Fleischriesen sollen Gammelfleisch verkauft haben

Ein neuer Skandal erschüttert Brasilien. Diesmal hat es die Lebensmittelbranche erwischt. Im Fokus der Ermittler stehen zwei der größten Fleischverarbeiter der Welt: JBS aus Sao Paulo und das Verpackungsunternehmen BRF. Sie sollen im großen Stil abgelaufenes und vergammeltes Fleisch aufbereitet und weiterverkauft haben. Bankkonten und Finanzeinlagen in Höhe von über eine Milliarde Reais (1 US-Dollar = 3,119 Reais) wurden eingefroren, ein Bundesgericht ordnete die Sperrung von 46 Konten an, berichtet die Agencia Latinapress.

Die Bundespolizei, Policia Federal (PF), rückte am vergangenen Freitag zu einem Großeinsatz aus. Rund 1100 Polizisten sollen laut Medienberichten im Einsatz gewesen sein – so viele wie nie zuvor bei einem Einzeleinsatz in Brasilien. Der Name der Operation lautete „Carne fraca“, schlechtes Fleisch. Es soll bereits seit rund zwei Jahren Ermittlungen gegeben haben. Ausgangspunkt war ein Inspektor, der sich geweigert haben soll, gefälschte Papiere auszustellen und so unter Druck geraten war.

20160408_132410Nach übereinstimmenden Medienberichten sollen 36 Personen bei dem Einsatz festgenommen worden sein. 33 Lebensmittelkontrolleure wurden demnach auf der Stelle suspendiert, drei Produktionsstätten unmittelbar geschlossen: Zwei Niederlassungen der Firma Frigorífero Peccin in Jaguará do Sul, im Bundesstaat Santa Catarina, und in Curitiba, im Bundesstaat Paraná. Die dritte ist von BRF in Mineiro. Weitere 21 Betriebe sollen mit Auflagen versehen worden sein.

Eine kriminelle Organisation soll über Jahre abgelaufene Produkte umgepackt und Fleisch, das nicht mehr zum Verzehr geeignet war, mit noch haltbarem Fleisch vermischt und dann verkauft haben. Teilweise soll Fleisch mit Ascorbinsäure versetzt worden sein, um den Geruch zu übertünchen. Ferner soll Fleisch mit Wasser und Pappmaschee gestreckt worden sein. Regierungsmitarbeiter sollen bestochen worden sein, damit sie die für den Verkauf und Export erforderlichen Papiere absegneten. Dafür sollen sie teilweise in Naturalien erhalten haben. Es ist von besonders edlen Fleischschnitten die Rede.

Teile der Gammelchargen sollen in Schulverpflegungen und im Handel gelandet sein.

Die Bundespolizei durchsuchte Einrichtungen folgender Unternehmen:  JBS, Big Frango, BRF, Peccin, Dagranja, Frango a Gosto, E.H. Constantino, Frigobeto, Frigomax, Frigorífero 3D, Frigorífero Argus, Frigorífero Larissa, Frigorífero Oregon, Frigorífero Rainha da Paz, Frigorífero Souza Ramos, Mastercarnes, Novilho Nobre, Primor Beef, Central de Carnes Paraense, Fábrica de Farinha de Carnes Castro, Artacho Casings, Smartmeal.

Regierung fürchtet Imageschaden

Das Agrarland Brasilien trifft dieser Skandal besonders hart. Es ist ein führender Exporteur von Agrarprodukten, allen voran von Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch. Ein Großteil des produzierten Fleischs geht in den Export. Rund 160 Länder werden von Brasilien beliefert, rund 8 Millionen Tonnen im Jahr – ein Multimilliarden-Geschäft. Hauptabnehmer sind China, Russland, die USA, die EU. Ob auch Teile des Gammelfleischs auf den europäischen Markt gelangen konnten, ist bislang unklar.

Verschiedene  Fleischimporteure, darunter die USA, die EU und China haben die brasilianische Regierung bereits um Aufklärung gebeten. Festzustehen  scheint, dass in niederländischen Hafen sieben Container mit Fleisch festgesetzt worden sein sollen. Darin soll sich auch Geflügelfleisch befinden, das mit Salmonellen verseucht ist. Präsident Michel Temer, um schnelle Schadensbegrenzung bemüht,  hatte noch am Wochenende die Botschafter der betroffenen Länder zu einem Informationstreffen einzuladen. Anschließend ließen sich der Präsident und die Botschafter von der Presse in einer Churrascaria beim demonstrativen Fleischverzehr ablichten. Allerdings kursierten auf Twitter bereits Gerüchte, es habe sich beim demonstrativ verzehrten Fleisch um Importware aus Australien gehandelt.

Temer geht mit Botschaftern Fleisch essen

Die politisch Verantwortlichen reagierten ob der Brisanz und  wirtschaftlichen Bedeutung der Operation „Schlechtes Fleisch“ fiebrig. Ebenfalls am Wochenende  hatten Michel Temer und der brasilianische Landwirtschaftsminister, der so genannte Sojakönig Blairo Maggi eine Krisensitzung in Brasilia einberufen, zu der auch die Spitzenvertreter der betroffenen Interessenverbänden eingeladen waren, darunter Antonio Camardelli, Präsident des Verbands der Rindfleischexporteure ABIEC (Assiciacao Brasilieira das Industrias Exportadores de Carne), Francisco Turra, Präsident des Fleischerzeugerverbands ABPA (Assiciacao Brasiliera Proteina Animal) und Joao Martins, Präsident des Landwirtschaftsverbands CNA (Confederacao Nacional de Agricultura).

Der Verband der Brasilianischen Rindfleischexporteure (ABIEC) ging noch am Wochenende in die Offensive und veröffentlichte eine Mitteilung, wonach keiner seiner 29 Mitgliedsbetriebe bei der Operation auffällig geworden sei. Man folge den nationalen und internationalen Standards für die Produktionssicherheit für den einheimischen und ausländischen Markt, hieß es da.

Agrarminister will mit Polizei kooperieren

Minister Blairo Maggi sprach in einer Pressemitteilung von Einzelfällen und kündigte an, das gesamte Kontrollsystem für die 4.837 Betriebe der Branche auf den Prüfstand zu stellen. Ferner kündigte Maggi an, mit der Bundespolizei bei der Aufklärung kooperieren zu wollen.

Für JBS und BRF war umgehend Schadensbegrenzung angesagt. Sie reagierten schnell, gingen in die PR-Offensive und  schalteten in großen Zeitungen seitenweise Anzeigen, in denen die ihre Unschuld beteuern. JBS beteuert darin, dass keine Marke des Konzerns in den Ermittlungen involviert seien. BRF stellt klar, niemals vergammeltes Fleisch verkauft zu haben. Es seien nur kleinere Betriebe involviert, die jedoch keine direkte Verbindung zum Unternehmen hätten. Für die Montagsausgabe sollen Anzeigen in 27 weiteren Zeitungen gebucht worden sein.

Marken der JBS sind unter anderem Friboi, Swift und Seara. Zum Unternehmenskomplex BRF gehören Sadia und Perdigao. JBS, bzw. JBS SA steht für José Batista Sobrinho Sociedade Anónima, und gilt als größter Fleischproduzent der Welt und größter Fleischverarbeiter in Südamerika. 2007 hatte das Unternehmen die US-amerikanische Swift & Company übernommen. Unternehmenssitze sind Sao Paulo und Dallas. Das Unternehmen hat 23 Verarbeitungsstätten in Brasilien und sechs in Argentinien. 2007 kaufte JBS auch 50% der Anteile der italienischen Inalca SpA.

BRF ging aus der früheren Brasil Foods hervor, Firmensitz ist Itajaí. Das Unternehmen zählt rund 120.000 Mitarbeiter.