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Zur Parade der Sieger im Sambadrom von Rio

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Spektakel.

Mindestens eine Sache, die mich von den Brasilianern unterscheidet ist der Tagesrhythmus. Während in Brasilien Konzerte, Fußballspiele und andere Veranstaltungen erst um 22 Uhr oder später beginnen, bin ich um diese Uhrzeit meist schon halb im Bett. Nun machten wir eine Ausnahme: Wir wollten die Parade der Gewinner der Sambaschulen im Sambadrom sehen. Auch hier: Beginn, 22 Uhr.

Sechs Schulen, jede Schule 75 Minuten Zeit, das macht 450 Minuten netto, also siebeneinhalb Stunden, wenn alles optimal läuft. Oder: Wollten wir tatsächlich alle Schulen von vorne bis hinten sehen, müssten wir uns die Nacht komplett um die Ohren schlagen , würde es tags drauf schon wieder hell. Schau‘ mer mal. Weshalb man nicht um 18 Uhr schon beginnen könnte? Keine Ahnung, fände ich auch besser. Doch vielleicht ist es gerade dieses Sich-die-Nacht-um-die-Ohren-schlagen, was den Reiz dieser Veranstaltung ausmacht. Aber sehen wollen wir es trotzdem.

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Spaß dabei.

Karten konnten wir kaufen, im offiziellen Kartenshop, einer stillgelegten Diskothek im Stadtzentrum. Natürlich zum Gringo-Touristen-Preis. Gerüchtehalber hörte ich einige Tage später, dass Einheimische für die selben Tickets nur einen Bruchteil zahlen sollen. Man nimmt es halt von den Lebenden.

Komfort darf man aber nicht erwarten. Die Tribunen der Sektoren (eine Seite ungerade, eine Seite gerade) sind spartanisch: nackter Beton. Drum nehmen sich regelmäßige Desfile-Besucher auch gerne eine Sitzkissen mit, möglichst weich. Und eine Kühltasche, denn die Nacht kann lang werden. Wobei, eigentlich ist das Quatsch. Das Bier zu kühlen vermögen die hier üblichen Kühltaschen ohnehin nicht dauerhaft. Und eigentlich kann man alles vor Ort kaufen.

Schon auf dem Fußweg von der Metrostation, Praca Onze, durch die angrenzende Cidade Nova (an anderen Tagen wäre ich dort vorsichtig) säumen Händler die Straßen: Gegrillte Bockwürste, gewälzt in Farofa und Fleischspieße gibt es dort, natürlich Popcorn, Tapiocas, Maiskolben, Süßkram und alles, was man an Getränken in Blechbüchsen anbieten kann.

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Auch im Sambadrom gibt es Fressstände- und die Getränkeverkäufer bringen einem eiskaltes Wasser und Bier direkt an den Platz. Und gar nicht viel teurer. Statt sechs kostet die Dose dann sieben Euro. Wenn man sieht, wie sich die Verkäufer die Stufen rauf und runter wühlen, durch die sich ständig bewegende Menschenmasse – Augenkontakt suchend, Geldscheine wedelnd, schwitzend, schleppend – dann ist der kleine Aufpreis mehr als gerechtfertigt.

Um 18 Uhr kann man auf die Tribüne, Beginn ist um 22 Uhr. Wir treffen gegen 21 Uhr ein und finden nur mit Mühe noch einen Platz. Hoffentlich muss niemand so schnell auf’s Klo. Denn von hier kommt man so schnell nicht weg. Hoffentlich bricht keine Massenpanik aus, denke ich noch – die beiden Wagenunfälle der ersten Paraden im Hinterkopf. Auf den Tribünen hatte man davon wohl nichts mitbekommen. Aber sollten diese aus irgendeinem Grund einmal schnell geräumt werden müssen, da bin ich sicher, würde Rio sein eigenes Hillsborough erleben.

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Die Hillsborough-Katastrophe war ein schweres Zuschauerunglück mit 96 Toten und 766 Verletzten am 15. April 1989 im Hillsborough Stadium in Sheffield. Sie ereignete sich während des Halbfinalspiels um den FA Cup zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest und gilt als eine der größten Katastrophen in der Geschichte des Fußballs.

Die Ursache für das Unglück war lange umstritten. Erst 27 Jahre später erklärte die Jury einer Untersuchungskommission, dass die 96 Opfer von Sheffield „rechtswidrig getötet“ worden seien. Der damalige Einsatzleiter der Polizei hatte, entgegen seiner früheren Aussage, eingeräumt, durch das unbedachte Öffnen eines Tores eine Mitverantwortung für die Katastrophe zu tragen. Das Stadion, bzw. der Block, in den immer weiter Fans hineingelassen wurden, obwohl er bereits völlig überfüllt war, wurde zur Todesfalle.

Ähnlich würde es auch im Sambadrom werden, fürchte ich. Pro Sektor mir rund 10.000 Zuschauern gibt es genau zwei Treppen, keine Fanggitter, nichts. Die Abgänge sind steil, am Ende warten Drehkreuze. Auch unten, außerhalb der Tribüne ist es eng. Überall Buden, Fahrzeuge und ein Zaun. Hoffen wir einfach, dass wir uns damit nicht weiter auseinandersetzen müssen.

Wieder Temer raus-Rufe

Bevor irgendetwas passiert, erheben sich die Zuschauer für die Nationalhymne. Es folgt die Hymne von Rio. Im anschließenden Moment der Stille brandet der fast schon obligatische „Temer raus-Chor“ auf, vielstimmig, ist aber auch schnell wieder verschwunden. Denn nun geht es ja los: Beija Flor ist die erste Sambaschule des Abends.

Jede Sambaschule hat 75 Minuten Zeit. Zumindest wenn es um den Sieg geht, bei den Paraden am Sonntag und Rosenmontag, wird peinlich genau auf die Einhaltung des Limits geachtet. Jede Sambaschule hat zudem für diese Parade einen eigenen Samba komponieren lassen. Der läuft auf Endlosschleife. Für alle, die den Text nicht können – es sind weniger, als ich gedacht hätte – sind in einem Programmheft alle Texte zum mitsingen abgedruckt. Wird auch fleißig genutzt. Mantraartig wird der Text wiederholt, immer und immer wieder, 75 Minuten lang ein Lied. Am Ende kann selbst ich den Refrain mitsingen und habe das Gefühl,den Song schon ewig zu kennen.

3000 Mitwirkende sollen es alleine bei dieser Schule sein – in Fußgruppen auf Wagen, teilweise so hoch, dass sie die Tänzer mit unsin der letzten Reihe der Tribüne auf Augenhöhe tanzen. Sie tanzen so wild und leidenschaftlich, dass der Wagen in sich wackelt, das Material ist am Limit. Hoffentlich hält alles.

Es ist laut, es ist bunt, alles tanz und sing aus Leibeskräften mit. Bei der Parade sind die Brasilianer wirklich ganz bei sich selbst. Sogar, als von dem, Achtung: Floskel!, närrischen Lindwurm nur noch die Rücklichter zu sehen sind, wird es nicht langweilig.

Jetzt kommen die Jungs in Orange von der Comlurb, dem städtischen Müllentsorger, und fegen die Reste der Sambaschule beiseite. Dafür gibt es warmen Applaus. Regelrechte Begeistungsstürme erntet ein Müllmann, der etwas hinter dem Kehrerfeld liegt, weil er den Zuschauern die Wartezeit mit Tanzeinlagen versüßt. Spontaner Ausbruch von Lebensfreude? Nicht ganz: Sorriso heißt der Mann, oder so wird er jedenfalls genannt. Seine Tanzeinlagen sind seit Jahren ein Geheimtipp der Parade und fast schon alleine ihr Eintrittsgeld wert.

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Warten auf den Auftritt.

Nach Beija Flor, Grande Rio und Mangueira ist für uns Schluss. Es ist fast drei Uhr früh, Eltern und Kinder sind müde. Laura und Eva, über Karneval bei uns zu Besuch, bleiben noch. Sie müssen noch ihre Biervorräte leeren.

Wir verlassen das Sambodrom, suchen ein Taxt. Nicht leicht, rundherum wimmelt es von Leuten, die Straßen sind zu Gassen zugeparkt, irgendwie kommt nichts durch. Entlang der Straße liegen Menschen in halbfertigen Kostümen auf Cangas auf dem Boden, dösen, ruhen sich aus. Sie sind die Mitwirkenden der Sambaschule Portela, dem diesjährigen Sieger. Sie sind zum Schluss an der Reihe. Dann, wenn es längst schon wieder hell geworden ist. Doch noch haben sie Zeit. Zwei Sambaschulen sind ja noch vor ihnen an der Reihe.

Und wie am nächsten Tag in den Zeitungen zu lesen war, könnte auch die Parade der Sieger nicht stattfinden, ohne von einer Tragödie überschattet zu werden. Ein Mann soll am Rande der Parade angeschossen worden sein. Am besten schnell vergessen, diesen Karneval 2017. Doch das wird, trotz allen Widrigkeiten, schwerfallen. Die bunten Bilder der ausgelassen feiernden Menschen überwiegen und werden bleiben.