Was wäre wenn – plötzlich haben wir vier Kinder

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Pflichtprogramm Cristo.

Spielen wir heute mal „Was wäre wenn“. Vor gut 20 Jahren lernte ich Wiebke kennen – ein trüber Novembermorgen im 14. Stock eines Studentenwohnheims im nordenglischen Manchester (der berühmte Moberly Tower steht inzwischen nicht mehr). Unsere Kinder sind gut 7, könnten aber auch 18 oder 19 sein. So alt, wie Laura und Eva (die Tochter meines Cousins, also Nichte und ihre Freundin), die uns über die Karnevalstage besucht haben. Rein rechnerisch wäre das durchaus drin.

Wir haben uns schon ein paar Mal gefragt, wie es wäre, nach Rio nicht mit zwei angehenden Grundschülern, sondern mit Teenagern zu ziehen. Kinder im Alter von Ella und Edgar sind noch leicht zu kontrollieren. Sie bewegen sich nicht frei in der Stadt. Gegen sie zum Schwimmen oder zum Fußball, müssen wir mit. Gehen sie nach der Schule zu Freunden zum Spielen, werden sie von deren Eltern abgeholt oder fahren mit dem Schulbus mit. Aber zuvor muss das sowohl im eigenen Logbuch des Kindes als auch im Logbuch des Freundes eingetragen sein, abgezeichnet und unterschrieben von Eltern und Klassenlehrerin.

Rio ist bekanntlich kein unproblematisches Pflaster. Sicher, mit Um- und Vorsicht lassen sich Risiken minimieren, aber Risiken bleiben Risiken. Mit einem kleinen Raubüberfall sollte man schon stets rechnen und entsprechende Maßnahmen.

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Sightseeing am Boulevard Olimpico.

Laura und Eva würden bei uns wohnen, das war von vornherein klar. Wir würden auch viele Dinge gemeinsam anschauen gehen – schließlich sind sie ja unsere Gäste. Aber sie würden auch alleine losziehen wollen. Sie sind nun mal 19 und die Aussicht auf Karneval in Rio ist in diesem Alter sehr verlockend. Ihre Eltern bauen natürlich auch auf unsere Fürsorge uns Erfahrung, die beiden sicher durch die 10 Tage Rio zu lotsen. Sie haben uns ihre Kinder anvertraut. Ein Spagat zwischen Verpflichtung, eigenem Anspruch und jugendlichem Entdeckerdrang. Daran muss man sich auch erst mal gewöhnen.

Freitagmittag treffen bei mit ihren dicken Rucksäcken bei uns ein. Ein paar Stunden später bin ich mit ihnen auf dem Weg zum ersten Bloco. „Fora Temer“ dessen Motto. „Temer raus“. Ein hochpolitisches Statement. Der richtige Einstiegsbloco? Wird sich zeigen. Am Teatro Municipal kaufen wir erst mal Dosenbier, treffen kurz drauf Isaac und Georg.

Zunächst zögerlich schwimmen wir mit. Erst am Rand, zaghaft, dann immer mutiger werdend. Wie ein Hütehund versuche ich die Herde beisammen zu halten, immer einen Auge bei den Mädchen, die sich aber durchaus zu amüsieren scheinen. Der nächste Bloco ist größer, unübersichtlicher. Plötzlich ist Georg weg. Isaac ist wohl schon daheim, erzählt mit Georg später. An einer Kreuzung haben wir uns zusammentelefoniert. Wir schieben uns mit der Masse, vielleicht 3000 oder 4000 Menschen. Dazwischen Bierverkäufer mit Styroporboxen – Rufe, Menschen singen, tanzen. Alle noch beisammen, gut.

Am nächsten Morgen gehen wir die Karten für die Sambaparade abholen. Die Mädchen hatten vorab welche bestellt. Sie werden am Abend alleine losziehen. Können wir das verantworten? Sollten wir ihnen nicht etwas mehr zutrauen? Aber sie sind erst einen Tag in der Stadt, können unmöglich schon wissen, wie sie tickt, wo welche Gefahren lauern. Andererseits: Wenn irgendetwas sicher ist, dann wohl das Sambadrom. Und zur Not ins nächste Taxisetzten und heimfahren, trichtere ich ihnen ein. Eine Visitenkarte mit der Adresse bekommen auch beide. Die Porteiros am Hauseingang bekommen auch Bescheid.

Am nächsten Morgen wache ich um 7.30 Uhr auf. Wiebe ist schon wach, sitzt auf dem Sofa. Sie sieht sorgenvoll aus. „Am Abend hat es einen Unfall bei der Parade gegeben“, sagt sie. Kacke. Ausgerechnet. Und nun?

Sollten sie nicht längst zurück sein? Ich lese die Meldungen in der Zeitung. Wagen fährt in Menschenmenge, 20 Verletzte, Verzögerungen bei der Parade.

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Olympisches Feuer.

Unfreiwillig bekomme ich ein Gefühl dafür, wie es sich für unsere Eltern angefühlt haben muss, wenn wir Abends los zu gen, teilweise in Gruppen, zum feiern auf irgendwelchen Grillplätzen der Voreifel; heim mit dem Rad, zu Fuß, per Anhalter. Vertrauen müssen. Vertrauen darauf, dass die Kinder die richtigen Entscheidungen treffen, selbst im angetrunkenen Zustand. Oder wenn wir in der Mainacht mit Traktor, Anhängern und Äxten loszugen, um irgendwo Birken zu schlagen. Rückblickend wird es auch mir dabei etwas mulmig. Da fuhren sicher gleich mehrere Schutzengel mit.

Man hat plötzlich noch mehr Verantwortung. Deshalb waren wir auch umgekehrt, als wir auf den Cristo hinaufwandern wollten und uns einer der Ranger sagte, dass am Morgen eine Frau auf dem Weg ausgeraubt worden sei. Kein unnötiges Risiko. Eine sechsköpfige Familie wäre sicher ein verlockendes Ziel.

Eine knappe Stunde später geht die Türe auf. Zwei völlig übernächtigte Mädchen schleichen in die Wohnung, grüßen kurz. Von dem Unfall hatten sie nichts mitbekommen, sich nur über die Verzögerung gewundert. Schön war’s, sagen sie. Alles habe prima geklappt, auch mit der Metro. Danach verschwinden sie in den Betten.

Wir sind erleichtert. Alles gut gegangen, man kann sich also auf die beiden verlassen. Gut zu wissen. Beruhigend. Nicht auszudenken, was wir zu hören bekommen hätten. Aber wäre das auch gerechtfertigt gewesen? Was wäre wenn – in diesem Fall bin ich froh, dass ich dieses Gedankenspiel nicht zu Ende spielen muss. Danach legt sich auch Wiebke erstmal wieder hin und ratzt drei Stunden tief und fest.

Der Rest läuft wie am Schnürchen. Am Donnerstag ziehen die beiden mit Cleo, unserer Babysitterin, los.

Lustig, bei den Besichtigungen kommt es mir echt so vor, als wären wir auf einem Familienausflug – nur eben mit vier Kindern.