#NineConcertsAndALie: Midnight Oil „Full Circle Tour“ in Rio

Ein lustiges Spiel macht zurzeit unter dem Hashtag #NineConcertsAndALie bei Facebook und Twitter die Runde. Man listet zehn Konzerte auf, die man angeblich im Laufe seines Lebens besucht hat. Eines der zehn ist jedoch frei erfunden. Die Freunde oder Follower müssen nun raten, welches.

Ein prima Kandidat, die Leser in die Irre zu führen, wäre bis vor Kurzem die australische Band Midnight Oil gewesen. Die gab es nämlich von 1976 an bis zum Jahr 2002. Damals war Sänger Peter Garrett ausgestiegen, um in die Politik zu gehen. Einige Jahre war er Minister für Umwelt und Ureinwohner. Ein passendes Ressort, schließlich setzten sich die kommerziell erfolgreichsten Alben der Band, „Diesel and Dust“ and „Blue Sky Mine“, mit dieser Thematik intensiv auseinander.

Foto: Evi Wörz

Der Ausflug in die Politik für Peter Garrett ist beendet. Am 16. Februar verkündete die Band, künftig wieder gemeinsam Musik machen zu wollen und auf Welttournee zu gehen. Vor einigen Tagen war Auftakt der Welttour im brasilianische Porto Allegre. Das vierte Konzert war vergangenen Samstag im Vivorio, einem Saal im Zentrum. Wer „Oil“ in Deutschland sehen will, kann dies im Juni und Juli tun. Spielorte sind Köln (E-Werk), Frankfurt (Batschkapp) und Berlin (Huxley’s). Oder bis ins Frühjahr 2018 hinein irgendwo sonst auf der Welt.

Wäre es nicht das Vivorio gewesen, wären wir womöglich gar nicht hingegangen. Viele größere Konzerte finden draußen in Barra de Tijuca statt, mit öffentlichen Verkehrsmitteln ein langer Ritt. Und da viele Konzerte erst recht spät beginnen (22 Uhr) für uns eher ungeeignet.

Karten gab es vor gut einem Monat nur noch für den Stehbereich, Pista genannt. Wer jedoch direkt vor die Bühne wollte, musste nicht etwa früh da sein. Er musste eine VIP-Karte für die Pista kaufen. So werden heutzutage also Geschäfte gemacht. Aber auch diese Tickets gingen scheinbar gut weg. Gegen 21 Uhr, als wir unseren Eiseimer mit Bierbüchsen geleert haben, hat sich gleichzeitig der Saal gut gefüllt. Schätzungsweise 3000 Besucher müssten es sein. Hätte ich hier nicht erwartet. Zwar stehen die Brasilianer auf Musik der 80er und 90er Jahre, aber dafür, dass man lange nichts mehr von der Band gehört hatte… An Rande sei erwähnt, dass die meisten Konzerte der Tour längst ausverkauft sind. Als hätte man nur auf eine Rückkehr gewartet.

Und wenn man ehrlich ist: Es tut gut einer Band zuzuhören, die etwas zu sagen hat. Gibt es ja kaum noch. Auch wenn es merkwürdig ist, dass sich nach 30 Jahren nicht viel an der Aktualität der Texte geändert hat – Umweltzerstörung, Unterdrückung der Aborigines. Themen, über die man auch in Brasilien das eine oder andere Lied singen könnte.

#NineConcertsAndALie

Ein großer Fan der Truppe war ich nie. Aber ich mochte stets Bands mit Einstellung und politischen Texten. Allen voran New Model Army. Aber eine Reihe Songs ist mir natürlich geläufig: Die Superhits „Beds are Burning“ oder „Blue Sky Mine“, aber auch bei „My Country“ oder „The Dead Heart“ komme ich – neben zwei, drei anderen Songs, mit dem Refrain klar. Der Rest der Besucher erweist sich gleich zu Beginn als textsicher. Bei „King“ ist der Saal da. Und richtig laut. Ich bin beeindruckt. Da würde noch einiges auf uns zukommen. Garrett bedankt sich anschließend brav auf Portugiesisch. So gewinnt man bei den Brasilianern sofort.

Bis ich zum Zug komme, soll es eine Weile dauern – die großen Hits haben sich Midnight Oil für das letzte Drittel aufgehoben. Egal, ich genieße es erst einmal, seit längerem wieder ein anständiges Rockkonzert sehen zu können und bin beeindruckt vom körperlichen Einsatz der inzwischen 64-jährigen Glatzkopfs Peter Garrett. Der Tanzstil des schlaksigen Garretts ist eckig und ungelenk, wirkt aber nicht befremdlich oder peinlich, sondern energetisch. Er gibt alles, das merkt man. Immer wieder bläst er zwischen den Songs die Backen auf, wie ein Langstreckenläufer.

Gemurmel im Zwischenstück

Das Konzert hat auch Längen. Im Mittelstück wünsche ich mir, ich hätte nicht schon das ganze Bier ausgetrunken. Die Brasilianer vertreiben sich die Zeit mit Unterhaltungen. Der weniger stürmische Applaus dieses Abschnitts wird schnell durch Gemurmel abgelöst. Die Band rückt fast etwas in den Hintergrund.

Doch sie kämpft sich zurück. „Beds are burning“ und „Blue Sky“ kommen direkt hintereinander. Die Zuhörer sind entzückt und singen so laut mit, dass es völlig sinnlos ist, dagegen anzubrüllen. Geil. Ich freue mich bereits auf das Pfeifen im Ohr hinterher. Der Krawall im Saal beeindruckt augenscheinlich auch die Band. Zwei Zugaben lassen sie sich entlocken. Nach zwei Stunden ist Schluss. Schnell draußen noch ein T-Shirt gekauft und zum Absacker in die Kneipe. Dabei genieße ich das Pfeifen im Ohr – das hatte ich schon ewig nicht mehr.

 

Hier meine zehn Konzerte:

 

The Who

Rolling Stones

Fantastische Vier

New Model Army

Pogues

Philipp Boa & The Voodooclub

Paul Weller

BAP

Black Crowes

Oasis

Ops, vergessen ein Fake hinzuzuschreiben.