1:7 – Traumabewältigung per Videospiel

Traumabewältigung kann viele Facetten haben. Hauptsache es hilft. In dem jetzt zu schildernden Falle bekommen die Brasilianer sogar noch Schützenhilfe aus Kolumbien.

Rückblick: 8. Juli 2014, Belo Horizonte, Estadio Minerão irgendwann zwischen 22.30 und 23 Uhr. Gastgeber Brasilien kassierte im WM-Halbfinale vor heimischem Publikum eine historische Klatsche. 1:7 gegen Deutschland, den späteren Weltmeister.

Noch nie verlor Brasilien gegen Deutschland bei einer WM. Das erste Aufeinandertreffen überhaupt gewann die Selecão im WM-Finale in Tokio 2002 mit 2:0. Noch nie verlor die Selecão so hoch. Es gibt Menschen, die just diesen 8. Juli nennen, wenn mannach dem Zeitpunkt  fragt, wann es mit der Krise des Landes so richtig losgegangen sei.

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Vor wenigen Tagen erst in Salvador wurde ich mehrfach darauf angesprochen. Untypisch ehrfürchtig, fast devot werden Brasilianer, wenn man auf das Spiel zu sprechen kommt. Wobei ich stets vermeide, es als erster zu erwähnen. Es kommt sowieso früher oder später, wenn die Leute erfahren, dass man Deutscher ist. Es kommt so sicher wie der Kreditkartenleser am Ende des Gottesdienstes in der Igreja Universal.

Mir persönlich ist es fast ein wenig unangenehm darauf angesprochen zu werden. 7:1, viel zu hoch, ein historischer Abend. Damit auch noch überheblich umzugehen würde sich nicht geziemen. Es ist überhaupt nicht nötig. Das Spiel hat den brasilianischen Fußball auf lange Sicht gebrochen. Mindestens bis zu dem Tag, an dem irgendwann eine Selecão wieder den Weltpokal in den Nachthimmel recken wird.

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch: Vor einigen Wochen entdeckten Wissenschaftler sieben Planeten, die angeblich erdähnlich sein sollen, bislang aber noch keinen Namen haben – wurden ja erst entdeckt. Auf Twitter schlug ein Brasilianer (!) vor, man könne sie doch Müller11, Klose23, Kroos24, Kroos26, Khedira29, Schürrle69 und Schürrle79 benennen – nach der Torfolge des Spiels.

Avianca-Flug 6213 von Salvador nach Rio de Janeiro. Heimflug. Beim Checkin bei der kolumbianischen Airline erfuhren die Kinder, dass die Maschine Bordprogramm anbietet. Für die beiden das Beste an einem Flug. Hauptsache die Glotze läuft. Blöderweise funktionierten die Kopfhörer aber nicht. Man hatte ausversehen welche ausgeteilt, deren Stecker nicht in die Buchse passten. Mist aber auch. Doch zum Glück gibt es ja auch noch Videospiele.

„In flight Soccer“ heißt eine Fußballsimulation. Nicht so aufwendig uns kompliziert zu steuern, wie diese neumodischen Konsolenspiele. Eher ein solider Spielspaß à la Micropose Soccer damals auf dem C64. Kein monatelanges Training nötig. Laufen, drei verschiedene Schussmodi – fertig. So ein Flug dauert ja auch nicht ewig.

Voreingestellt für den Spieler ist Brasilien gegen Italien. In diesem Spiel Weltranglistenerster gegen –zweiten. Nach einer Halbzeit liege ich gegen Italien 0:4 hinten. Nicht wieder eine Schmach – ich breche ab und suche mit einen anderen Sparringspartner. Vielleicht mal Saudi-Arabien. Standesgemäß siege ich 5:1.

Nun suche ich mir einen anderen Mannschaft, Italien, und einen anderen Gegner: Qatar. Ähnliches Kanonenfutter, hoffe ich. Doch ich täusche mich. Vermutlich haben die Scheichs die Entwicklung des Spiels finanziert und Sepp Blatter noch ein paar Milliönchen zugeschustert. Dafür dürfen die Wüstensöhne erstaunlich gut mitspielen. Der Torhüter ist nahezu unüberwindbar. Trotz drückender Überlegenheit verliert Italien 1:3.

Ich suche mit ein anderes Team: Deutschland. Amtierender Weltmeister. Im Spiel aber nur die neuntstärkste Mannschaft. 1. Brasilien, 2. Italien, 3. Argentinien, 4. Frankreich, 5. Spanien, 6. England, 7. Holland (! ) – hier spätestens dämmerte mir, dass die Spielstärken nichts, aber auch gar nichts mit der realen Welt zu tun haben können. Hier wurde bestenfalls gewürfelt, viel wahrscheinlicher aber handfest manipuliert. Die späte Rache für das 1:7 auf einem brasilianischen Inlandsflug, unterstützt von einer kolumbianischen Fluggesellschaft – wie perfide! Was für eine billige Retourkutsche.

Und ich bin mir sicher: Würde ich Deutschland wählen und gegen den Brasiliencomputer zocken – ich würde immer verlieren, egal wie gut ich spielen würde.

Nach zwei weiteren Klatschen mit Deutschland gegen Qatar – eine davon im Elfmeterschießen -wechsele ich wieder auf Brasilien. Und siehe da: Locker und leicht schieße ich Qatar mit 5:1 ab. Na, wenn es denn so sein soll. Ein Spiel dauert in der Regel 90 Minuten, der Flug von Salvador nach Rio 1 Stunde 50 Minuten. Nach dem fulminanten Sieg gegen den Fußball- und Videospielgiganten Qatar sind wir am Ziel. Der Bildschirm erlischt.