sich ein kleines Stückchen Autonomie im alltäglichen 24-Stunden-Sicherheitswahn. In Deutschland würden wir so etwas als lächerlich und nicht der Rede wert empfinden. Als Ella ihre Freundinnen dazu einlud, die Straßenseite ohne Erwachsenen zu wechseln, war im Gesicht der anderen Ungläubigkeit, fast schon Entsetzen zu erkennen. So, als wollten sie sagen: Das könnt ihr doch nicht machen, das dürft ihr nicht!

Aber weil sie sich auch nicht trauten zu protestieren – schließlich kennen sie uns so gut nicht, eine war zum ersten Mal zu Besuch – fanden sie sich wenige Sekunden später auf der anderen Straßenseite wieder. Alleine, nur mit Ella. Welch‘ Abenteuer! Es dauerte keine 15 Sekunden, bis sie sich suchend umschauten, sich vergewisserten, dass ein Erwachsener in Sicht- und Hörweite ist. Das taten sie auf den Folgenden 50 Metern, mehr sind’s nämlich nicht, weitere vier- oder fünfmal. Natürlich ging alles gut. Ganz ehrlich: Was hätte passieren sollen? Die Kinder leben hier ohnehin wie im Käfig. Da kann man sie doch vielleicht wenigstens manchmal etwas an der langen Leine herauslassen.

Angst um die gespeicherten Fotos

Abends, auf dem Weg vom Fahrstuhl zur Wohnung treffen wir eine Nachbarin. Wir plaudern zum ersten Mal. Das Gespräch dauert keine 2 Minuten, da erzählt sie, wie eine Freundin vor einigen Tagen überfallen wurde. Im Auto, an der Ampel, plötzlich ein Mann mit Waffe an der Scheibe – Handy weg. „Hoffentlich passiert mir sowas nicht“, sagt sie. „Es wäre doch schade um die ganzen Bilder der Kinder.“ Gut, das wäre mein kleinstes Problem in diesem Fall. Ich überlege, ob ich ihr erklären soll, wie man die Bilder automatisch regelmäßig bei Google Foto speichern lassen kann…

Ich mag mich an diesem Katastrophentalk ungerne beteiligen. Für mich fühlt sich das immer so an, als würde man die Katastrophe geradezu heraufbeschwören mit solchen Gesprächen. Vielleicht liegt es aber doch auch ein Stück daran, dass mir – Gott sei Dank – diese permanente Angst nicht von klein auf anerzogen wurde. Das gab es einfach nicht, damals, auf dem Dorf. Gut: Dafür wäre ich beinahe mit sechs oder sieben vom Bauern Schmitz in seinem Gelben Käfer überfahren wollte, weil wir plötzlich und unüberlegt auf die wenig befahrene Heinrich-Heine-Straße herauspreschten (normalerweise damals, Anfang 80er, ein kalkulierbares Risiko, so schien es uns). Zu Hause gab es dafür abends einen Anschiss. Klar, muss sein. Danach wurde einfach etwas besser aufgepasst. So wie jetzt auch.