?

Karneval in Rio: Unfallserie und Temer raus-Rufe!

?

Am Tag vor den Paraden war im Sambodrom noch alles gut.

Das Motto des diesjährigen Karnevals in Rio hätte von Fußball-Weltmeister Andreas Brehme sein können: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“, sagte er einst, angesprochen auf eine sportliche Pechsträhne. Mit einer ähnlichen Serie kann heuer auch die Stadt Rio de Janeiro aufwarten: Kassen leer, politische Krise, vergammelnde Olympiabauten, Streiks im öffentlichen Dienst, einen Polizeistreik knapp abgewendet und etliche Probleme nach wie vor ungelöst – da wollte man wenigstens an Karneval ausgelassen feiern und die Sorgen vergessen. Doch es wurde ein Debakel.

Doch Pustekuchen: Am Sonntag, bei der ersten Parade der Eliteklasse wollte der letzte Wagen der Sambaschule Paraíso do Tuiuti ins Sambodrom einbiegen. Doch der Fahrer des Wagens verlor die Kontrolle über das Gefährt, das daraufhin in eine Menschenmenge fuhr und mehrere Menschen verletzte, davon zwei schwer.

?

Politisch auch die Verkleidungen. Uncle Sam will alles kaufen, Seitenhieb auf Privatisierungen.

Tags drauf ein ähnliches Bild. Diesmal erwischte es die Sambaschule Unidos de Tijuca, in den letzten Jahren immer ganz vorne mit dabei; ihr krachte ein Wagen entzwei, verletzte 17 Menschen. Einziger Trost für die beiden gebeutelten Sambaschulen, die am Ende ziemlich weit hinten landeten: Kurz vor Bekanntgabe der Gewinner verkündeten die Preisrichter, dass in diesem Jahr keine Sambaschule aus der ersten Liga absteigen werde – wegen der Unglücksfälle. Wenn also 2018 die Sambaschule Portela antreten wird, den ersten Titel seit 33 Jahren zu verteidigen, werden 13 Schulen an den beiden Paraden antreten. Anschließend steigen die letzten beiden ab.

?

Fora Temer! Der Ruf wurde zum Gassenhauer.

Und es hatte schon unglücklich begonnen. Marcelo Crivella, frisch angetretener Bürgermeister von Rio und in einem früheren Leben ein Bischof einer evangelikalen Kirche gewesen, bläute die Karnevalseröffnung vorige Woche gleich ganz. 70.000 Zuschauer warteten vergebens darauf, dass er dem dicken König Momo die Schlüssel der Stadt symbolisch überreichen würde. Stattdessen kam, mit einiger Verspätung, der Chef der Kulturabteilung. Offiziell ließ sich Crivella damit entschuldigen, dass er seine grippekranke Frau pflegen müsse. Dem streng reaktionären Evangelikalen ist zu viel Hedonismus und nackte Haut ein Dorn im Auge. Da bleibt man lieber ganz fern.

Doch der Karneval in Rio hatte auch seine positiven Seiten. Viel Aufmerksamkeit erhielt das Thema der Sambaschule Imperatriz Leopoldinense. Sie verband ihren farbenprächtigen Auftritt mit einer glasklaren politischen Botschaft: Die indigenen Völker in Brasilien sind in Gefahr und wesentlichen Anteil daran trägt die Agrarindustrie mit ihrer inzwischen beschleunigten und rücksichtslosen Abholzung der Regenwälder im Amazonasbecken.

?

Bloco.

Für die Agrarlobby ein Affront. Man solle doch nicht den Wirtschaftszweig in den Schmutz ziehen, der als einziger verlässlich nur positive Nachrichten generiere, ätzte der Bauernverband zurück und verlangte, künftig die Themen der Sambaschule von einer neu zu gründenden staatlichen Kommission vorab prüfen zu lassen.

Auch das Siegermotto der Schule Portela war politisch. Es erinnerte an die gewaltige Umweltkatastrophe am Rio Doce vor gut einem Jahr, als ein Dammbruch bei einer Bergbaumine ein riesiges Areal zerstörte und kontaminierte. Man sprach danach von einem brasilianischen Fukushima. Da passte es ins Bild dass mit Portela ausgerechnet die Sambaschule den Sieg errang, deren Präsident im vorigen Jahr im Wahlkampf um den Bürgermeisterposten ermordet wurde – einer von 13 Politikern, die im Wahlkampf ihr Leben lassen mussten.

Und auch im Straßenkarneval ging es politisch zu. Am Freitagabend forderte ein eigener Bloco, so nennen die Cariocas ihre Umzüge, Fora Temer!, Temer raus und tausende tanzten und brüllten sich den politischen Frust von der Seele und forderten zugleich die Wiedereinsetzung der vergangenen August abgesetzten Präsidentin Dilma Rousseff. Beliebtes Accessoire und Souvenir dieses Blocos: Ein Putzlumpen mit dem Konterfei Temers und der Aufschrift Golpista! – Umstürzler!

Der Ausruf „Temer raus“ erlebte ein tausendfaches Echo in etlichen der rund 450 Blocos in Rio, aber auch in Sao Paulo, Belo Horizonte und anderswo. Karneval und Politik – man könnte meinen, dass die Cariocas den Karneval nutzten, um Dampf abzulassen, als Gelegenheit, ihre Meinung zu artikulieren. Das ist vergleichsweise neu, vor allem so geballt. Für manchen Carioca zu geballt. „Karneval und Politik, das passt nicht“, findet meine Sprachlehrerin Karla.

Manch einer mag sich wünschen, dass am Aschermittwoch alles vorbei gewesen wäre. Doch ist es nicht. Bis zum nächsten Wochenende gibt es noch vereinzelt Blocos und am kommenden Samstag, 4. März, steigt im Sambadrom die Parade der Sieger mit den sechs besten Sambaschulen. Ich wette, dass man dort besonders die Ohren anlegen wird.