Gammelfleisch: Die Welle ist vorerst abgeebbt

Der Durchbruch kam nach gut einer Woche. China importiert wieder brasilianisches Fleisch frohlockten Brasiliens Präsident Michel Temer und sein Landwirtschaftsminister Blairo Maggi am Wochenende auf den offiziellen Regierungsseiten im Internet. Der GAU für die brasilianische Wirtschaft, ein Importstopp des größten Rindfleischabnehmers, China, war abgewendet.

Am Montag sah sich sogar der Umweltminister dazu veranlasst, sich bei den Kühlbetrieben für die Durchsuchungen der Bundespolizei zu entschuldigen. Er selbst habe nichts von der Operation gewusst, sagte José Sarney Filho in einer Videobotschaft des Ministeriums. Aufatmen. Der Gammelfleischskandal „Carne Fraca“ damit beendet?

Fleischprodukte in einer Supermarktkühltheke.

Wohl kaum. Zwar hoben neben China auch Ägypten und Chile –ebenfalls wichtige Märkte für Brasilien – ihre generellen Einfuhrverbote auf. Und Anfang der Woche zog auch Hong Kong nach, neben China der zweitwichtigste Absatzmarkt. Etliche Länder, darunter die EU und die USA halten weiter an teilweisen Importverboten fest, einige Länder warten noch immer auf Klärung. Die Kuh ist noch nicht vom Eis.

EU-Kommissar für Verbraucherschutz, Vytenis Andriukaitis, seit Montag in Brasilien, machte klar, was die EU nun von Brasilien erwartet. Er forderte Maßnahmen, damit so schnell wie möglich wieder das Vertrauen in das offizielle Kontrollsystem hergestellt werden kann. Der Nachrichtenagentur AFP sagte Andriukaitis: „Ich erwarte eine gute Kooperation und gegenseitige Verständigung auf effektive Lösungen. Der Besuch des EU-Kommissars soll in keinem direkten Zusammenhang mit der Fleischkrise stehen. Er soll schon vorher anberaumt gewesen sein.

Vor allem die beiden Großbetriebe des Landes, JBS und BRF, waren im Zusammenhang mit den Ermittlungen in die Schlagzeilen gekommen. JBS hatte in der Woche nach der Operation 33 seiner 36 landesweiten Betriebe prophylaktisch stimmgelegt. Seit vergangenem Montag läuft der Betrieb wieder, jedoch auf Sparflamme mit 35% der Kapazität.

Luiz Fernando Furlan, Besitzer der Marken Seara und Perdigao, und Independent Director bei BRF, kritisierte den Einsatz der Bundespolizei als „zu großen Teilen übertrieben“. Der Tageszeitung O Globo sagte er, er sei klar gewesen, dass kein Gesundheitsrisiko bestanden habe.

Am Freitag, 17. März, hatten 1100 Polizisten der Bundespolizei im Zuge einer Anti-Korruptionsermittlung zahlreiche Fleisch verarbeitenden Betriebe durchsucht. Drei Betriebe waren umgehend geschlossen worden, 21 weitere unter strenge Beobachtung gestellt worden. Dabei war auch aufgefallen, dass über Jahre Kontrolleure bestochen wurden, um verdorbenes und minderwertiges Fleisch trotzdem verkaufen zu können. Daraufhin hatten viele Länder ihre Märkte vorübergehend für den Import von brasilianischem Fleisch geschlossen.

Bemerkenswert das Krisenmanagement der Politik. Nach Bekanntwerden der Ermittlungen der Bundespolizei hatte Michel Temer die Botschafter der Importländer in ein Fleischrestaurant eingeladen. Die Botschaft sollte sein: Seht her, unser Fleisch ist sicher, wir essen es selbst. Dumm nur, dass durchsickerte, dass das Restaurant in Brasilia ausschließlich importiertes Fleisch verwendet.

Anfang der Woche ging die Politik in die Gegenoffensive. Nicht gegen die Fleischbetriebe, sondern gegen die Bundespolizei. Von Effekthascherei war die Rede. Unverhältnismäßig sei der Einsatz gewesen und das mediale Getöse. Schließlich seien doch nur 24 Betriebe aufgefallen, mehr als 4800 fleischverarbeitende Betriebe gibt es in Brasilien. Drei wurden sofort geschlossen, 21 kamen unter strenge Beobachtung. Etwas zu kurz kam dabei der eigentliche Zweck der Operation. Die Schließungen waren lediglich Nebeneffekte. Hauptaugenmerk der Bundespolizei lag darauf, Korruptionsstrukturen in der Fleischbranche zu zerschlagen. Strukturen, die bis hinauf ins Landwirtschaftsministerium reichen und die ganze Kontrollkette aushebeln.

Der Imageschaden schien relativ egal. Wichtiger schien es, wirtschaftlichen Schaden zu minimieren. Denn jeder Tag Importstopp kostet die wichtige Fleischindustrie Geld.  Schnell war Temer und Maggi klar, in welche Richtung sie ihre Anstrengungen konzentrieren müssten: China, Hauptimporteur brasilianischen Rindfleischs und Hong Kong galt es vornehmlich zu überzeugen, dass brasilianisches Fleisch kein generelles Sicherheits- und Gesundheitsrisiko darstellt, es sich nur um Einzelfälle handelt. Außerdem versuchten sie Sicherheit auszustrahlen und die Situation im Griff zu haben.

Zunächst mutmaßte man in Brasilia, der Importstopp könnte preispolitische Gründe haben – um Preis zu drücken. Einige fühlten sich an das Ende der 90er-Jahre erinnert, als China kurz brasilianisches Soja stoppte und anschließend der Sojapreis nachgegeben hatte.

Maggi kroch bei Telefonschalten mit chinesischen Politikern und Pressekonferenzen mit chinesischen Medien zu Kreuze. Er führt sogar eine Journalistengruppe durch einen Betrieb der betroffenen BRF-Marke Perdigao. Gegenüber Chile, das ebenfalls Importe stoppte, drohte er dagegen ganz offen mit einem Vergeltungsembargo, falls man in Santiago die Entscheidung nicht rasch überdenke.

Erst am Wochenende kam die Erlösung aus Peking. Maggi wertet das Ende des Importstopps als Zeichen des Vertrauens in brasilianisches Fleisch und die Kontrollen. Umweltminister Sarney Filho ging sogar noch weiter. In einer Videobotschaft entschuldigte er sich bei den Kühlhausbetreibern. Die Operation habe zu einem „ungünstigen Zeitpunkt“ stattgefunden, zudem hätte er davon im Vorfeld nichts gewusst.