Argentinien Tapes: Koka-Blätter, Ziegen und eine trampende Polizistin

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Hennes und Messi – geht da was?

Prolog

Mittags ist es selbst auf knapp 1700 Metern im Weinort Cafayate ganz schön schwülheiß, wenn man ausgerechnet im Hochsommer da ist. Sind wir nun mal. Und noch angeschossen von den zwei Flaschen Malbec des Vorabends läuft der Kreislauf nicht runder. Die Sehenswürdigkeiten des Ortes – eine fünfschiffige Kathedrale (oder sah ich noch doppelt) ist relativ schnell abgehakt. Wir beschließen das Mittagessen in einem Restaurant am Platz im Zentrum einzunehmen.

Da tritt ein älterer Mann an den Tisch. Wortlos legt er ein Päckchen mit Blättern auf die Tischdecke, schaut mich fragend an. Keine Ahnung was das ist – Drogen? Ich winke ab, die Kinder sind schließlich dabei.

Eine junge Frau am Nebentisch, Anfang 20, kauft dem Herrn zwei Päckchen ab, für 20 Pesos, ein guter Euro. Wie ein Junkie sieht sie nicht aus. Vermutlich waren es Koka-Blätter. Aber wäre es legal gewesen, welche zu kaufen? Irgendwie neugierig wäre ich ja schon gewesen. Scheint ja auch nicht so schlimm zu sein, wenn die Blätter schon recht offen im Restaurant gedealt werden. Einen Tag später, auf der Rückfahrt von Cafayate nach Salta bekommen wir Gelegenheit, die Rechtslage aus erster Hand zu erfahren.

Die Anhalterin

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Teuelsschlund – eine der zahlreichen Naturattraktionen entlang der RN 68.

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Salta trägt den Beinamen „die Schöne“. Völlig zurecht.

Die Fahrt von Salta nach Cafayate ist landschaftlich spektakulär. Es geht vom üppig grünen Hochplateau knapp 200 Kilometer in südlicher Richtung auf der Rota 68. Die Fahrt ist wie eine Reise durch ein Geographiebuch. Auf der Strecke wechselt die Landschaft nach fast jeder Kurve. Es wird trockener, karger, heißer. Die nackten Felsen sind ein Fest für Geologen – und Fotografen. Auf dem Hinweg hatten wir statt der üblichen 3 Stunden mehr als das Doppelte an Zeit benötigt. Alle paar Kilometer fuhr ich ran, um Fotos zu machen. Die Kinder waren leicht genervt, doch der Akku ihres Kindle war noch gut gefüllt, also trugen sie die Verzögerung mit Fassung.

Auf dem Rückweg wollten wir flotter sein. Ursprünglich hatten wir vor, nach Colomé zu fahren. Dort findet man auf 3111 Metern das höchstgelegene Weingut der Welt. Die Fahrt dorthin, hinauf durch das Nachbartal, wäre eine Tortur geworden – 160 Kilometer Schotterpiste. Doch ein Erdrutsch, ausgelöst durch ein Gewitter, zwang uns zurück auf die Rota 68. Also: lieber schnell zurück und dann vielleicht noch in Ruhe die alte Kolonialstadt Salta anschauen. Denn diese hatten wir nur kurz im Schweinsgalopp erkunden können. Ein Jammer, wie wir fanden. Drum: Bleifuß.

Etwa auf der Mitte der Strecke rasten wir. Wir kennen das Lokal noch vom Hinweg. Das Essen war einfach aber hervorragend: Ziegenkäse mit Oliven, Ravioli gefüllt mit Ziegenkäse, ein Gemüsekuchen. Mehr gibt es nicht auf der Karte. Alles hausgemacht. Daneben eine Weide mit Ziegen. Eltern haben ihr Essen, Kinder den Auslauf. Wunderbar.

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Alles selbst gemacht.

Danach flacht die Strecke ab. Nach Salta sind es noch anderthalb Stunden, die wir irgendwie rumkriegen müssen. In einem kleinen Ort plötzlich eine Rudelbildung. Sieben oder acht Polizisten stehen am Straßenrand. Eine Person in Uniform winkt – wir sollen anhalten. Verkehrskontrolle? Okay, ganz ruhig.

In Brasilien wäre das nun ein Grund, nervös zu werden. Die Polizisten gelten als korrupt – alles andere, als dein Freund und Helfer. Außerdem haben sie den Finger schnell am Abzug. In Argentinien, so hatte uns das der Tourguide Daniel am Anfang der Reise erzählt, solle das nur unwesentlich anders sein. Feine Aussichten.

Ich erinnere mich an eine frühere Reise mit Wiebke durch Südafrika. Wir waren auf dem Weg nach Swasiland, als ein Militärposten Autos stoppte. Auch uns winkten Uniformierte raus. „Soll ich wirklich anhalten?“ fragte ich Wiebke. „Gib Gas!“ sagte sie in einem Reflex. Ich schaute sie erstaunt an. Und hielt dann doch. Wahrscheinlich hätte man uns andernfalls den Leihgolf gesiebt, wie das Fluchtauto von Bonnie und Clyde.

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Wiebke und Andrea.

Auch diesmal hielt ich an. Eine freundliche, rundliche Polizistin streckte den Kopf am Fenster sein und fragte, ob wir sie nicht bis Salta mitnehmen könnten. Jagt so die argentinische Polizei Verbrecher? Ich war erstaunt. Doch weil der Streckenrest langweilig war, die Kinder und das Sixpack Wasser ein wenig zusammenrutschen konnten und uns die Dame sympathisch war, ließen wir sie einsteigen.

Andrea heißt die Polizistin und hatte gerade ihre Schicht beendet. Weil sie nicht auf den Bus warten wollte, versuchte sie eben per Anhalter zu fahren. Hatte ja geklappt. Für mich eine gute Gelegenheit zu fragen, was es mit den Kokablättern auf sich hat.

Auf Portunhol, einer Mischung aus unserem Portugiesisch und ein paar Brocken Spanisch unterhielten wir uns über Fußball (Andrea ist glühender Boca Juniors Fan, sammelt ausländische Münzen (wir hatten noch ein paar Centavos dabei) und liebt Samba-Musik. Natürlich sind wir nun alle auf Facebook befreundet.

Nein, illegal seien die nicht, versicherte mir Andrea. Bei Nachtschichten schiebe sie sich selbst immer wieder ein paar Blätter in die Backentaschen um wach zu bleiben. Tatsächlich hat der Nutzen der Kokapflanze in den Andenländern Tradition. Die Blätter werden als Genussmittel, als Nahrungsergänzungsmittel, für kultische und medizinische Zwecke genutzt. Sie helfen Hunger, Müdigkeit und Kälte zu verdrängen und sind sehr wirksam gegen die Höhenkrankheit, da sie die Sauerstoffaufnahme verbessern.

Untersuchungen haben gezeigt, dass beim Kauen von Koka-Blättern der von der Andenbevölkerung jeweils praktizierte Zusatz von Kalk das ursprünglich in den Blättern vorhandene Alkaloid Kokain in das Alkaloid Ecgonin umwandelt, ein Alkaloid, dem jedes Suchtpotenzial fehlt.

Dies ist auch eine Erklärung dafür, dass das Kauen von Koka-Blättern unter Zusatz von Kalk auch über lange Zeit bei der Andenbevölkerung keinerlei Abhängigkeit entstehen lässt, während im Gegensatz dazu die in den westlichen Ländern geübte Praxis, Kokain als Reinsubstanz zu sich zu nehmen, nach einiger Zeit fast immer Sucht erzeugt.

In  einem Punkt irrt Andrea. Es scheint sich bei Kokain und den Koka-Blättern doch um ein und die selbe Pflanze zu handeln. Wenn sie aber sonst Recht hatte, dann hätte ich problemlos ein Päckchen kaufen können und dieses mit nach Brasilien nehmen. Blöd nur, wenn sie sich ein weiteres Mal geirrt hätte.

Rankommen wäre sicher kein Problem gewesen. Zurück in Salta fiel mir auf, wie unser Taxifahrer (der Mietwagen war schon zurückgegeben) sich drei vier Blätter in die Backen schob. Und als wir wenig später auf den Parkplatz des örtlichen Fußballstadions rollten, sahen alle Parkplatzanweiser so aus, als hätten sie mindestens vier hochgradig entzündete Backenzähne.