Ostern in Bahia: Dralle Damen und bunter Sand in kleinen Flaschen

Ein paar freie Tage – Ostern! Leider sind um die semana santa, die heilige Woche oder Karwoche, in Brasilien keine Ferienwochen gruppiert. Ein paar Tage von Gründonnerstag bis Ostersonntag müssen reichen. Auf, nach Salvador da Bahia. Mittwochnachmittag fällt bei Wiebke in der Schule der Hammer. Eine Viertelstunde später sitzen wir in Mauros Taxi gen Flughafen.

Die Auswahl unserer Kurzreiseziele treffen wir meist nach einem Kriterium: Wann kommen wir wo günstig hin? Über die Ostertage war das das rund 1200 Kilometer entfernte Salvador. Einstmals ein großer Sklavenumschlagplatz in der Frühgeschichte Brasiliens. Außerdem Kernland des Candomblé. Der Candomblé ist eine brasilianische Religion, die tiefe Wurzeln und ihre Wiege in Westafrika hat.

In den Grundzügen geht es im Candomblé darum, einen Austausch zwischen den Menschen, die ihn praktizieren, und den Göttern – Orisha, Nkisi oder Vodum genannt – herzustellen, abhängig davon, aus welcher Nation der Candomblé kommt. Aber auch die Katholische Kirche ist stark vertreten. Es soll in der Stadt 365 katholische Gotteshäuser, für jeden Tag einen. Genug Stoff also, für ein verlängertes Wochenende.

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Chris verkauft selbstgemalte Bilder.

Unser Guide nimmt uns als erstes mit an das Forte da Barra, eine alte Festung aus der Frühzeit Brasiliens. Inzwischen Sitz eines Meeresmuseums. Dieses lassen wir aber liegen und schleichen um das Fort herum. Um die Ecke treffen wir Chris Lima Barreto. Zusammengekauert auf einem Felsen sitzt der Mann. Ein paar Meter einfernt vor ihm seine Ausstellungsfläche.

Chris ist ein Künstler, genauer ein Maler. Er malt naive Motive seiner Heimat Bahia. Das heißt in erster Linie: Fröhlich leuchtend bunte Häuser der Oberstadt Salvadors, die schwarzen Frauen mit ihren weißen Kleidern mit weißen Röcken, Fischereiszenen. Chris bemalt Kühlschrankmagneten und überwiegend kelinformatige Leinwände (15×10). Man kommt ins Gespräch – schnell finden die Kinder zwei, drei Motive, die ihnen gefallen. Uns auch. Und da die Bilder auch sehr günstig sind (Stück 10 Reais, 3 Euro), sind die ersten Souvenirs schnell gekauft.

Zwei dralle Damen bringen uns aus der Fasson

P1090051Wir biegen um die letzte Fortecke, da kommen zwei kräftige schwarze Frauen in besagten Trachten – in diesem Fall blau und rot – wortreich auf uns zugestürmt. Da weit und breit niemand sonst da ist, müssen wir gemeint sein. „Oh, hallo, wunderschöne Familie, – oh der Vater! Ah, ein echter Schuss (der Brasilianer nennt dies Gato – Kater. Eine attraktive Frau nennt man entsprechend Gata). Wie wäre es mit einem schönen Erinnerumgsfoto!“. Die beiden drallen Damen habe sich auch schon bei mir eingehakt, sie reichen mit mit Kopfschmuck gerade bis knapp zur Schulter. Ein schön albernes Bild geben wir ab. „Mach ein Foto, mach ein Foto!“ feuern sie Wiebke an. Gegen so viel Energie und Überrumpelungstaktik ist selbst Wiebke – selbst ja nicht auf den Mund gefallen – machtlos. Ich habe kapituliert, lächele süßsauer zwischen den beiden leuchtenden gutgelaunten Damen aus der Wäsche. „Jetzt die Kinder!“ rufen sie.

Edgar steht ein paar Meter an der Seite. Ihm schien die Sache von Anfang an nicht ganz geheuer. Er winkt ab. Nicht mit mir. Schlaues Kerlchen. Ella ist ebenfalls hin- und hergerissen, weiß nicht recht wie ihr geschieht, als sie von den beiden Tanten in die Zange genommen wird und wie ein Hotdog zwischen zwei Riesenbrötchenhälften wirkt. Nun ist alles zu spät und auch Wiebke lässt das Posing über sich ergehen. Und ist klar: Das machen die beiden fidelen Baianas nicht umsonst. Was sollen wir ihnen aber geben?

„Mio Reais – tausend Reais“,gehen die in die Offensive. Klar, der Vorstoß ist absurd, das wissen sie selbst. Aber klar ist auch: Mit fünf oder zehn Reais werden wir auch nicht davon kommen. Ich biete 20. Da ist bei den beiden die gute Laune schnell verflogen. Nun beginnt der geschäftliche Teil. Und die blaue verhandelt hart. „20? Nehmen wir bormalerweise pro Bild!“ sagt sie mit Nachdruck. „100“ sagt sie. Nur zum Verständnis: Sie will über 30 Euro für ein paar ungewollte aufgedrängte Fotos.

Erst lächeln, dann knallhart verhandeln

Da wird es mir zu bunt. „100 auf keinen Fall, gute Frau“, sage ich – innerlich bereit, die Bilder notfalls gleich vor ihren Augen vom Kamerachip zu löschen. Prinzipiell finde ich es nämlich gut, wenn Leute aktiv werden und sich ein Geschäftsmodell ausdenken, anstatt auf Hilfe von außen zu hoffen. Gerade in Gegenden wie dem strukturschwachen Bahia. Drum haben wir ja vorhin schon die kleinen Gemälde erstanden. Aber dieser dreiste Vorstoß geht zu weit.

Die Dame in blau, die mir vorhin noch mit ihrem rosa Lippenstift einen dicken Schmatzer auf die Backe drückte, wird langsam ungemütlich. Ich will aber auch die Situation nicht eskalieren lassen. Inzwischen beobachten einige andere Touristen die Diskussion aus sicherer Entfernung. Mit der linken Hand krame ich in der Hosentaschen nach dem 50 Reais-Schein, den ich am Morgen dorthin gesteckt hatte. Sicher, immer noch viel zu viel, fast 15 Euro. Doch ich will nun aus der Situation raus. Vor dem Aussteigen hatte uns unser Guide noch vor den aggressiv auftretenden Händlern gewarnt, die sofort angerannt kommen, wenn man den ersten Fuß aus dem Auto setzt. Vor solchen Frauen warnte er uns nicht.

Ich drücke der Blauen den Schein in die Hand, bedeute ihr mit der Hand, dass aus meiner Sicht die Diskussion nun vorüber sei und mache mich unter weiterem Gezeter der Damen von dannen. 50 Reais für ein paar Fotos? Vielleicht sollte ich umsatteln? Den beiden sei es nachträglich gegönnt. Und wer als Touri auf eine solche Situation hereinfällt – tja, irgendwie selbst schuld. Die teuersten Fotos meines Lebens waren es allemal.

Von Händler Cléo beim Fremdgehen ertappt

P1090101Wir fahren weiter zur berühmtesten Kirche: zur Igreja de Nosso Senhor do Bonfim, auf einem Hügel gelegen. Ohne Fahrer wäre der Weg recht mühsam geworden an diesem Karfreitag. Stickig und schwül ist es ohnehin schon. Die Verehrung des Senhor do Bonfim, des Herrn des guten Endes, wurde Mitte des 18. Jahrhundert nach Brasilien gebracht. Portugiesen brachten eine Statue mit in die neue Welt. Heute ist die Kirche für Katholiken die wichtigste in ganz Salvador.

Auch hier ein Bild, das wir aus Brasilien bisher so nicht kannten. Aggressiv penetrant auftretende Straßenhändler stürzen auf dich zu, sobald du das Auto verlassen hast. Bis zur Treppe der Kirche sind es original drei Meter. Der erste versucht mir ein buntes Stoffbändchen um das Handgelenk zu binden. „Als Geschenk“. Klar. Nur hinterher bist du moralisch verpflichtet, ihm etwas abzukaufen. Kennt man noch aus dem Türkeiurlaub.

Zigtausende der bunten Bändchen haben Pilger an den Zaun geknotet. Jeder Knoten symbolisiert einen Wunsch. Fällt das Bändchen irgendwann ab, geht der Wunsch in Erfüllung, sagt der Mythos. „So drei Jahre können die schon halten“, sagt Jean unser Guide. Ob man sich dann noch an den Wunsch erinnert? Ich kaufe Cléo, der mich als Deutschen ausgemacht hat und nun über den Fußball versucht Sympathiepunkte zu sammeln, erstmal nicht ab. Aber wenn doch, dann nur bei Dir, gehe ich ihm zu verstehen. Er gibt Ruhe. Schnell rein in die Kirche.

Puppenteile, die von der Decke baumeln

P1090080Beeindruckender als der Hauptraum ist ein Raum hinten rechts in der Ecke. Dort baumeln von der Decke Puppenteile aus Plastik – Köpfe, Arme, Beine, Füße, manchmal ganze Puppen. Man fühlt sich, wie in einer Art Puppenwerkstatt. Die Wände sind voll mit Fotos von Menschen und Dankesschreiben. „Die Leute kommen hierher um zu beten, wenn sie krank sind“, sagt eine Frau, die dort sitzt. Werden sie geheilt, kommen sie wieder und hängen symbolisch für das geheilte Körperteil einen aus Plastik auf. An sich ein schöner Brauch. Etwas gespenstisch erscheint der Raum einem aber schon.

Wir verlassen die Kirche durch einen Seitenausgang. Auch dort, natürlich, strategisch günstig positioniert: Souvenirverkäufer. Eine alte Frau ist angenehm unaufdringlich. Die Kinder haben schon die ersten Bündel der bunten Bändchen in der Hand – immer zehn Stück ein Bündel, kosten 2 Reais. Ich zücke das das Portemmonaie, da höre ich von der Ecke: „Oi, Alemao!“ Cléo hat mich erwischt. Mit einer Geste deutet er mir an: Ey, was soll das, du wolltest doch bei mir was kaufen!“ Halb beleidigt, würde ich sagen.

Ich versuche es mit der Geste, die Fußballspieler aller Klassen am besten beherrschen: Das Unschuldslamm. „Wie, Schiri, das soll Foul gewesen sein? Ich habe ihn doch gar nicht berührt!“  Ein schlechtes Gewissen habe ich aber trotzdem, denn irgendwo hat er ja auch Recht. Ich kaufe ihm einen Schlüsselanhänger ab. Statt Wechselgeld gibt er mir ein weiteres Bündel bunter Bändchen in die Hand. Das rote wird gleich weiterverwendet. Dafür wünschte ich mir, dass der #effzeh irgendwann Deutscher Meister wird. Wetten, das Bändchen ist eher abgemodert?

Wo ist Bela Réthys Brille jetzt?

P1090141Nach einem Eis in der angeblich besten Eisdiele Brasiliens (ich hatte die Geschmacksrichtungen Surinamkirsche und Mais) fahren wir an den Hafen. Dorthin, wo der große Aufzug die Ober- und die Unterstadt verbindet. Fußballfreunde erinnern sich. An dieser Stelle muss es gewesen sein, wo ZDF-Fußballkommentator Bela Réthy sein Bargeld und seine Schuhe einbüßte. Die Brille behielt er demnach, immerhin spricht Réthy Portugiesisch. Und aus Mitleid über den weiten Weg ins Hotel steckte ihm der Dieb, der Legende nach, etwas Taxigeld von seiner zuvor gemachten Beute zu. Seit der WM 2014 geistert dieses Geschichte durch das Netz.

Wir fahren hinauf. 15 Centavos kostet die Auffahrt. Kurz darauf befindet man sich an der Stelle, an der die Trommler der Band „Olodum“ zu Michael Jacksons „They don’t care about us“ trommelten, während der Meister auf einem kleinen Platz in der Favela Santa Marta in Rio rumturnte. Olodum-Fanartikel gibt es an jeder Ecke zu kaufen. Am Abend werden wir im Hotel in einem Nachrichtenmagazin aus dem Fernseher erfahren, dass just an dieser Stelle in der Karwoche bereits sechs Leute überfallen worden seien, Touristen natürlich. Ich weiß schon, weshalb wir gerne zu geführten Touren tendieren.

IP1090193n einer Seitengasse treffen wir auf einen Getränkewagen. Dort gibt es eine Mischung aus Limonensaft und Kokosmilch. Erst bekommen wir einen kleinen Probierbecher. Das Zeug ist echt die Wucht: Schön kalt schmeckt es wie flüssiges Bottermelk-Fresh-Eis – eine willkommene Erfrischung. Wir nehmen zwei Becher voll. Noch am selben Stand wickelt uns ein Straßenverkäufer ein. Drei Kinder habe er, mit drei Frauen. Höllisch kompliziert sei das. Naja, aber die Kette sei genau das richtige für Ella, die ja fast so alt sei wie seine Tochter. Am Ende haben wir jeder eine Kette, natürlich zu einem echt guten Preis. Anders als bei den breiten Tanten zu beginn fühlen wir uns aber nicht über den Tisch gezogen.

Abdullah der Sandmaler

P1090206Nach dem Mittagessen treffen wir noch auf Abdullah. Er stammt aus Ägypten, lebt seit fünf Jahren in Brasilien, ein Mann im besten Alter, wie man so schön sagt. Wach, witzig, scheinbar gut gebildet. Abdullah hat Frau und zwei Kinder und lebt davon, Wüstenszenen aus buntem Sand in Glasflaschen zu zaubern. Er stammt ursprünglich aus Hurghada, früher eine Touristenhochburg mit zwei Millionen Besuchern. Seit die ganze arabische Welt in Aufruhr ist, ist es dort vorbei mit den Touristenströmen, erzählt er uns alles auf Deutsch. Denn bis er nach Brasilien kam, lebte er dort vom Tourismus. Unserem Guide gibt er etwas Nachhilfe darin, wie wichtig doch gerade Fremdsprachen im Tourismus seien, während sich in der Flasche langsam ein Kamel aus schwarzem Sand abzeichnet. Während wir quatschen, füllt sich die kleine Flasche.

Natürlich werden wir ihm diese Flasche abkaufen. Wir haben zwar überhaupt keine Verwendung dafür, und schön finden wir sie eigentlich auch nicht, aber von nun an werden wir sie immer wieder mit Abdullah aus Salvador in Verbindung bringen.

Am Ende unseres Ausflugs haben wir jede Menge Souvenirs angesammelt. Teilweise welche, auf die wir vorher im Leben nie gekommen wären. Aber zu jedem haben wir nun eine kleine Annekdote zu erzählen.