Mahlzeit! Die Kinder wollen es ab sofort lieber fleischlos

Kinder sind immer für eine Überraschung gut. Als ich am Freitagmittag ankündigte, ich wolle am Samstag Gyros zum Mittagessen machen, erhielt ich begeisterte Beifall und Schlürfgeräusche (eine besondere Art der Begeisterungskundgebung im Bezug auf Nahrung). Als das Essen dann auf dem Tisch stand, erklärten mir die Kinder, dass sie es fortan vorzögen sich fleischlos zu ernähren.

Na hoppla! Innerhalb von 24 Stunden einen solchen Sinneswandel zu vollziehen ist sportlich. Abends zuvor waren Wiebke und ich aus. Wenn wir ausgehen, passt Cléo auf die beiden auf. Cléo ist kein gewöhnlicher Babysitter. Sie war uns von vorherein sehr sympathisch. Sie ist patent, clever, spricht Deutsch und Englisch und macht mit den Kindern ihre Portugiesisch-Hausaufgaben. Cléo ist eine Freundin. Und sie ernährt sich vegan.

Bratwurst vorerst nicht.

Das heißt: kein Fleisch und keine tierischen Produkte. Anders als viele Veganer, ist sie aber völlig undogmatisch unterwegs. Aber sie freut sich, wenn wir darauf Rücksicht nehmen und beispielsweise Brot da haben, in dem kein Ei oder Milch verbacken ist (was für mich jetzt auch kein Opfer darstellt, da ich nie Ei und Milch in Brot backe). Am Freitag überschlug sie sich fast vor Freude. Ella und Wiebke hatten Bananenmuffins gebacken. Die gehen auch ohne Ei und mit Kokosmilch schmecken sie auch prima.

Cléo ist, wie viele andere ältere Personen ihrer Umwelt, den Kindern ein Stück weit Vorbild. Vegetarisch vorbelastet waren die Kinder eh schon. Ihr großer Cousin Richard isst auch seit einiger Zeit kein Fleisch mehr. Auch Großcousine Laura, die über Karneval hier war, vermeidet Fleisch. Alles in den Augen der Kinder coole Große. Drum waren wir auch nur wenig überrascht.

Zumal die Logik ja kaum wiederlegbar ist. Sie wollen, dass zum Zweck der Ernährung nicht eigens Tier getötet werden müssen. Es gibt wissenschaftliche Studien, die bekanntlich belegen, dass Fleischkonsum in allerlei Hinsicht Quatsch ist (Futtermittelproduktion, Wasserverbrauch etc.). Auch Mediziner halten einen zu hohen Fleischkonsum für wenig ratsam. Diskutieren bringt da nichts. Die Vernunft ist klar auf Seiten der Kinder. Also: Warum nicht?

Lula geht. Aber nur gebacken.

Seit wir in Rio leben, essen wir ohnehin weniger Fleisch. Oder sagen wir: seltener. Das liegt zum einen an dem jüngsten Gammelfleischskandal. Danach ernährten wir uns ganz freiwillig erst einmal zwei Wochen vegetarisch. Zum anderen aber auch an der oft recht unappetitlichen Darreichungsform. Wurst ist komplett vom Speiseplan verschwunden. Die schmeckt hier einfach nicht. Und ich misstraue der brasilianischen Nahrungsmittelindustrie zutiefst. Wer die Fleischtheken in den Supermärkten hier kennt, braucht überdies ein gesundes Maß an Ekelresistenz. Von der Sterilität eines durchschnittlichen deutschen Supermarkts mit zusätzlicher lückenloser Kühlkette ist man hier jedenfalls meilenweit entfernt.

Ein weiterer Grund: Ich finde die Kinder haben ein Recht darauf, mit ihren Ansichten ernst genommen zu werden. Wollen wir nicht alle, dass unsere Kinder ihre Umwelt kritisch hinterfragen lernen? Wollen wir nicht, dass sie künftig mit den vorhandenen Ressourcen schonender umgehen, als wir es taten oder unsere Vorväter? Also. Darum wäre es aus meiner Sicht falsch, das Anliegen der Kinder barsch zur Seite zu wischen, womöglich noch mit einer Bewerkung wie „neumodischer Driss“.

In meiner Kindheit wäre das vermutlich schwieriger durchzusetzen gewesen. In den 70er und 80er Jahren vertrat man noch landläufig die Meinung, eine richtige Mahlzeit setze sich ausschließlich aus den drei Komponenten Kartoffel, Gemüse und Fleisch zusammen. Wobei vor allem ersteres und letzteres proportional überwiegen sollten. In meinem Fall konnte man die Kartoffel durch Nudelprodukte ersetzen, was meiner teilweise schwäbischen Genetik zu verdanken ist. Mahlzeiten ohne signifikanten Fleischanteil liefen somit unter der Rubrik Resteverwertung oder „Heute-musste-es-sehr-schnell-gehen“ und waren begleitet von regelrechten Rechtfertigungsarien.

Vegetarisch geht auch appetitlich.

Noch weit in das neue Jahrtausend hinein fristeten vegetarische Gerichte ein stiefmütterliches Randdasein. Kaum ein gut bürgerliches Gasthaus, in dem man zwar 24 Schnitzelvariationen fand, aber kaum ein vegetarisches Gericht. Und wenn, dann handelte es sich um eine Schnitzelvariation ohne Schnitzel, oder Kartoffeln und Broccoli mit Käse überbacken. Mehr fleischlose Vielfalt war selten.

Allerdings machten wir den Kindern auch eines deutlich. Nämlich, dass unsere Pflicht darin besteht, sie mit einer ausgewogenen Nahrung zu versorgen. Das wirkt sich auch auf den künftigen Speiseplan aus. Hülsenfrüchte wird es dann vermutlich häufiger geben müssen, ebenso Salat, Obst, Haferflocken (hab ich gegoogelt, keine Sorge) und diverse andere Dinge, die bislang eine untergeordnetere Rolle spielten. Bei den Linsen brandete kurz Wehklagen auf, ansonsten nahmen die Kinder das sehr verständig zur Kenntnis und stimmten sogar zu.

Käse, Milch und Eier bleiben weiterhin Bestandteil. Für sie lässt ja kein Tier sein Leben. Zumindest im Normalfall nicht direkt.

Während Ella das Vorhaben gleich in die Tat umsetzte, gab sich Edgar noch eine Übergangszeit. Das Gyros, das nun fertig auf dem Tisch stand, half er noch mit zu vernichten. Schließlich war die Ankündigung doch recht kurzfristig erfolgt. Am Abend jedoch ließ auch er Fleisch unangetastet.

Mal sehen, wie lange das anhält. Ich jedenfalls werde zusehen, dass sie die Option erhalten, sich vegetarisch zu ernähren, indem ich Fleisch zunächst einmal von der Einkaufsliste streichen werde. Zwei Wochen soll die Testphase gehen, darauf haben wir uns verständigt. Und wenn dann eines der Kinder Bock auf ein schönes Stück Fleisch haben sollte, ein Churrasco oder eine Weißwurst die Ella an sich so liebt, dann wird das kein Scheitern sein. Dann ist das so. Vielleicht folgt dann wieder ein längerer vegetarischer Intervall. Alles, nur kein Dogma. Ich finde es schon großartig genug, dass sich die beiden überhaupt so intensiv und reflektiert mit solchen Themen auseinandersetzen. Welcher Siebenjährige macht das schon.

Dass im Sommer beim Deutschlandbesuch dieses Abkommen ohnehin ausgesetzt ist, steht außer Frage. Seit Monaten freuen sich die beiden schon auf ihre geliebte Gelb- und Leberwurst vom Metzger an der Ecke. Und das ist dann auch völlig okay. Wir Großen freuen uns übrigens auch schon.