In Brasilien stinkt nicht nur das Fleisch

Der brasilianische Gammelfleischskandal Carne Fraca kam zur Unzeit. Gut, das haben Skandale zu an sich. Aber wie ungelegen er kam, zeigen die Reaktionen darauf. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise, inzwischen tatsächlich die größte der Geschichte, soll sich nicht noch zuspitzen. Ein Präsident der Krisensitzung um Krisensitzung einberuft, um am Ende des Tages in der teuersten Churrascaria Brasilias mit den Botschaftern der Hauptfleischimporteuren symbolisch Gegrilltes zu verspeisen. Das Ganze natürlich medial großflächig ausgerollt. Am Rande dieser Episode klang irgendwo an, dass die das Grillrestaurant überhaupt kein brasilianisches Fleisch serviere. Symbolpolitik für die Füße.

Kaum 24 Stunden nach der Großrazzia der Bundespolizei schalten die Fleischriesen JBS und BRF in gut zwei Dutzend großen Tageszeitungen seitenweise Anzeigen, in denen sie ihre Unschuld beteuern. Das Fernsehen berichtet zur besten Sendezeit großflächig über die Operation Carne Fraca. Die Werbepausen gehören ebenfalls den Fleischriesen.

Kritik aus der Politik wurde laut. Nein, nicht etwa, an der Praxis einiger weniger Betriebe, die einen der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes in Verruf bringen. Sondern an dem Vorgehen der Bundespolizei. Hätte man nicht etwas leiser ermitteln können, ohne gleich das ganze Land, die ganze Welt aufzuschrecken?

Die Reaktionen kamen prompt. Erst China, kurz darauf die EU, Südkorea und Chile kündigten an, bis alles geklärt ist, erstmal auf Fleischimporte aus Brasilien zu verzichten. Landwirtschaftsminister Blairo Maggi, im Nebenberuf weltgrößter Sojaproduzent mit dem Ruf, Themen wie Umweltschutz dabei nicht allzu wichtig zu nehmen, rotiert ununterbrochen. In einer Videoschalte kroch er vor den Chinesen zu Kreuze, versuchte Zweifel zu zerstreuen. Um Druck abzulassen drohte er Chile. Würde man dort nicht den Fleischimport überdenken, werde Brasilien darüber nachdenken, ebenfalls Importe aus Chile auszusetzen. Chile ist unter anderem ein wichtiger Fischlieferant, Brasilien ein wichtiger Abnehmer. Wie sagt man so schön: Scheiße fließt von oben nach unten. Das ist bequem, geht aber natürlich am Thema komplett vorbei.

Brasilien hat sich einmal mehr in den Fuß geschossen.

Es ist erst ein paar Wochen her, da ätzte die Agrarlobby gegen eine Sambaschule. G.R.E.S. Imperatriz Leopoldinense hatte es gewagt, den Umgang der Agrarindustrie mit Regenwald und Indigenen in ihrer Darbietung zu thematisieren. Ungewöhnlich für einen Karneval, der alles andere als politisch normalerweise ist. Aber sicherlich dringend notwendig den Blick auf eine knappe Millionen Brasilianer zu richten, die ansonsten öffentlich gerne totgeschwiegen werden, oder von einigen Politikern, etwa Jair Bolsonaro – ein potenzieller Präsidentschaftskandidat 2018 – auch mal als Tiere herabgestuft werden (Interessanter Text dazu).

Sambaschule anmaßend und undankbar

Der Auftritt der Imperatriz wurde als anmaßend und undankbar gebrandmarkt, als Angriff auf die Landwirtschaft, das vermeintliche Herzstück der brasilianischen Wirtschaft und eine der wenigen Institutionen des Landes, die doch immer nur für positive Nachrichten sorgen und das Land in schweren Zeiten stütze, hieß es damals.

Vielleicht ist die Kritik am Vorgehen der Polizei zu Teilen sogar angebracht. Den Einsatz von 1100 Polizisten als größten in der Geschichte zu benennen, wo doch seit ziemlich genau drei Jahren Bundespolizei und Justiz versuchen, den größten Korruptionsskandal der Welt aufzudröseln, mag etwas theatralisch gewesen sein.

Zumal die Bundespolizei gerne martialisch, in großer Zahl und sehr medienwirksam auftritt. Vor einem knappen Jahr gab es eine große Razzia bei Ex-Präsident Luis Inácio Lula da Silva, mit dem Ziel, ihm Vorteilsnahme nachzuweisen. Lula wurde in Handschellen abgeführt, das TV berichtete live. Bislang konnten die Ermittlungen noch keine wirkliche Rechtfertigung für diesen Großeinsatz liefern. Kleines Detail am Rande: Einem von Lulas Söhnen gehört das Fleischunternehmen Friboi, das eine Marke des JBS-Konzerns ist.

Drei Einrichtungen wurden geschlossen, 21 weitere stehen unter strenger Beobachtung – 24 betroffene Einrichtungen von rund 4.800 fleischverarbeitenden Betrieben in Brasilien. 24 zudem größtenteils auf ein Bundesland beschränkt. Also doch Panikmache?

Nicht Lebensmittelsicherheit, sondern Korruption das Thema

Bei all der Diskussion um vermeintliches Gammelfleisch – es wurden viele unappetitliche Details publik – galt der Einsatz weniger der Lebensmittelsicherheit. Es ging vielmehr darum, einen Korruptionsring zu sprengen, der über mehrere Jahre aktiv gewesen sein soll. Da wurden Regierungsbeamte und Kontrolleure bestochen, um den Weg für den Verkauf gestreckten und mit allen möglichen Substanzen versehenen Fleischs frei zu machen. Einmal mehr also flog nun auf, dass die Korruption in Brasilien keinesfalls nur die Politik durchsetzt hat. Überall dort, wo es um Geld geht, wird geschmiert und bestochen, werden Kontrolleure und andere Personen, die dem Profit im Wege stehen könnten, mit Geld, oder wie teilweise hier geschehen mit Naturalien, gefügig gemacht. Dass dabei die Gesundheit ahnungsloser Kunden aufs Spiel gesetzt wurde – geschenkt.

24 Einrichtungen von rund 4800 erscheinen erstmal nicht viel. Bei der Operation „Lava Jato“, dem Bestechungsskandal rund um den Baukonzern Odebrecht und das halbstaatliche Ölunternehmen Petrobras, begann alles mit einer einzigen kleinen Tankstelle in Brasilia, deren Waschanlage der Operation ihren Namen gab. Inzwischen ist daraus der vielleicht größte Korruptionsskandal der Welt geworden, der Politiker in Dutzenden ins Schwitzen bringt und mittlerweile in zwölf Länder ausstrahlt.

Wie viele Personen und Unternehmen sich vom Verkauf des Gammelfleischs am Ende die Taschen vollstopften haben, das wird sich mutmaßlich erst in ein paar Wochen, Monaten oder gar Jahren zeigen. Der Einsatz am vergangenen Freitag dürfte erst ein Anfang gewesen sein.