Auferstandene Ruine: Ball im Maracana rollte wieder – für eine Nacht

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Fast drin.

Eigentlich könnten wir jetzt nach Hause fahren – ich habe alles wichtige in Rio gesehen: Cristo bei Sonne, im Nebel, nach Aufstieg zu Fuß oder mit der Bimmelbahn. Zuckerhut tagsüber und gegen Abend, diverse Museen, das neue Aquario, natürlich die Strände, die Sambaparade im Sambodrom und nun – endlich – das Maracana-Stadion von Innen.

Die Copa Libertadores machte es möglich. Flamengo empfing für das erste Heimspiel die Mannschaft von San Lorenzo aus Buenos Aires, Lieblingsteam von Papst Franziskus. Volle Hütte, geile Stimmung, 4 Tore von „Mengo“ – als wäre nichts gewesen.

Noch keinen Monat ist es her, da machte das Stadion andere Schlagzeilen. Das legendäre Stadion verfällt, titelte BILD. Der letzte Stadionkadaver setzte der Schweizer Tagesanzeiger Anfang März sogar noch einen drauf.Verfall, Verwitterung, Sinnbild der Korruption. Auf Bildern sah man brauen Rasen, herausgerissene Sitzschalen, Spuren von Vandalismus und Plünderungen. Und das ein halbes Jahr, nachdem dort die Abschlussfeier der Olympischen Spiele über die Bühne gingen. Im November gab es noch ein Spiel, bis Dezember konnte man die Sportstätte immerhin noch besichtigen, danach war es das. Verrammelt und Verschlossen. Offenbar hatte die Gesellschaft, die das Stadion für die Dauer der Spiele von einer Odebrecht-Tochter gemietet hatte, nicht alle Rechnungen gezahlt. Von Forderungen in Millionenhöhe für verbrauchten Strom war die Rede, von Anwälten, Gerichtsverfahren. Aber kein Wort über den Sport.

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Schweini in Flamengo-Farben. Oder war das damals gar Absicht, Herr Bierhoff.

Dabei ist das Maracana, offiziell ja seit 1966 mit dem Namen Estádio Jornalista Mário Filho versehen, eigentlich der Fußballtempel schlechthin. Gut, es gibt andere berühmte Sportstätten: Den Ibrox-Park in Glasgow, Anfield Road in Liverpool (wobei das ja auch nicht mehr so sein soll), Giuseppe Meazza in Mailand, Nou Camp in Barcelona (viele Fußballtouristen aus Fernost) oder Müngersdorf in Köln. Aber das Maracana steht noch ein wenig über diesen allen.

Nachdem Brasilien den Zuschlag für die Fußball-WM 1950 bekommen hatte, beschloss die brasilianische Regierung den Bau eines neuen Stadions, das 200.000 Zuschauern Platz bieten sollte. Die Pläne für das Stadion wurden von sieben brasilianischen Architekten (Miguel Feldman, Waldir Ramos, Raffael Galvão, Oscar Valdetaro, Orlando Azevedo, Antônio Dias, Pedro Carneiro und Paulo Bastos Bernardes) ausgearbeitet. Heute fasst es 75.000-79.000 Zuschauer.

Die Heim-WM wurde zur Tragödie: Am 16. Juli 1950 wurde im Stadion das letzte Spiel dieser Weltmeisterschaft zwischen Brasilien und Uruguay ausgetragen. Die favorisierten Brasilianer unterlagen dabei überraschend mit 1:2 und verpassten so den bereits sicher geglaubten WM-Titel, was bis in die Gegenwart als nationales Trauma gilt und wofür in Brasilien der Begriff Maracanaço geprägt wurde.

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Wieso rausgerissen?

Die zweite Tragödie ereignete sich bei der zweiten WM in Brasilien, 2014. Das Endspiel musste ohne den Gastgeber dort stattfinden, obwohl sich dies die 200 Millionen Brasilianer so sehr herbeigesehnt hatten. Im Endspiel stand die Mannschaft, die die Selecao 7:1 im Halbfinale in Belo Horizonte geschlagen, nein, zerschmettert hatte und der Erzrivale aus Argentinien. Wem sollte man nun zujubeln? Man entschied sich mehrheitlich für die deutschen.

Eine Niederlage, die ebenfalls traumatisierte. Das 1:7 ist sprichwörtlich geworden, vergleichbar mit dem Begriff sein Waterloo erleben. Wieder war der Traum vom Titel vor heimischem Publikum geplatzt. Für manchen gilt der Tag der Niederlage sogar als Ausgangspunkt der wirtschaftlichen Krise, die bis zum heutigen Tag anhält.

Im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die Olympischen Sommerspiele 2016 sowie die Paralympics 2016 wurde die Spielstätte komplett renoviert. Die Kosten für die Renovierung beliefen sich auf knapp 316 Millionen Euro. Wieviel der Bausumme tatsächlich in den Umbau flossen, wie viel davon an Schmiergeldern verloren gingen – bislang ist das nicht juristisch aufgearbeitet. Aber es wird. Sergio Cabral, Ex-Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro, zum Zeit der Umbauten und Renovierungen im Amt, sitzt inzwischen in Untersuchungshaft, soll sich die Taschen auch dabei ordentlich vollgemacht haben. Etliche Fälle der Vorteilsnahme und Geldwäsche werden ihm zur Last gelegt, auch im Zusammenhang mit dieser Immobilie.

Und nun unternimmt ein einzelner Club einen gewaltigen Kraftakt, um dem Stadion, das es besser verdient hat, immerhin für eine Nacht zu altem Glanz zu verhelfen. 150 Leute soll der Regattaclub Flamengo in den letzten Tagen und Wochen mobilisiert haben, damit das Spiel gegen San Lorenzo dort stattfinden konnte.

Und: Moment mal. Wie hieß es noch gleich? Vergammeln und verrotten soll es? Den Eindruck hatte ich überhaupt nicht. Genau anders sah es aus. Ein modernes Stadion mit Gängen und Verkehrswegen, breit wie eine Hauptverkehrsstraße. Aufgeräumt und sauber – da bröckelte nichts. Selten hatte ich bisher eine modernere Arena betreten. Ohne ein Bauingenieur  oder –sachverständiger zu sein. Aber dem Augenschein nach kann das Maracana mit vielen Bundesligastadien problemlos mithalten. Was mit dem brauen Rasen geschehen ist? Nun, zumindest sah das, worauf die Spieler spielten, von uns aus (Unterrang) akzeptabel auch. Gut, ich bin kein Gärtner und ich weiß auch, dass man in trockenen Gegenden – etwa in Kalifornien – dazu neigt, der Rasenfarbe künstlich nachzuhelfen. Aber im Großen und Ganzen konnten meine Einrücke die verheerenden Schlagzeilen der vergangenen Wochen nicht bestätigen.

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Angekommen mit der Metro.

Und auch der Kick war gut. Dachte ich noch nach der ersten Hälfte, beide Teams würden sich schwer tun, den Kasten zu treffen (in Hälfte eins traf der Peruaner und Ex-Hamburger Paulo Guerrero einmal den Pfosten), legte Flamengo nach der Pause fulminant los.

Diego, bekannt aus guten Zeiten bei Bremen und weniger guten Zeiten beim VfL Wolfsburg bewies, dass er mit dem ruhenden Ball nach wie vor etwas anzufangen weiß. Schöner Freistoß, 1:0 Flamengo. Das ohnehin laute und lebhafte Publikum sang sich fortan richtig in Extase, zumal Flamengo nachzulegen vermochte. Ebenso sehenswert das 2:0 durch Miguel Trauco und später das 4:0 von Gabriel. Als das 3:0 durch Romulo fiel, war ich gerade Bier holen, spürte aber in den Fußsohlen die Vibration der Begeisterung. Sagenhaft. Paulo Guerrero hätte zwischenzeitlich sogar noch erhöhen können, scheiterte aber mit einem Strafstoß.

Erkenntnisse des Abends:

Antarctica Bier schmeckt auch eiskalt nach nichts.

Wenn Du um 21:15 Uhr gerade sich in der Schlange anstellst, um dein Ticket abzuholen kann es durchaus sein, dass du genau zum Anpfiff im Stadion bist, auch wenn die Schlange vorher 25 Meter lang war. Wenn es um Fußball geht, legen die Brasilianer offenbar gerne einen Zacken zu.

Warum sollte man sich über vermeintlich herausgerissene Sitzschalen aufregen – es stehen doch eh alle die ganze Zeit. Und gefühlt in unserem Block – und überall sonst auch – doppelt so viele, wie eigentlich hinein dürften.

Geht doch. Brasilianische Teams können anscheinend doch große Fußballmomente dort erleben.

Geht doch 2: Warum den Laden jetzt nicht häufiger aufmachen. Anscheinend ist das ja doch irgendwie hinzubekommen. Und wenn es um Fußball geht…siehe oben.

Die Straße hinter dem Bahn-Haltepunkt scheint nicht die beste Ecke zu sein. Taxifahrer halten dort nur auf der anderen Straßenseite und fragen vorher, wohin die Reise gehen soll.

So riesig sieht das Stadion gar nicht aus.

Gelbe und hellblaue Sitze wirken zwar farblich frisch, sind aber eher was für eine Kindergartenbestuhlung, als für ein Stadion.