Das Leben der Anderen: Muscheln suchen auf der Ilha dos Frades

Hin und wieder wird man auch im Paradies mit den existenziellen Dingen des Lebens konfrontiert: Leben und Tod. Auch wenn man überhaupt gar nicht damit rechnet. Doch erst einmal der Reihe nach.

Bei Tag 3 unseres Bahia-Trips stand eine Bootstour auf dem Programm. Zwar sind wir nach der Passeio auf der „Shangri La“ vergangenes Jahr in Cabo Frio etwas sensibel, was solche Touren betrifft, aber eine zweite Chance hat bekanntlich jeder verdient. Warum also nicht die auf Bootsausflüge spezialisierte brasilianische Tourismusindustrie.

Das Muster ist immer ähnlich: Alle Mann rauf auf’s Boot. Kaum abgelegt, beginnt die Crew mit der Zubereitung von Cocktails. Ziel: Möglichst viele Ausflügler sollen so viel wie möglich verzehren. Klar. Im Falle der fünf älteren Strandnixen gegenüber klappt das auch. Land ist noch in Sicht, er erste Caipi ist schnell weg und die ersten beginnen zu den Klängen der mitgeführten kleinen Sambaband zu tanzen. Insgesamt muss man aber sagen, geht es wesentlich ruhiger und angenehmer zu als seinerzeit in Cabo Frio. Vielleicht haben wir uns aber auch schon dran gewöhnt.

Zu den Ausflügen zählen natürlich auch kurze Stops zum Baden. Nach gut 2 Stunden erreichen wir die Ilha dos Frades. Dort gibt es nicht viel. Einen abgesperrten Schwimmbereich, mehrere Baracas (Strandbars) mit unterschiedlichen Schirmfarben („für uns stehen Tische bei den weissen Schirmen bereit“, sagte unsere Bootschef). Dazu fliegende Händler mit Sonnenbrillen, Grillkäse, anderem Esskram. Auf einem Hügelchen die einzige Sehenswürdigkeit dieser Inselseite: Die kleine Kirche Nossa Senhora de Gouadelupe – rund 200 Treppenstufen über uns gelegen.

Weil das Baden schnell abgehakt ist, klettern wir hinauf. Auch das ist schnell erledigt. Ich überrede den Rest der Familie auf dem Rückweg zum Boot am Anfang des Stegs rechts auf einen Naturstrand abzubiegen. Keine Schirme oder Tische, dafür Felsen und Pfützen. Hier will ich Muscheln suchen.

Edgar brauche ich dazu nicht lange überreden. Er ist mindestens genauso verrückt auf das Suchen von Muscheln wie ich. Wiebkes Freude hält sich in Grenzen. Sie ist rational veranlagt und sieht die Muschelberge, die wir bereits zu Hause angesammelt haben. Zu Hause heißt in dem Fall in Frankfurt und in Rio. Denn Muscheln sammeln Edgar, Ella und ich eigentlich schon, seit die beiden laufen können. Doch, wie sich kurze Zeit später herausstellen wird, nirgends waren die gefundenen Exemplare spektakulärer.

Falterschnecken heißen die Tierchen, die zugleich so herrliche krebsrot leuchtende Häuser fabrizieren. Und der Strand war ziemlich voll davon. Gut, leicht übertrieben, aber 15-20 davon mussten schon mit in Wiebkes Tasche. Und hätten wir noch mehr gefunden, wären die vermutlich auch noch hineingewandert.

Im Hotel hole ich die Muscheln raus, um den Sand abzuwaschen. Da passiert es. Mir fällt eine auf, die offensichtlich noch von einem Einsiedlerkrebs bewohnt ist. Mist, da noch eine. Insgesamt vier Muscheln haben Bewohner. Was machen wir nun damit? Ein erster Gedanke: Wir spülen die Krebslein im Klo hinunter. Schließlich fließt fast alles ins Meer in Brasilien. Somit hätten sie theoretisch eine reelle Überlebenschance. So ein wenig Findet Nemo-mäßig.

Dennoch Kacke das Ganze. Schließlich hatten wir am Strand noch geschaut, ob nicht noch ein Tierchen drin sei, ehe wir sie einsteckten. Dachten wir. Nein, hatten wir auch, aber offenbar gibt es hinter den letzten erkennbaren Schalenbiegung noch genügend Stauraum für einen Einsiedlerkrebs. Muss aber ein kräftiges Kerlchen sein, wenn er die große Muschel herumwuchten kann. So riesig war er nämlich nicht.

Wiebke ist entsetzt, wir sind ein wenig fassungslos. Insgesamt vier kleine Krebse haben wir nun sinnloserweise durch unseren Sammeltrieb auf dem Gewissen. Auch Edgar schaut etwas konsterniert rein. Gut, für die Moqueca am Vortag (ein lokaler Fischeintopf mit Meeresfrüchten) mussten wesentlich mehr Tiere ihr Leben lassen – Muscheln, Tintenfisch, Garnelen, Langusten – mindestens drei Dutzend Tiere schwammen ganz oder teilweise im Kokos-Tomatensud. Aber das hatte ja wenigstens noch einen Sinn. Und bitte tretet mir nun keine Diskussion über die Vorzüge vegetarischen oder veganen Daseins los. Wir haben alles brav aufgegessen, sagen wir es mal so. Aber diese Tiere nun? Sie mussten ihr Leben unserer Sammelwut opfern.

Beim nächsten Mal werden wir also ein gutes Stück vorsichtiger sammeln. Das, das haben wir uns vorgenommen, soll uns nicht wieder passieren. Versprochen.

Nach unserer Ankunft in Rio steigt ein fischiger Geruch aus der Muscheltüte. Sicherheitshalber lege ich die Muscheln noch einmal in ein Bad mit Reinigungsmittel. Noch einmal beginnen drei Muscheln sich zu bewegen. Drei Tiere im Todeskampf. Vielleicht sollten wir ganz die Finger von Schneckenhäusern am Strand lassen. Zumal ich hinterher sogar las, dass der Zoll bei Gehäusen der Falterschnecke Probleme bereiten kann – allerdings erst bei den deutlich größeren Exemplaren, so groß wie ein Laib Brot.

Das hatte ich bereits geahnt. Deshalb hatte ich der Frau, die eine solche Muschel am Strand in Itaparica schüchtern anbot, zu verklickern versucht, dass die Muschel zwar schön sei, wohl aber vom Zoll aus Artenschutzgründen beschlagnahmt werden dürft. Stattdessen schoss ich ein Foto und gut ist.

Das Ganze erinnert mich an eine Kanadareise vor ein paar Jahren. Damals staunten wir, als am Flughafen von Halifax ein Stand war, an dem man lebende Hummer kaufen konnte. Diese kamen in einen Pappkoffer mit zwei Blättern nassem Papier und konnten so mit ins Handgepäck. Ob denn die Tiere nicht sterben, fragte ich den Verkäufer. Der verneinte. Bis zu 18 Stunden würden die Hummer so ohne Probleme überleben können und verzehrfertig bleiben. Wohin ich flöge? Deutschland sagte ich. Bis dahin würden sie noch leben, erwiederte er. Allerdings dürfe ich sie nicht nach Deutschland einführen, das sei verboten, gab er mir als Tipp. Aus seiner Sicht Pech. Deutschland sei eines der ganz wenigen Länder, in denen das verboten sei. Gut so, dachte ich damals noch. Es scheint auch sinnvolle Gesetze zu geben, die Tieren eine Menge Leiden ersparen. Stichwort: Artenschutz. Und von den Muscheln lassen wir künftig die Finger.