Ein kleiner Beitrag für den Frieden in Venezuela

„Wir wollen Zukunft, verbrennt Maduro!“ So drastisch waren wir die vielleicht 30 Menschen gar nicht vorgekommen, die sich gegen 16 Uhr in der Nähe des Fortes Copacabana versammelt hatten, um gemeinsam protestierend über die Strandpromenade zu ziehen. Die meisten hatten Fahnen dabei – blau, gelb, rot mit weißen Sternen – die Farben Venezuelas. Andere trugen Kappen in den Farben, oder die Trikots des venezolanischen Fußballteams. Hauptsache auffallen eben. Schließlich war man ja dabei, sich zu einer Demonstration gegen die Regierung in Venezuela zu formieren. Rund 1500 Mitglieder hat eine Facebookgruppe von Exil-Venezolanern in Rio. Knapp 3 Prozent davon waren gekommen, um auf die Unterdrückung in ihrem Heimatland aufmerksam machen zu wollen. Unter dem Titel „No mas dictadura“ (weg mit der Diktatur) hatten Exil-Venezolaner weltweit zu Demonstrationen aufgerufen. In Deutschland hatte es Kundgebungen in Berlin, Köln und Frankfurt gegeben.

Da jeder Mitdemonstrant gebraucht wird, bekomme ich auch ein Transparent in die Hand gedrückt. „Libertad“ steht drauf, „Freiheit“, kann man durchaus vertreten, auch wenn ich über die derzeitige Situation in Venezuela zugegebenermaßen vergleichsweise wenig weiss.

Für die Demonstranten an diesem Abend ist das Regime des Nicolas Maduro, dem Nachfolger von Hugo Chavez, derjenige, der die Hauptschuld an der Situation trägt. Sie fordern ein Ende von Unterdrückung und Gewalt und dafür Neuwahlen und eine Zukunft für sich, aber vor allem die Angehörigen, die meist noch dort leben.

Das Schlimmste ist die Korruption

„Das Schlimmste ist die Korruption“, sagt Sirley. Sie ist unsere Nachbarin und hat mich netterweise mitgenommen. Sie freute sich, dass sich ein Gringo für die Situation in ihrem Heimatland interessiert. Nicht, dass unter Chavez alles besser gewesen wäre. „Er hat Geld für die ganze Welt gewaschen“, sagt sie. Und die habe ihn gewähren lassen.

Auch Sirleys Familie lebt noch in Venezuela. Doch sie haben Glück im Unglück. Sie leben nahe der kolumbianischen Grenze. Sicher, die offiziellen Grenzposten sind dicht. Aber wer sich auskennt findet immer einen Weg über die grüne Grenze, um Lebensmittel oder dringend benötigte Güter wie Klopapier kaufen zu können. Zu Fuß werden die Güter nach Venezuela geschafft. „Du glaubst nicht, wie es bei meinen Eltern zu Hause aussieht“, sagt sie. Die Wohnung gleiche einem Lager. Überall hamstern sie Säcke mit Reis, Flaschen mit speiseöl, Toilettenpapier. Niemand weiß, ob und wann sich die Situation im Land wieder entspannen wird.

Der Ölpreis ist in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen. Damit brachen für Venezuela die Staatseinnahmen weg. Das ölreichste Land der Erde hatte alles auf eine Karte gesetzt. Und alles verloren. Die Bevölkerung im einstmals reichsten Land Südamerikas hat Hunger und möchte, dass sich etwas ändert. weiß (Eine gute Zusammenfassung findet man aber hier).

Mitdenonstrieren oder besser nicht?

„Brasilien, höre zu, Venezuela ist im Kampf!“ skandieren die Demonstranten, als sich der Zug langsam in Bewegung setzt. Ich frage mich, ob ich die Schlachtrufe mitskandieren soll. Komme mir aber irgendwie doof dabei vor, so relativ ahnungslos und belasse es bei einem gemurmelten Dreiviertelplayback. Schließlich halte ich mich an einem journalistischen Grundsatz fest, den einst Hans- Joachim Friedrichs formulierte: Ein Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Nun ja, eigentlich war es dafür ja schon zu spät jetzt.

Außerdem: Was soll das? Darf man nicht mal mehr Grundrechte wie Demokratie oder freie Wahlen gegen die verteidigen dürfen, die sie bei der Ausübung ihrer totalitären Absichten lieber abgeschafft sähen? Machen wir in Europa nicht gerade mit einem gewissen Herrn Erdogan, einem Herrn Putin oder der AfD genau diese Erfahrung? Friedrichs, ein verdienter Journalist, keine Frage, mag im Grundsatz sicher recht haben. In diesem Einzelfalle sehe ich meine Teilnahme als Dienst an der Demokratie und Solidarität zu einem unterdrückten Volk – und meinen Beitrag für eine ebenfalls keinesfalls selbstverständliche Pressefreiheit. (Siehe hierzu die Rangliste der Reporter ohne Grenzen: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2017/ )

Beifall von Passanten

Einige Passanten schauen fragend, andere knipsen mehr oder weniger heimlich Fotos der Gruppe, ein paar wenige posieren schnell für ein Selfie, ehe sie von der Gruppe eingeholt werden. Wenn diese Bilder heute alle noch über die sozialen Netzwerke Verbreitung finden, könnte dieser kleine laute Haufen doch noch vergleichsweise viel Beachtung finden. Aus den Strandbars, den baracas, gibt es regelmäßig Beifall zu hören. Einer der Musiker unterbricht auch kurz seine Darbietung, um nicht gegen die Demonstration ansingen zu müssen. Am Ende auch Beifall von ihm und ein „Libertade!“, Freiheit auf Portugiesisch.

Generalstreik in Brasilien

Dabei haben die Brasilianer zurzeit ja selbst genug um die Ohren. Eine quasi durchgängig korrupte politische Klasse – zwar von der Justiz gejagt – aber nach wie vor fest im Sattel. Eine hemmungslos neoliberale Landwirtschaftspolitik, die gerade dabei ist, ganz offen zur Jagd auf die indigene Bevölkerung Brasiliens zu blasen und natürlich die nach wie vor anhaltende wirtschaftliche Talfahrt mit ihren Erscheinungen wie steigende Arbeitslosigkeit und rasant wachsende Kriminalität. Dagegen – aber in erster Linie gegen eine inzwischen auch beschlossene Rentenreform – hatten Gewerkschaften, unterstützt von katholischen Bischöfen am 28. April zu einem großen Generalstreik aufgerufen. Auch die Brasilianer haben zurzeit ordentlich Druck auf der Pipeline.

Eine Mitdemonstrantin fragt, ob sie ein Foto von mir machen dürfe. Scheinbar fällt mein eher halbherziger Einsatz gar nicht unangenehm auf. Sie erzählt mir, dass sie das Foto einer Freundin schicken will, die auf der Demonstration in Köln war. Als ich ihr erzähle, dass ich ja quasi ganz in der Nähe von Köln geboren wurde, ist sie regelrecht entzückt. Später wird sie sich noch per Handschlag persönlich bei mir für mein Engagement bedanken wollen.